Internet-Reisebericht "Kabelsalat": Mit Lichtblitzen einmal um die Welt

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Kann man das Internet besuchen? Der Journalist Andrew Blum hat es versucht: Er machte sich entlang von Glasfaserkabeln auf zu den Knotenpunkten und Rechenzentren des weltweiten Datenverkehrs. "Kabelsalat" heißt sein Reisebericht - ein lesenswertes Geografiebuch.

In einer Fabrikhalle in Milwaukee, in einem Industriegebiet im Nordwesten der Stadt, steht eine Druckmaschine von der Größe eines Omnibusses. Der Boden vibriert, die Maschine spuckt Papier. Darauf zu sehen ist eine große Weltkarte, kleine Linien verbinden die Kontinente, schlängeln sich an den Küsten entlang. Das sind die Seekabel, Glasfaserleitungen, über die Daten um den Globus geschickt werden. Hier in Milwaukee wird das Internet ausgedruckt.

Genauer gesagt lässt hier das Unternehmen TeleGeography das Ergebnis monatelanger Marktforschung drucken: ein Verzeichnis der weltweiten Internetverbindungen. So beginnt der Journalist Andrew Blum sein Buch "Kabelsalat". Es ist ein Reisebericht, Blum hat Rechenzentren und Netzknoten besucht, auf der Suche nach dem Internet.

Der Ausgangspunkt der Reise, Milwaukee, war mit seinen vielen Fabriken einst die Werkstatt der Welt. Bis viele Jobs nach Übersee wanderten, Fabriken schlossen und die Stadt Teil des sogenannten Rostgürtels wurde. Was das mit dem Internet zu tun hat? Bevor die Druckmaschine anspringt, muss sich erst ein Techniker aus Deutschland mit der Presse verbinden, über ein Transatlantikkabel, um einen Fehler zu beheben.

Maschine im Inneren des Internets

Tatsächlich interessiert sich Blum nicht ausschließlich für Bits, Bytes und Glasfaserkabel, sondern ebenso für Orte und wie sich deren Bedeutung mit der Zeit wandelt. Heute haben ganz neue Orte Bedeutung als weltweite Knotenpunkte gewonnen. Zum Beispiel die Datenaustauschzentren in Amsterdam, London und Ashburn, einer Kleinstadt im Nordwesten von Washington. Im trist-grauen Frankfurt ist der Datenreisende Blum fast ein wenig enttäuscht. Er besichtigt das DE-CIX, einen zentralen Austauschknoten, bei dem Hunderte Unternehmen Daten hin- und hertauschen.

In einem schlichten Gebäude steht ein schwarzer Kasten, aus dem gelbe Glasfaserkabel quellen. Ein Router der Firma Brocade, Typ MLX-32. Der "Core1.de-cix.net". Eine Maschine im Inneren des Internets. Das ganze erinnert Blum, wie er schreibt, in seiner Schlichtheit an eine Flughafentoilette. Das Internet mag ein technisches Wunder sein, es ist nur leider nicht besonders sexy.

Auf seiner Entdeckungsreise begegnet der Autor mit staunenden Augen Technikern, die in Lissabon die Ankunft eines neuen Seekabels vorbereiten oder in New York eine neue Glasfaser unter die Straße bringen. Außerdem trifft er den Internetpionier Leonard Kleinrock, der 1969 eine erste Datenverbindung zwischen zwei Computern herstellte, und erzählt die Geburtsstunde des Internet-Vorläufers Arpanet nach.

Lissabon, Marseille, Hongkong

Blums Reisebericht ist Bestandsaufnahme und historischer Rückblick zugleich. Er zeigt, was für Anstrengungen nötig sind, damit das Internet uns weltweit verbindet. Wie Lichtblitze in kaum armdicken Kabeln auf dem Grund des Ozeans einmal um die Welt flackern. Schon einmal gab es einen Journalisten, der einen solch ausführlichen Internet-Reisebericht gewagt hat. Neal Stephenson war das, seine epische Reportage "Mother Earth Mother Board" erschien 1996 in der US-Zeitschrift "Wired". An ihr muss sich "Kabelsalat" messen lassen.

Blum muss sich nicht verstecken. Er schafft es, viele kleine Beobachtungen zu einer großen Internet-Erzählung zusammenzufügen. Auch wenn es ihm nicht gelingt, seine Leser ähnlich atemlos zu fesseln wie Stephenson, ist "Kabelsalat" eine faszinierende Entdeckungsreise. Bei der Beschreibung der Internet-Architektur hält er sich nicht mit zu vielen Details und zu vielen Zahlen auf. Das fördert in jedem Fall die Lesbarkeit - und mehr Details finden sich schließlich im Internet.

Dafür kümmert sich Blum mehr um geografische Details als Stephenson. Während das Internet bisher eher unbeachteten Orten Bedeutung verschafft - als Austauschpunkt oder als günstiger Standort für riesige Rechenzentren - stellt Blum ebenso Konstanten fest: Lissabon, Marseille, Hongkong, Singapur, New York und Alexandria sind nicht nur wichtige Hafenstädte. Hier kommen die Seekabel nach Tausenden Kilometern wieder an Land: "An den Seekabeln zeigt sich, wie diese neue Geografie bis ins Detail der alten folgt."

Warum lesen? Weil das Internet nicht aus dem Kabel in der Wand kommt, genauso wie der Strom nicht aus der Steckdose kommt. "Kabelsalat" beschreibt die physischen Grundlagen der größten, mächtigsten Erfindung unserer Zeit. Wer sich dafür nicht erwärmen kann, sollte am besten Smartphones und sonstige Computer komplett aus seinem Leben verbannen.

Zweite Meinung: Die "New York Times" lobt den unaufdringlichen Schreibstil des Autors, der wissen will, welcher Infrastruktur er da sein (digitales) Leben anvertraut, und befindet: ein wertvolles Buch.

Zuletzt in den Bookmarks auf SPIEGEL ONLINE: "Cypherpunks" von Julian Assange, Kevin Mitnicks "Das Phantom im Netz" und "LG ;-)" von Nina Pauer.

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