S.P.O.N. - Die Mensch-Maschine Aus Angst empört

Wir sind doch alle Überlebende, irgendwie: Die Reaktionen auf die Brüsseler Anschläge im Netz zeigen, was wir in Momenten des kollektiv erlebten Terrors am meisten brauchen.

Eine Kolumne von


Charlie Hebdo, Germanwings, Paris, Ankara, Brüssel. Es häufen sich die Situationen, in denen die digitale Öffentlichkeit betriebsam innehält, um sich gemeinsam erschüttert in eine bestimmte Richtung zu wenden. Situationen mit einem, einem einzigen Kollektivfokus. Eine Großnotlage wird gemeinsam verarbeitet.

Die nachrichtliche Entwicklung verschmilzt mit persönlicher Einordnung und psychischer Bewältigung, ein neues Phänomen: Kollektivkatastrophen, in Echtzeit medial miterlebt.

Auf merkwürdige, aber irgendwie nachvollziehbare Weise tritt das Publikum selbst, seine Trauer, seine Wut, seine Hilflosigkeit dabei in den Vordergrund, die tatsächlichen Opfer geraten zum Anlass. Das Wichtigste scheint, sich in solchen Situationen nicht allein fühlen zu müssen. Wir sind doch alle Überlebende, irgendwie.

Immer ist irgendwo jemand, der mit dem Smartphone live sendet oder fast live vom Ort des Geschehens oder ein paar Kilometer entfernt, das ist auch Bewältigung, verpackt in eine Nachrichtennachahmung: Bitte, Welt, nimm zur Kenntnis, was wir durchmachen, aber wir haben Glück und bis jetzt überlebt.

Schweigen würde als herzlos interpretiert

Und die Welt, wenigstens die sozialmediale, nimmt zur Kenntnis und reagiert sofort. Mutmaßungen. Vermutungen über Mutmaßungen. Und als Gegenreaktion wieder Vermutungen, um dritte Vermutungen zu widerlegen. Mit der Zahl der Likes nimmt die Glaubwürdigkeit zu, auch bei denen, die wissen, dass das Quatsch ist.

Die Politik postet Betroffenheitshülsen, aber was soll man auch sonst tun? Es sind Netzrituale, nach zehn Jahren Twitter und zwölf Jahren Facebook gibt es Weltsituationen, zu denen man sich offenbar im Netz äußern muss. Wo Schweigen als herzlos interpretiert würde.

Aber bei welchen Ereignissen hält die gesamte Öffentlichkeit inne? Warum sind die meisten Anschläge keine Erwähnung wert, die in Brüssel aber schon? Eigentlich ist diese Gegenüberstellung nicht fair.

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Terror in Belgien: Anschlag auf das Herz Europas
Denn ein Dilemma wird in solchen Momenten offenbar, dass man gezwungen ist, konzentrische Kreise der Wichtigkeit um sich herum zu ziehen. Es ist fürchterlich normal, dass einem 60 Tote in der gleichen Stadt näher gehen als 60 Tote in Dikwa. Äh, wo? Ja, genau.

In dieser Haltung liegt eine unauflösbare Perversion, schon immer, aber mit der Nähe, der Intensität und der Dauerkommunikationspflicht der sozialen Medien lässt sie sich die Perversion kaum mehr ignorieren.

Warum sind jetzt alle Brüssel, warum waren so wenige hierzulande Ankara, wo ebenso mörderische Anschläge stattfanden, vor wenigen Tagen? Die Antwort schmerzt, und türkische Deutsche und deutsche Türken schmerzt sie doppelt, weil sie die Antwort jeden Tag spüren: Brüssel und Paris, das könnten wir sein. Ankara und Istanbul, das sind - für die meisten Deutschen - doch eher die anderen. Sie ist so tief in uns verankert, diese Pest des Schwarz-Weiß-Denkens, von der man sich kaum lösen kann. War nicht auch kürzlich irgendwas in Afrika, Somalia oder Nigeria oder Sudan? Oder so? Was mit Boko Haram?

Konzentrische Kreise der Empathie

Ja, aber auswendig wissen das nicht einmal diejenigen, die sich darüber beschwerten, dass niemand #ichbinistanbul twitterte. Jeden einzelnen Tag werden nach einer Mordstudie der Uno von 2013 weltweit rund 1.200 Menschen ermordet, Kriege nicht einmal eingerechnet. Mit jedem Opfer, das man hervorhebt, verschweigt man 1.199 andere, wahrscheinlich geht es gar nicht anders. Konzentrische Kreise der Empathie, aus Selbstschutz, um nicht durchzudrehen, Brüssel sticht Ankara, Ankara sticht Aleppo, Aleppo sticht Bagdad, dann kommt lange nichts und dann Dikwa. Dort starben bei einem Selbstmordattentat 58 Menschen, hauptsächlich Frauen. Vor sechs Wochen. Weiß niemand mehr, niemand war Dikwa und niemand hat sich öffentlich beschwert, dass niemand Dikwa war. Keine Denkmäler wurden in nigerianischen Landesfarben angestrahlt.

