Bürgerfunk im Netz Live-Webradio per Handy

Ein Telefon und eine gute Idee, mehr braucht man nicht, um einen eigenen Web-Radio-Sender zu gründen. In den USA sind die Amateur-Talkshows längst der Renner. Ein deutscher Anbieter versucht nun, den kruden Charme des Selbstmachradios auch hier zu vermarkten.


Leicht angeschickert plappert Fußballmoderator Erik in das Mikrofon seines Handys: "Peter geht auf Toilette. Vielen Dank. Hier gehen alle aufs Klo. Und ich kann auch nicht mehr weiter." Der komische Kommentar kommt kurz nach dem Schlusspfiff im Spiel des FC St. Pauli gegen 1899 Hoffenheim. St. Pauli hat gewonnen.

Bürgerradio im Web: Ein Handy reicht, um Live-Radiomoderationen ins Netz senden zu können

Bürgerradio im Web: Ein Handy reicht, um Live-Radiomoderationen ins Netz senden zu können

Das Publikum ist selig und auch den Kommentator ergreift das Stadionfieber: "Wir feiern in den letzten Sonnenstrahlen. Das Millerntor scheint golden. Es ist einfach irre." Dass er sich derart gehen lassen kann verdankt Erik der Natur des Mediums über das er sich mitteilt: Erik ist Hobbymoderator, kommentiert Fußballspiele live über seinen eigenen kleinen Radiokanal auf der Webseite 100mikes.com.

Deshalb muss er auch weder unparteiisch noch nüchtern sein. Denn 1000Mikes.com ist eine Art Bürgerfunk 2.0. Jeder kann dort zum Moderator seines eigenen Mini-Radiosenders werden. Nach der Registrierung auf der Website genügt ein Anruf bei einer Hamburger Festnetznummer und man ist live on air - zumindest als Echtzeit-Stream auf der 1000Mikes-Seite.

Noch kann von 1000 Mikrofonen aber nicht die Rede sein. Seit das Angebot vor drei Wochen eröffnet wurde, sind knapp 200 Kanäle online. Täglich senden bis zu 30 Moderatoren Beiträge wie "Schwäbisch für Anfänger", "Nachrichten aus Hamburg" oder "Reiseberichte aus aller Welt". Einer fasst "tägliche Big-Brother-Highlights kompakt in maximal fünf Minuten" zusammen, ein anderer fordert dazu auf, bei "Germany's Next Top Model" am Fernseher die Stummtaste zu drücken und stattdessen seinen bissigen Kommentaren zu lauschen. Eine Gymnasialklasse übt das Radiomachen und Live-Reporter berichten, was gerade im Lechtal los ist.

Besser als Podcast

Das Prinzip hinter dem Online-Bürgerfunk ist so simpel, dass fast jeder sofort mit dem Radiobetrieb anfangen könnte. Einmal registriert, sendet man, sobald man die 1000Mikes-Nummer anruft: Von der Bushaltestelle, aus dem Schlafzimmer, aus dem Fußballstadion. Zuhören ist genauso einfach. Während einer Live-Sendung klinkt man sich per Website ein, vergangene Sendungen lädt man als MP3 herunter oder lässt sie sich per RSS-Abo zuschicken. Das alles ist nicht nur billig, sondern vor allem auch viel einfacher, als einen Podcast einzurichten.

Genau das könnte den Erfolg solcher Bürgerfunk-Websites zum Beispiel in den Vereinigten Staaten begründen. Dort sind die "social radio networks" bereits ein großer Erfolg. Bekannteste Station: Blogtalkradio.com mit angeblich Tausenden Moderatoren und Hunderttausenden Zuhörern. Zu jeder Tages- und Nachtzeit sind dort mehrere Shows on air: Predigten, Scheidungsgeschichten, Politik. Selbst Prominente wie Brad Pitt, Yoko Ono oder John McCain sprachen schon auf Blogtalkradio.

Der andere große Social-Broadcaster ist NowLive.com. Die Onlinestationen überbieten sich gegenseitig mit Features. Viele davon sind anderen sozialen Netzwerken abgeschaut. Was Facebook und MySpace aber nicht können: Call-in-Shows, also Anrufradio. Über die Tastatur seines Handys übernimmt der Bürgerradiomoderator dabei die Funktionen von DJ und Tonmeister. Er bestimmt damit, wen er mit auf Sendung nimmt (bis zu fünf Sprecher gleichzeitig), oder wann das System Jingles einspielen soll. Eine Stummtaste fehlt auch nicht – falls man mal auf Toilette muss, zum Beispiel mitten in einem Fußballspiel.

Werbejingle in der Toilettenpause

Und diese Pinkelpausen sollen, so hoffen die 1000Mikes-Gründer Frank Felix Debatin und Peter Schweyer, zur Einnahmequelle des deutschen Online-Bürgerradios werden. Wenn die Hobbymoderatoren mal Pause machen wollen, können sie per Tastendruck einen Werbejingle ablaufen lassen – und werden dafür am Gewinn beteiligt. Das alles soll freiwillig bleiben, niemand werde zur Werbung gezwungen.

Genau diese Kombinbation aus teilweiser Werbefreiheit und Lockerheit dürfte es sein, was die Zuhörer zu den Amateursendern von Blogtalkradio, NowLive oder eben 1000Mikes lockt. In welchem Radiosender wird schon so unverholen und höhnisch eine Fußballmannschaft oder gar deren Schiri ausgelacht? Und welcher Profi-Fußballmoderator gröhlt schon Stadionchöre mit und wird auch mal ausfällig: "… und schießt daneben, verdammte Scheiße!"

Vor allem aber dürfte es die einzigartige Atmosphäre sein, die solche Live-Übertragungen mit sich bringen: Rauschen, Knattern, Stadionjubel: Dagegen hat die sterile Klarheit der meisten Blogs, Vlogs und Twitterkanäle keine Chance.



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