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"Present Shock": Vom Leben in der Echtzeit-Falle

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Alles, und zwar sofort: Wir erleben einen Jetzt-Schock, schreibt Medienforscher Douglas Rushkoff in seinem Buch. Durch Technik ist unser Verständnis von Zeit, von Vergangenheit und Zukunft, kräftig durcheinander geraten - und niemand ist vor den Folgen des "Present Shock" sicher.

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"Present Shock": Alles ist Liveticker

Wenn der CNN-Moderator vor der Kamera steht und berichten soll, obwohl er selbst noch nicht viel mehr weiß: Das ist der Echtzeit-Shock. In der vergangenen Woche ließ sich der beobachten. In Boston waren die beiden mutmaßlichen Bombenleger noch nicht gefasst, da standen die Reporter vor den Kameras, blickten hektisch auf ihre Telefone und suchten nach Neuigkeiten, die sie sogleich weitgehend ungeprüft aufsagen konnten.

An die Stelle einer mehr oder weniger abgeschlossenen Geschichte - Bombenanschlag, Verdächtige versteckten sich vor der Polizei, wurden gefasst - rückt das Jetzt. Der Moderator und der Zuschauer sind mittendrin, auf dem zweiten Bildschirm laufen die Twitter-Nachrichten ein, abgeschrieben aus dem Polizeifunk. Wir bekommen eine überwältigende Flut an Informationen angespült, gleichzeitig, sich unterbrechend, oft widersprüchlich.

Der Medienwissenschaftler Douglas Rushkoff hat dieses Phänomen untersucht. In seinem neuen Buch "Present Shock" untersucht er die Folgen der Echtzeit und wie Menschen darauf reagieren. Es ist das richtige Buch zur rechten Zeit. Nicht zuletzt geht es um die Immobilienkrise in den USA, um die bevorstehende Herrschaft der Maschinen und die Lust an der Apokalypse. Rushkoff hat bereits ein Dutzend Bücher über Technologie und Gesellschaft geschrieben. "Present Shock" könnte sein bisher wichtigstes sein.

Ein ganzes Leben auf einen Klick

Denn es geht um mehr als digitale Überforderung. Rushkoff stellt einen grundsätzlichen Wandel fest, und er ist zu schlau, diesen gleich moralisch zu bewerten. An Beispielen aus der Popkultur, an Serien wie "Die Simpsons" und Reality-Fernsehtrash, zeigt er, wie sich die Formen des Erzählens ändern. Homer Simpson sitzt auf seinem Sofa und reagiert nur auf das, was um ihn herum passiert. Wenn wir die nächsten fünf Folgen verpassen, können wir danach trotzdem einfach weitersehen. Im Reality-Fernsehen wird die Kamera draufgehalten, es wird schon etwas passieren. Die klassische Erzählweise ist kollabiert, alles ist Liveticker.

Eine andere Folge des "Present Schock" attestiert der Autor Kampfpiloten, die von zu Hause aus Drohnen in Kriegsgebieten steuern und zum Abendessen ihre Familie wiedersehen. Laut Rushkoff wollen Menschen seit Jahrhunderten linear vor sich hinleben, werden durch die Technik aber in mehrere, unterschiedlich Wirklichkeiten gleichzeitig gezerrt. Das in Einklang zu bringen, fordert viel ab. "Digiphrenia" nennt Rushkoff diesen Zustand am Rande zur Erschöpfung.

Auch wenn der Personaler im Facebook-Account des Bewerbers stöbert, und ein ganzes Leben vor ihm ausgebreitet liegt, ist das laut Rushkoff ein "Present Shock". Die Vergangenheit vergeht nicht mehr.

Unsere Welt überfordert uns

Vielleicht ist es ja gar nicht verkehrt, dass wir im Hier und Jetzt leben. Man lebt schließlich nur einmal. Rushkoff schreibt vom Zukunftsforscher Raymond Kurzweil, der mittlerweile bei Google an künstlicher Intelligenz arbeitet. Laut Kurzweil könnten Computer im Jahr 2050 nämlich in der Lage sein, sich selbst zu verbessern - ab dann hängt Fortschritt ohnehin nicht mehr von Menschen und ihrer Fähigkeit ab, mit wachsender Komplexität umgehen zu können.

