Browser-Legende: Danke Netscape, es war nett mit Dir

Eine Ära geht zu Ende: Am 1. Februar wird der Browser zu Grabe getragen, mit dem für viele der Einstieg ins Internet begann - der Netscape Navigator.

Für die Pioniere des Internet-Zeitalters ist es ein Abschied mit Wehmut: Die Entwicklung des Netscape Navigators, einst der am weitesten verbreitete Web-Browser, wird zum 1. Februar eingestellt. An diesem Tag enden Entwicklung und Support.

Ewiges Leben: So wie es der <a href="http://www.dejavu.org/1995win.htm">Netscape-Emulator</a> zeigt, sah das Internet 1995 mit Netscape 1.0 aus
SPIEGEL ONLINE

Ewiges Leben: So wie es der <a href="http://www.dejavu.org/1995win.htm">Netscape-Emulator</a> zeigt, sah das Internet 1995 mit Netscape 1.0 aus

Für die Early Adopters des Internet war der Navigator eine Ikone, die allerdings zuletzt nur noch von hartnäckigen Nostalgikern genutzt wurde: Spätestens mit dem Aufkommen der Mozilla-Browser (Firefox) begann für Netscapes Navigator das Siechtum. In aktuellen Browserstatistiken taucht die Software allenfalls noch unter kaum noch erwähnenswert auf. Unter den Internet-Nutzern, die das Web erst in den letzten Jahren entdeckt haben, ist das Programm kaum noch bekannt.

Zuletzt befand sich die Software in der Obhut des zum Medienkonzern Time Warner gehörenden Internet-Unternehmens AOL, das sich künftig verstärkt auf das Geschäft mit Online-Werbung konzentrieren will.

Die Netscape-Entwickler bei AOL hätten viel Zeit und Energie investiert, um die Software wiederzubeleben, schrieb Netscape-Direktor Tom Drapeau in einem Blog-Beitrag. "Diese Bemühungen zeigten keinen Erfolg bei dem Versuch, Marktanteile von Microsofts Internet Explorer abzuziehen." Zuletzt war Netscape nicht viel mehr als eine etwas andere und weniger aktuelle Version von Firefox, dem populären Open-Source-Browser, der weltweit einen Marktanteil von zehn Prozent hat. In Deutschland sind es sogar mehr als 30 Prozent.

Doch auch wenn der Support endet, wird man den Navigator auch künftig noch aus dem Web herunterladen können. Kompatibilitäts-Updates oder Patches für neu entdeckte Sicherheitslücken wird es von AOL dann aber nicht mehr geben. Entwickler Drapeau empfiehlt daher den letzten Netscape-Getreuen, auf Firefox umzusteigen: Das Mozilla-Projekt war einst aus der Netscape-Entwicklung hervorgegangen und ist aktuell auf dem besten Wege, Microsofts Internet Explorer zumindest in Deutschland vom ersten Platz auf dem Browsermarkt zu verdrängen.

Ein Netscape für alle

Der Netscape Navigator war zwar nicht der erste Web-Browser, aber der erste, der ein Massenpublikum erreichte und damit entscheidend am Internet-Boom beteiligt war.

Vorher war das Internet mit seinen verschiedenen Plattformen weitgehend auf die Anzeige von Text beschränkt; zugehörige Grafiken wurden in einem gesonderten Fenster dargestellt. Erst die Veröffentlichung des bereits 1989 als hausinternes System am Forschungsinstitut CERN entwickelten WWW-Protokolls eröffnete im April 1993 die Möglichkeit, im Internet mehr Multimedialität zu bieten. Einige Software-Entwickler erkannten sofort das Potenzial der neuen Plattform.

Bereits im April 1993 entwickelte ein Team am National Center for Supercomputing Applications (NCSA) an der University of Illinois den ersten grafischen Web-Browser Mosaic. Das Programm wurde zu einem durchschlagenden Erfolg, die Zahl der Web-Server stieg rapide.

Die Erfahrungen mit Mosaic brachten Marc Andreessen und einige seiner Mitentwickler dazu, eine eigene Firma zu gründen, um einen kommerziellen Browser zu entwickeln. Ergebnis war der Netscape Navigator 1.0, veröffentlicht im Dezember 1994.

Netscape leitete den Boom des WWW auch als keimendes Massenmedium und als Plattform für eine ganz neue kommerzielle Medienplattform ein. Der Erfolg der Software machte den Börsengang im August 1995 zu einem fantastischen Erfolg. Der Einführungskurs verdoppelte sich innerhalb eines Tages. Netscapes Marktwert lag damit plötzlich bei zwei Milliarden Dollar, obwohl der Umsatz des ersten Jahres nur 20 Millionen Dollar betrug. Netscape wurde so zum Vorboten der Jahre später einsetzenden Internet-Hysterie, die im Dotcom-Boom gipfelte und im Platzen der Spekulationsblase ihren Tiefpunkt fand.

Erst der Erfolg von Netscape rief auch Microsoft auf den Plan. Wenige Monate vor Netscapes Börsengang hatte Bill Gates sich noch die spektakuläre Fehleinschätzung geleistet, das WWW als nicht weiter wichtig zu verbuchen. Jetzt ruderte der Software-Riese den Trendsettern hinterher - allerdings mit Macht.

Der Software-Marktführer gab seinen Browser Internet Explorer kostenlos ab und integrierte ihn in das Betriebssystem Windows. Dies führte zwar zu einem Kartellverfahren, das zeitweilig sogar den Bestand des Unternehmens in Frage stellte, doch der Erfolg des Microsoft-Browsers war danach nicht mehr aufzuhalten. Schließlich wurde Netscape an AOL verkauft, geriet dort aber auf ein Abstellgleis: Langfristige Verträge mit Microsoft sorgten dafür, dass AOL für den eigenen Dienst den frisch erworbenen Browser gar nicht nutzen durfte.

Die Lage besserte sich erst, als AOL den Quellcode von Netscape freigab und die Weiterentwicklung des Browsers dem Mozilla-Projekt überließ. Das Nebeneinander von Mozilla und Netscape aber sollte auch nicht von Dauer sein: Ab 2002 arbeitete das Mozilla-Projekt verstärkt an einem Browser, der eine schlankere Alternative zum Netscape-Programm werden sollte. Phoenix, später erst Firebird, dann Firefox genannt, wurde zu einem Überraschungserfolg: Bereits 2003 kündigte Mozilla an, seine Kapazitäten künftig auf den Kleinbrowser konzentrieren zu wollen.

Der wurde nun auch zur Basis für den Netscape-Browser: Der im Oktober 2007 vorgestellte Navigator 9 ist nichts anderes als eine für Netscape optisch und in wenigen Funktionen angepasste Version von Firefox 2. Damit endete die Entwicklungsgeschichte des Navigators, am 28. Dezember verkündete AOL per Pressemitteilung das Aus. Direkt betroffen sind von dieser Meldung Schätzungen zufolge noch 0,6 Prozent aller Web-Nutzer. Die meisten Browser-Statistiken weisen Netscape aber längst nicht mehr aus: Der Navigator geht auf in den Mozilla-Browsern.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Netzwelt
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Web
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Zur Startseite

Anzeige
  • Christian Stöcker:
    Spielmacher
    Gespräche mit Pionieren der Gamesbranche.

    Mit Dan Houser ("Grand Theft Auto"), Ken Levine ("Bioshock"), Sid Meier ("Civilization"), Hideo Kojima ("Metal Gear Solid") u.v.A.

    Kindle Edition: 1,99 Euro.

  • Einfach und bequem: Direkt bei Amazon kaufen.