Browser-Marktanteile Internet Explorer weiter im Aufwind

Zum dritten Mal in Folge stellen die Netz-Statistiker von Net Applications einen Zuwachs der Marktanteile beim Internet Explorer fest, während Firefox weiter verliert: das riecht schon nach Trend. Kann es Microsoft gelingen, mit seinem Browser zu alter Stärke zurück zu finden?

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Werkzeuge für das WWW: Browser sind die Tore ins Web
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Über fünf Jahre schien ein Trend auf dem Browsermarkt so stabil, dass er schon fast wie ein Gesetz erschien: Microsofts Internet Explorer (MSIE), lautete dies, verliere ständig an Marktanteilen, und zwar stets zugunsten von Mozillas Firefox. Seit Mai 2010 scheint das genau umgekehrt zu sein, sagen zumindest die Statistiken der Netz-Marktbeobachter von Net Applications. Was man bisher eher als Ausreißer verbuchte, registrieren nun immer mehr Beobachter als Trend. Wenn ein Browser über mehre Monate ganze Prozentzahlen zu- oder abnimmt, ist das im doch sehr zähen, sich nur äußerst langsam entwickelnden Browsermarkt bemerkenswert.

Interessant wird es, wenn man sich dann noch die Details der Marktbewegung ansieht. Die naheliegendste Erklärung für Microsofts Zuwächse ist natürlich die zunehmende Verbreitung von MSIE Version 8 durch die Auslieferung zahlreicher Windows-7-Systeme: Zwischen Oktober 2009 und Juli 2010 soll Microsoft 175 Millionen der Betriebssysteme in Umlauf gebracht haben. Jeder derzeit neu ausgelieferte Windows-Computer hat den Explorer 8 installiert.

Der gilt überdies nach der berüchtigten Virenschleuder MSIE 6 und dem sperrigen Übergangsmodell 7 als bester Browser, den Microsoft bisher zustande gebracht hat. Sind es also vor allem die Gewohnheitsnutzer des Explorers, die nun endlich auf das Top-Modell im Stall umsteigen?

Ja, aber nicht nur. Schaut man auf das gesamte Jahr 2010, verlieren die Programmversionen 6 und 7 mehr Marktanteile (insgesamt: - 6,13 Prozent), als die Programmversion 8 hinzugewinnen kann (insgesamt: + 4,5 Prozent). Über die letzten sieben Monate verlor Microsoft Netto noch immer an Marktmacht. Erst seit Mai hat sich das gedreht und der MSIE zeigt Netto-Zuwächse. Trotzdem bleibt der Browser-Generationenwechsel für Microsoft eine höchst mühselige Sache. Noch immer ist für fast 17 Prozent aller Surfer das mittlerweile ein Jahrzehnt alte Sicherheitsproblem MSIE 6 das Programm der Wahl. Und das, obwohl Microsoft selbst vor der Anwendung des Browsers warnt.

Die aktuellen Browser-Marktanteile (laut Net Applications)

Erheblich dynamischer agiert hier Googles Chrome, der zweite Nutznießer der Firefox-Einbußen. Im Januar verteilte Google eine Betaversion der Programmversion 5, der Marktanteil von Chrome lag damals bei 5,22 Prozent. Erst im Mai folgte die offizielle Veröffentlichung - und innerhalb von nur zwei Monaten wechselten 90,5 Prozent der Chrome-Nutzer zur neuen Programmversion. Zugleich legte der Browser seit Januar 1,94 Prozent auf jetzt 7,16 Prozent zu (ein leichtes Minus gegenüber Juni).

Firefox hingegen scheint seinen Zenit vorerst überschritten zu haben. Seit April - vielleicht dem Höhepunkt seiner Verbreitung - fielen die weltweiten Marktanteile um 1,68 Prozent. Aktuelle, auch nur ansatzweise belastbare deutsche Zahlen liegen nicht vor: Bekannt ist allerdings, dass Firefox hierzulande erheblich stärker aufgestellt ist, bei Privatrechnern einen Marktanteil über 50 Prozent innehat. Gut möglich also, dass die hier beschriebenen Trends in Deutschland und - mit Abstrichen - auch auf dem restlichen europäischen markt nicht im gleichen Maße gelten. Europäische Surfer haben deutlich andere Vorlieben und Präferenzen als die im Rest der Welt.