In eine ähnliche Richtung geht der ehemalige "Wired"-Chef Kevin Kelly, wenn er die Entwicklung der Technologie als unumgänglich beschreibt und ihr einen eigenen Willen, eine Stoßrichtung zuschreibt. Rushkoff sieht diese Vorhersagen allerdings kritisch, als eine Sehnsucht, die nur eine weitere Folge des "Present Shocks" ist. Ähnlich wie in Religionen wird auf ein alternativloses, bald bevorstehendes Ende verwiesen, den Moment der Erweckung, mit dem unsere verwirrende, überfordernde Realität endlich aufhört.

Wer den Echtzeit-Schock erlebt, neigt zum apokalyptischen Denken. Rushkoff zeigt aber auch Auswege aus der Jetzt-Falle: ein bewusster Umgang mit Zeit, ein Zurücktreten aus dem Strom, eine Würdigung ungestörter Momente und das Hören auf die innere Uhr. Die Ironie, in Zeiten des "Present Shock" ein Buch geschrieben zu haben, wo doch vor allem kleine Newshappen leichter konsumiert werden können, entgeht ihm nicht. "Danke für Ihre Zeit", schreibt Rushkoff. Sie war es wert.

Das sagen die anderen: Die "New York Times" schreibt, "Present Shock" sei eines jener Bücher von unschätzbarem Wert, die uns etwas verstehen lassen, was wir zur Hälfte schon wissen. "Wired" schreibt von einem Lesevergnügen: Viele von Rushkoffs Beispielen seien glaubhaft und scheinen rückblickend geradezu offensichtlich.

