Nach erfolgreicher BKA-Fahndung Löschen, so gut es geht

Mit Hilfe von Opferfotos hat das Bundeskriminalamt einen Verdächtigen in einem Fall von Kindesmissbrauch ausgemacht. Nun bittet die Polizei, das Foto des Mädchens zu löschen. Das könnte schwierig werden.


Die Fahndung ist beendet: Das Bundeskriminalamt (BKA) und die Frankfurter Generalstaatsanwaltschaft konnten im Fall des Missbrauchs einer Vierjährigen einen Verdächtigen festnehmen. Zuvor hatten sich die Ermittler zu einem ungewöhnlichen Schritt entschieden: Sie hatten für eine Öffentlichkeitsfahndung ein Bild des Opfers veröffentlicht.

Die Ermittler hatten sich zu dem Schritt entschieden, weil sie in dem Fall anders nicht weitergekommen wären, hatte die Generalstaatsanwaltschaft erklärt. Und weil offenbar zu befürchten war, dass das Kind noch weiter missbraucht wird. Bild- oder Videoaufnahmen des Täters gab es keine.

Nur Stunden nach Beginn der Öffentlichkeitsfahndung vermeldete das BKA seinen Fahndungserfolg. Gleichzeitig baten die Ermittler darum, das Bild des Mädchens zu löschen - um das Opfer zu schützen.

Das ist allerdings leichter gesagt als getan. Längst wurde das Bild auf allen möglichen Kanälen verbreitet, sei es gedruckt in der "Süddeutschen Zeitung" oder in unzähligen Postings auf Facebook oder Twitter. Auch viele großen Onlinemedien hatten sich an der Fahndung beteiligt. Auch auf SPIEGEL ONLINE war das Opferfoto gezeigt worden und unmittelbar nach Bekanntwerden des Fahndungserfolgs am Montagabend wieder gelöscht, wie auch der zugehörige Tweet. Das Posting auf Facebook wurde ebenfalls entsprechend angepasst.

Viele andere Medien reagierten ebenfalls schnell und ersetzten das Bild auf ihren Webseiten durch andere Motive. Trotzdem ist das alte Motiv noch vielerorts zu finden, beispielsweise auf Twitter.

Nutzer reagieren wütend

Es wird etwa immer noch als Vorschaubild verschiedener Artikel angezeigt und erscheint deshalb auch noch weiterhin unter dem Namen renommierter Medien. Dass das vielen gar nicht bewusst sein dürfte, zeigt ein Tweet von "Faz.net": Als eine Nutzerin gleich unter dem Posting des Fahndungsbilds nachfragt, was denn so schwer zu verstehen sei am Löschaufruf des BKA, bekommt sie zur Antwort: "Wieso schwer zu verstehen? Wir haben das Bild bereits ausgetauscht."

Das Netz vergisst so schnell eben nicht - wie auch eine einfache Suche in Google News am Dienstagvormittag zeigte. Hier wurde das Bild weiterhin neben mehreren Artikeln auf der Google-Überblicksseite angezeigt, etwa beim "Stern", der "Welt" oder der "Mittelbayerischen". Klickt man dann auf den Link, um zum eigentlichen Text auf den Medienseiten zu gelangen, ist das Opferfoto aber längst verschwunden und ausgetauscht.

Auch eine Bildersuche bei Google zeigt: Zumindest im Zwischenspeicher wird das Foto wohl noch eine Weile zu sehen sein. Am Tag nach dem Löschaufruf ist sogar noch ein Bild des Mädchens von der Seite des BKA selbst zu finden.

Google sagte auf Anfrage, in solchen Fällen gebe es für Webseitenbetreiber auch die Option, beim Konzern auf eine schnellere Leerung des sogenannten Caches, des Zwischenspeichers, hinzuwirken, um das Ursprungsfoto so möglichst schnell aus der Ansicht bei Google zu tilgen.

Viele bemühen sich, das Bild verschwinden lassen

Zudem bekommt nicht jeder Nutzer den Löschaufruf mit; erfahrungsgemäß ist es im Netz wesentlich einfacher, Inhalte zu verbreiten als sie später wieder einzufangen. Und dann wird es immer noch die Nutzer geben, die das Bild trotz Aufforderung des BKA nicht aus dem Netz tilgen wollen. So wurde es zum Beispiel auch am Dienstag auf dem wüsten und anarchischen Image-Board Krautchan weiter gezeigt.

Das Gros der Nutzer ist aber augenscheinlich bemüht, das Bild des Opfers möglichst schnell wieder aus der Welt zu schaffen, um dem Kind weiteres Leid zu ersparen. Ganz gelingen wird das wahrscheinlich nicht - wer das Bild finden will, wird es wohl finden. Doch es gibt zumindest eine Chance, dass es aus dem kurzen Gedächtnis der breiten Öffentlichkeit verschwinden könnte. Immerhin.

Anmerkung: Der Text wurde um Informationen von Google ergänzt.

gru/juh



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