Aktion Browserchoice: Wirkungslos verpufft?

Dass der so lange anhaltende Boom des Firefox überhaupt stagniert, muss im Mozilla-Lager vor allem deshalb für Enttäuschung sorgen, weil man dort vor allem durch die Aktion Browserchoice auf eine weitere Marktbelebung zugunsten der Alternativ-Browser gehofft hatte. Die EU-Kommission hatte Microsoft dazu verpflichtet, europäischen Kunden auch eine Auswahl an Konkurrenzbrowsern anbieten zu müssen - offenbar ohne, dass das Microsoft geschadet oder den Konkurrenten genützt hätte. Denn außer Chrome ist im Konkurrenzumfeld weit und breit kein echter Zugewinnler zu entdecken.

Richtig spannend dürfte es werden, wenn Microsoft zum Jahresende den MSIE 9 vorstellt. Der Browser soll das erste Web-Surfprogramm von Microsoft werden, das nicht nur von anderen gesetzten Trends und eingeführten Features hinterherrennt, sondern eigene Highlights setzt - und das, wenn man den Vorab-Versionen glauben darf, ausgerechnet in Bezug auf Geschwindigkeit und Standard-Treue.

Dann wäre mittelfristig durchaus wieder denkbar, was über ein halbes Jahrzehnt undenkbar schien: Dass Microsoft auf dem Browsermarkt zu alter Stärke zurückfinden könnte. Abzuwarten bleibt nun, ob die festgestellten Trends auch nach dem Sommer stabil bleiben - oder ob die Rückkehr der technisch versierten studentischen Zielgruppe vom Strand das Pendel wieder in die andere Richtung schwingen lässt. Der Markt bleibt spannend.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 41 Beiträge
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Meckermann 03.08.2010
1. Unterschiede
Viel nehmen sich die Browser ja ohnehin nicht. Die Featurelisten sind fast gleich (jedenfalls was den Normalanwender interessiert) und das Argument wegen mehr Sicherheit zu Firefox zu wechseln, zieht auch nicht mehr, seit ihn jeder benutzt.
travelfox42 03.08.2010
2. AddBlock
Solange ich beim IE keine Werbung ausblenden kann, bleibe ich beim Firefox. Mittlerweile bin ich immer regelrecht erschrocken, wenn ich ohne AddBlock im Internet unterwegs bin...
sappelkopp 03.08.2010
3. Nur ein Argument
Natürlich gibt es ein wichtiges Argument, IE auch weiter nicht zu nutzen. Die Marktmacht von Microsoft. Welchen Müll das Unternehmen ablieferert hat ja jeder täglich auf dem Rechner. Bei den Browsern gibt es seit Jahren Wettbewerb und IE ist besser geworden. Na also, es geht doch! Aber warum soll ich von Firefox wieder zu IE wechseln, da nehme ich doch das Original und nicht den Nachbau, oder?
the_flying_horse, 03.08.2010
4. starkes Argument
Zitat von travelfox42Solange ich beim IE keine Werbung ausblenden kann, bleibe ich beim Firefox. Mittlerweile bin ich immer regelrecht erschrocken, wenn ich ohne AddBlock im Internet unterwegs bin...
Das ist schon mal ein starkes Argument, dazu kommt noch die Stabilität. Ich benutze beruflich beide Browser, mit dem Firefox habe ich alle paar Tage mal einen Hänger, der IE stürzt mir regelmäßig ein paar Mal pro Stunde ab...
Creasy 03.08.2010
5. Re:
Zitat von travelfox42Solange ich beim IE keine Werbung ausblenden kann, bleibe ich beim Firefox. Mittlerweile bin ich immer regelrecht erschrocken, wenn ich ohne AddBlock im Internet unterwegs bin...
und wie erschrocken du dann erst sein wirst, wenn zukünftig jede größere seite nur noch kostenpflichtig ist, was? :D
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