Der Hashtag #stopislam ist weltweit in den Twitter-Trends, der Begriff wurde von mehreren Hunderttausend Leuten verwendet. Allerdings hat die "Washington Post" herausgefunden, dass der Begriff überhaupt erst durch Gegenwehr groß wurde. Auch das ist ein Kennzeichen der neuen, sozialen Öffentlichkeit im Netz: Anti-Agenda-Setting, Themen durch heftigen Widerspruch überhaupt erst sichtbar werden lassen. Leicht ausnutzbar, vermutlich, aber das ist gerade nicht so wichtig.

In der Nachschau wird es wichtig werden. In der Diskussion um die Ursachen des Terrors, denn natürlich haben die Terroranschläge etwas mit dem Islam zu tun, es waren Islamisten, offenbar, die Miliz "Islamischer Staat" hat sich bekannt - aber was genau haben sie mit dem Islam zu tun? Wie radikalisieren sich oft in Europa geborene Muslime? bis zum Selbstmordattentat? Und wie verhindert man bei der Erforschung und notwendigen Bekämpfung dieser Umstände, dass die Millionen friedfertiger Muslime in den Strudel gezogen werden, weil undifferenziertes Herumhassen das Letzte ist, was jetzt gebraucht wird?

Postings werden herumgereicht, von zwei Politikerinnen. Man kann sie als zynisch empfinden. Im Wein liegt die Wahrheit, im Weinen liegt die Wahrheit aber auch und erst Recht in der Wut. Eine ist bei der AfD, okay, erwartbar. Die andere hat auf Facebook Merkel direkt für die Anschläge verantwortlich gemacht. Sie war DDR-Bürgerrechtlerin, dann Grüne, dann CDU-Bundestagsabgeordnete, jetzt Autorin für sehr rechte Blogs. Ihr Sohn, inzwischen auch CDU-Bundestagsabgeordneter, erklärt auf Twitter, er habe seiner Mutter schon "seit Längerem sehr eindringlich geraten, ihr Facebook-Profil zu löschen". Später sagt sie, es sei eine (enorm unwahrscheinliche) Art des technischen Versehens gewesen. Die verschiedenen Formen des Zurückruderns nach Internet-Entgleisungen taugen inzwischen für ein eigenes Absurditätenkabinett.

Aus Angst empört

Aber auch auf der anderen Seite ist es leicht, verstört zu werden. Die Leichen des Terroranschlags mögen noch warm sein, da wird ernsthaft davor gewarnt, den Islam nicht vorzuverurteilen. Man ahnt, woher dieser Reflex kommt. Auch ich glaube zwar, dass eine neonationalistische, mobhafte Bewegung die größte Gefahr für Deutschland darstellt, noch vor islamistischem Terror. Hunderte Tote durch rechtsextremen Terror in den letzten Dekaden sprechen eine eindeutige Sprache. Aber Timing ist ein sehr wichtiger Faktor in solchen kollektiven Trauersituationen, und wer genau jetzt ausschließlich vor rechtem Terror warnt, während islamistische Faschisten soeben gemordet haben, der verdrängt Wesentliches. Man kann auch durch Ignorieren zynisch sein.

Es verrät so viel, wie man persönlich reagiert, wenn man auf der digitalen, sozialen Bühne steht, und unvorbereitet auf das Weltgeschehen aufprallt, das einen zur öffentlichen Reaktion zu zwingen scheint. Der kollektive Schockmoment als Spiegel der Persönlichkeit für jeden einzelnen. Wie dann aber die Trauer in Wut kippt, weil es viel leichter ist, wütend zu sein als traurig zu sein. Wie die Angst verdrängt wird, zum Beispiel mit Empörung. Aus Angst empört, das könnte ein Motto sein der sozialen Medien in Extremsituationen.

Einige veröffentlichen Bilder, auf denen zu lesen ist "I'm not afraid". Es handelt sich um ein Mem, ein adaptiertes Netz-Zitat. Groß wurde es nach den Anschlägen des 11. September. Es ist als kollektive Reaktion gedacht, weil Terrorismus das Ziel hat, Angst zu säen. Man möchte ausdrücken, dass die Terroristen ihr Ziel nicht erreicht haben. Aber das Ritual hat sich abgenutzt, es ist zum Fanal der Hilflosigkeit geworden, weil es so offensichtlich unwahr ist, aus dem 1000 Kilometer entfernten, bequemen Sessel lässt sich ganz einfach mit einem Klick posten "Ich habe keine Angst". Vor Ort nicht. "I'm not afraid" ist Pfeifen im Walde in Zitatform, ein Zeichen der Autosuggestion, es bedeutet eigentlich: "Ich will keine Angst haben müssen."