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1.
mm71 23.04.2013
Zitat von sysopAlles, und zwar sofort: Wir erleben einen Jetzt-Schock, schreibt Medienforscher Douglas Rushkoff in seinem Buch. Durch Technik ist unser Verständnis von Zeit, von Vergangenheit und Zukunft, kräftig durcheinander geraten - und niemand ist vor den Folgen des "Present Shock" sicher. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/buch-von-douglas-rushkoff-present-shock-a-892095.html
Ich sehe im aktuell grassierenden Online-und Echtzeit-Wahn auch ein Problem. Um in Echtzeit informiert zu sein, muss ich permanent meine Aufmerksamkeit auf die Quellen richten. Newsticker, Twitterfeed, Facebook-Timeline, Sms, Emails, Newsseite aktualisieren - bloss nichts verpassen. In der nächsten Stunde werden schon wieder andere Artikel oben stehen, und wer klickt schon zwei drei Ebenen runter... Diese geraubte Aufmerksamkeit fehlt dann woanders, da der Tag ja immer noch nur 24h hat. Kontemplation, Wichtiges von Unwichtigem trennen, dafür bleibt kaum noch Zeit. Jeder möge sich mal fragen: Bei welchen Nachrichten der vergangenen Zeit hat es wirklich einen Unterschied gemacht, ob man sie sofort, heute abend in der Tagesschau oder morgen früh in der Zeitung erfährt? Vermutlich gar keine, vielleicht eine. Und dafür betreibt man einen immensen Online-Aufmerksamkeits-Aufwand.....
2. ...
Wolffpack 23.04.2013
Zitat von mm71Ich sehe im aktuell grassierenden Online-und Echtzeit-Wahn auch ein Problem. Um in Echtzeit informiert zu sein, muss ich permanent meine Aufmerksamkeit auf die Quellen richten. Newsticker, Twitterfeed, Facebook-Timeline, Sms, Emails, Newsseite aktualisieren - bloss nichts verpassen. In der nächsten Stunde werden schon wieder andere Artikel oben stehen, und wer klickt schon zwei drei Ebenen runter... Diese geraubte Aufmerksamkeit fehlt dann woanders, da der Tag ja immer noch nur 24h hat. Kontemplation, Wichtiges von Unwichtigem trennen, dafür bleibt kaum noch Zeit. Jeder möge sich mal fragen: Bei welchen Nachrichten der vergangenen Zeit hat es wirklich einen Unterschied gemacht, ob man sie sofort, heute abend in der Tagesschau oder morgen früh in der Zeitung erfährt? Vermutlich gar keine, vielleicht eine. Und dafür betreibt man einen immensen Online-Aufmerksamkeits-Aufwand.....
Man kann sich das Leben auch selbst hart machen. Warum sollte ich diese hier lesen: > Newsticker, Twitterfeed, Facebook-Timeline, Vom ersteren kann man sich im Nachhinein (sprich einen Tag danach) meist eine viel effizientere und kürzere und mit weniger falschen Infos bestückte Zusammenfassung durchlesen. Beim Zweiten möchte ich den 'Autoren' meistens am liebsten eine ins Gesicht langen für so viel Blödheit und beim Dritten wäre es ähnlich, hätte ich Facebook. Die dreimal am Tag zehn Minuten ein paar News-Seiten überfliegen (speziell, wenn man das in Transitzeiten wie Bahnfahrt tut) lassen sich immer gut unterbringen. Emails und SMS... Naja, wenn jemand neben mir stehen würde, dann würde ich ihm schließlich auch antworten. Keine Ahnung was daran anstrengen sein soll.
3.
mm71 23.04.2013
Zitat von WolffpackMan kann sich das Leben auch selbst hart machen. Warum sollte ich diese hier lesen: > Newsticker, Twitterfeed, Facebook-Timeline, Vom ersteren kann man sich im Nachhinein (sprich einen Tag danach) meist eine viel effizientere und kürzere und mit weniger falschen Infos bestückte Zusammenfassung durchlesen. Beim Zweiten möchte ich den 'Autoren' meistens am liebsten eine ins Gesicht langen für so viel Blödheit und beim Dritten wäre es ähnlich, hätte ich Facebook. Die dreimal am Tag zehn Minuten ein paar News-Seiten überfliegen (speziell, wenn man das in Transitzeiten wie Bahnfahrt tut) lassen sich immer gut unterbringen. Emails und SMS... Naja, wenn jemand neben mir stehen würde, dann würde ich ihm schließlich auch antworten. Keine Ahnung was daran anstrengen sein soll.
Wenn Sie das anders machen, dann nutzen Sie die Medien effizient und da will ich auch überhaupt nichts gegen sagen. Ich kenne aber um mich herum etliche Personen, die permanent online irgendetwas machen, aber trotzdem unterm Strich am Ende des Tages weniger mitbekommen haben als ich Gelegenheitsnutzer. Und ich glaube vielen ist das Ausmaß dieser Dauerablenkung gar nicht richtig bewusst.
4.
a24 23.04.2013
Zitat von mm71Ich sehe im aktuell grassierenden Online-und Echtzeit-Wahn auch ein Problem. Um in Echtzeit informiert zu sein, muss ich permanent meine Aufmerksamkeit auf die Quellen richten. Newsticker, Twitterfeed, Facebook-Timeline, Sms, Emails, Newsseite aktualisieren - bloss nichts verpassen. In der nächsten Stunde werden schon wieder andere Artikel oben stehen, und wer klickt schon zwei drei Ebenen runter... Diese geraubte Aufmerksamkeit fehlt dann woanders, da der Tag ja immer noch nur 24h hat. Kontemplation, Wichtiges von Unwichtigem trennen, dafür bleibt kaum noch Zeit. Jeder möge sich mal fragen: Bei welchen Nachrichten der vergangenen Zeit hat es wirklich einen Unterschied gemacht, ob man sie sofort, heute abend in der Tagesschau oder morgen früh in der Zeitung erfährt? Vermutlich gar keine, vielleicht eine. Und dafür betreibt man einen immensen Online-Aufmerksamkeits-Aufwand.....
Ich sehe das Problem nicht, wer regelmäßig Blogs, Facebook oder News-Seiten checkt macht das zur Entspannung und betreibt keinen 'Aufwand'. Natürlich hält das von der Arbeit oder anderen vermeintlich wichtigen Dingen ab, aber das Leben ist doch nicht nur zum Arbeiten da.
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Zum Autor
  • Douglas Rushkoff wurde 1961 geboren. Sein erstes Buch über das Internet, "Cyberia", erschien 1994. Seitdem hat der Princeton-Absolvent und promovierte Medienwissenschaftler mehrere Bestseller geschrieben. Rushkoff lebt in New York.

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