Ich lebe in Frieden, nicht in Lebensgefahr

Und dann gibt es die zwei, drei hingeworfenen Bemerkungen auf Facebook, auf Twitter, die einem zeigen: Da sind auch Menschen im Netz, kluge, empfindsame, erschütterte. Wie schlimm, wie schön, dass in solchen Situationen zwei Halbsätze reichen können um zu wissen - oh, dieser Person, von der ich nur das Profilbild kenne und einen Namen, der vielleicht echt ist - der würde ich im Notfall vertrauen. Kollektive Echtzeitkatastrophen als Erkenntnismomente.

Und dann das Livegefühl, dabei zu sein, wenn die Welt geschieht. Einige erzählen von Aufenthalten in Brüssel, von Freunden, Verwandten in Belgien. Konstruktionen der Mitbetroffenheit, um zu rechtfertigen, dass man sich öffentlich äußert. Man möchte Informationen zusammentragen. Der Durst, wissen zu müssen, man klammert sich an jeden Strohhalm, da, ein Livestream oder auch ein Videoclip von vorhin, nicht viel zu sehen, verwackelte Bilder von irgendeiner Straße mit rennenden Leuten, Schreie, alles unverständlich, aber man spürt die Anspannung. Und die Gemeinsamkeit. Da ist so viel Selbstvergewisserung, mir kriecht die Gänsehaut die Arme hoch, euch auch? Bitte sagt mir, dass ich nicht der Einzige bin, der sich fürchtet, der trauert. Ich kenne niemanden in Brüssel, aber ich könnte jemanden in Brüssel kennen, das ist fast dasselbe.

Der Durst nach Erklärungen, der nicht unmittelbar gestillt werden kann, weil Nachrichten, weil rohe Informationen gar nicht sind, wonach man sucht. Vielmehr versucht man, sein ins Wanken geratenes Weltbild, also das Bild der eigenen Welt zu stabilisieren, dessen selten formulierter Kern ist: Ich lebe in Frieden, nicht in Lebensgefahr. Ich muss keine Angst haben vor Bomben, Krieg und Tod. Ich lebe im Glück, und es wird deutlich durch den Kontrast, den ich soeben im Netz in allen Schrecklichkeiten nacherleben kann. Glück ist, kein Unglück zu haben, Leben ist, gerade nicht gestorben zu sein.

Ich möchte Informationen, aber eigentlich möchte ich Einordnung, aber eigentlich möchte ich Rückversicherung, aber eigentlich möchte ich Trost, aber eigentlich möchte ich bloß nicht allein sein. Nicht jetzt.

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insgesamt 109 Beiträge
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Seite 1
otzer 23.03.2016
1. Vielleicht sollten Sie die psychologische Analyse...
des Umgangs mit solchen tragischen Ereignissen lieber Fachleuten überlassen. Die haben eine jahrelange Ausbildung und ggf. auch Erfahrung damit. Eines noch: Es ist eine Selbstverständlichkeit, dass einem (sozial, kulturell und geographisch) "nähere" Ereignisse näher gehen als diesbzgl. weiter entfernte. Das liegt wohl in der Natur des Menschen.
Eduschu 23.03.2016
2.
Das klingt leider ein wenig nach Schuldzuweisung. Warum sind wir nicht gleichermaßen betroffen, wenn in Ankara etwas Ähnliches wie in Brüssel passiert? Antwort: Stellen Sie die Frage noch einmal, wenn etwas Zeit verstrichen ist, im Moment ist sie deplaziert.
magik_one 23.03.2016
3. Ein wenig Recherche lohnt
"Denn natürlich haben die Terroranschläge etwas mit dem Islam zu tun ... - aber was genau haben sie mit dem Islam zu tun?" Wer das wissen möchte, sollte die Sunna (Überlieferungen vom Leben Mohammeds) lesen. Mohammed, der im Islam als perfekter Mensch gilt, den jeder Muslim nachahmen sollte, war ein Massenmörder, der seine Religion mit Waffengewalt verbreitet hat. Solange der Westen diese Komponente des Islam nicht begreift, wird er sich weiter muslimischer Gewalt ausliefern.
Hank Hill 23.03.2016
4. Brüssel
liegt näher als Ankara oder Aleppo. So einfach ist das. Und die angebliche Betroffenheit "im Netz" ist nur der Ausdruck von Wichtigtuern. Der Autor braucht wieder einmal viele Zeilen für einfache Sachverhalte.
mac4me 23.03.2016
5. Wenn uns das Elend der Welt...
...so naheginge wie das vor unserer Haustür, würden wir krank.
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