Wahlkampf mit Online-Anzeigen AfD wirft Google Sabotage vor

Google weigert sich nach SPIEGEL-Informationen seit mehr als einer Woche, bestimmte Anzeigen für eine Anti-Merkel-Seite der AfD zu schalten. Einen fünfstelligen Etat allein dafür will die Partei nun bei Facebook investieren.

Kampagnenchef Thor Kunkel

Kampagnenchef Thor Kunkel


Wenige Tage vor der Bundestagswahl geht der Internet-Wahlkampf in die heiße Phase. Für die AfD ist die Werbung in sozialen Medien besonders wichtig: Über Anzeigen auf Facebook und Twitter, Google und YouTube erreichen die Rechtspopulisten ihre Anhängerschaft ungefiltert, ohne lästigen Umweg über kritische Medien. Schon die Plakate von Kampagnenchef Thor Kunkel - Stichwort: "Bikini statt Burka" - hatten für Aufregung gesorgt.

Für ihre Digitalkampagne hat die AfD eigens einen US-Dienstleister gebucht: die Werbeagentur Harris Media. Die Beratungsfirma mit Sitz in Texas ist spezialisiert auf Kunden mit "kontroversen" Botschaften, von Donald Trump über die US-Waffenlobby bis hin zum französischen Front National. Nun sollte sie auch Kunkels AfD-Kampagne in die digitale Welt übersetzen. Zwei ihrer Mitarbeiter sind dafür eigens in einen digitalen "War room" in der Berliner AfD-Zentrale eingezogen.

Doch die US-Profis scheinen auf Hindernisse zu stoßen - ausgerechnet im Umgang mit einem der wichtigsten Werbeträger. Die AfD klagt, wesentliche Teile ihrer Anzeigenkampagne würden von Google blockiert. "Mit keiner anderen Plattform haben wir Schwierigkeiten", sagt Kampagnenchef Kunkel. Facebook oder Twitter behandelten die AfD wie ganz normale Kunden. "Aber Google sabotiert uns, benachteiligt uns im politischen Wettbewerb."

Je ein Drittel an Google, Facebook und Twitter

Der Streit wirft ein Schlaglicht auf die Rolle der US-Internetriesen im deutschen Wahlkampf. Erstmals spielt eine zentrale Rolle, nach welchen Kriterien die großen amerikanischen Internetplattformen entscheiden, welche bezahlten politischen Inhalte ihre Nutzer zu sehen bekommen - und welche eben nicht.

Politische Werbung ist für sie ein lukratives Geschäft, seit Monaten versuchen sie, neben ihren kostenlosen Angeboten auch ihre Bezahlwerbeformate bei Parteien zu vermarkten. Mit Erfolg: Dies ist der erste Bundestagswahlkampf, in dem politisches Onlinemarketing eine derart große Rolle spielt.

Praktisch alle Parteien überweisen Werbegelder an Google und Co. Die AfD verteilte ihren Digital-Etat nach Angaben ihres Kampagnenchefs zu je einem Drittel auf Google, Facebook und Twitter - bis es nun zur Auseinandersetzung mit Google kam. Allein für die Bewerbung einer Anti-Merkel-Website als Teil der Gesamtkampagne habe man eine mittlere fünfstellige Eurosumme ausgeben wollen, so Kunkel.

Eine Anti-Merkel-Website

Herzstück der aktuellen AfD-Digitalkampagne ist eine Website, die Harris Media nach Vorgaben von Kunkel entwickelte, und bei der nur aus dem Impressum hervorgeht, dass die AfD dahintersteckt. Die Botschaft der Seite ist hart und hässlich, und ganz auf die AfD-Lieblingsfeindin Angela Merkel gerichtet.

Die Kanzlerin wird als "Eidbrecherin" diffamiert, und faktisch auch als Beihelferin zum vielfachen Mord. Die AfD-Strategen montierten ein unheimlich flackerndes Schwarz-Weiß-Porträt Merkels vor den Hintergrund des Berliner Breitscheidplatzes, wo Ende 2016 ein IS-Terrorist zwölf Menschen mit einem Lastwagen ermordete und viele verletzte.

Für diese Website, die am 11. September freigeschaltet wurde, wollen die Rechten nun massiv in den sozialen Medien werben - sie stoßen dabei aber vor allem bei Google und seiner Tochterfirma YouTube auf Widerstand. Der Streit dauert seit mehr als einer Woche an, wie aus einem umfangreichen E-Mail-Austausch zwischen Harris Media und dem Adwords-Team von Google hervorgeht, der dem SPIEGEL vorliegt.

Im Adwords-Verfahren können Unternehmen oder Parteien bestimmte Begriffe ersteigern. Sobald ihre Zielgruppen nach diesen Stichworten suchen, werden ihnen Anzeigen, Links oder Banner prominent angezeigt. Diese bezahlten Treffer in der Ergebnisliste sind klein mit dem Etikett "Anzeige" oder "Ad" markiert.

Wechselnde Begründungen und Ansprechpartner

Aus den Unterlagen von Harris Media geht hervor, dass die AfD große Summen in die Hand nimmt, um in der Schlussphase des Wahlkampfs ihre Anti-Merkel-Inhalte möglichst prominent auf den Google-Werbekanälen zu platzieren, beispielsweise unter den Suchergebnissen, als Werbebanner und in Form von YouTube-Werbevideos. Dafür ersteigerten sie bei Google unter anderem die Suchworte "Angela Merkel" oder "Kanzlerin Merkel".

Doch seit einer Woche - auf der Zielgeraden für den Wahlkampf eine Ewigkeit - erzielen die Rechten offenbar nicht den gewünschten "Traffic" auf ihrer Seite. Stattdessen schickte Google ihnen diverse Mails mit "Problem-Reports" und der Betreffzeile "Anzeige abgelehnt". Die Begründungen dafür wechseln, die Ansprechpartner im Laufe der Konversation ebenfalls: Sie werden immer hochrangiger.

Zunächst schrieb das Anzeigenverkaufsteam, die Anti-Merkel-Seite funktioniere nicht korrekt, was Mitarbeiter von Harris Media schnell widerlegen konnten. Dann hieß es, die Aussagen in der Anzeige und auf der Webseite seien geeignet, Nutzer in die Irre zu führen ("hoax the customer").

Schließlich hieß es in einer weiteren Mail nach mehreren Tagen, die Text-Anzeige in den Google-Suchergebnissen werde nun freigegeben - aber die Videoanzeige und die Werbebanner stünden noch im Verdacht, "gefährliche und herabwürdigende Inhalte" zu publizieren, die nach den Konzernvorschriften verboten seien.

Eine "unzulässige Einmischung"?

Herabwürdigend ist die AfD-Seite durchaus für Merkel - doch bisher konnte Harris Media solche Probleme für seine Kunden stets lösen. Die Marketingfirma ist für aggressive Botschaften und Methoden in sozialen Medien bekannt.

In den USA habe sie ähnliche Situationen stets innerhalb von 24 Stunden klären können, sagt Kunkel, eine mehr als einwöchige Auseinandersetzung hätten die erfahrenen nach Deutschland entsandten Mitarbeiter, die insgesamt schon Millionen an Werbegeldern bei dem Konzern ausgegeben hätten, "noch nie erlebt".

Aus Sicht des AfD-Wahlkampfchefs betreibt der Konzern eine "unzulässige Einmischung in die politische Willensbildung hierzulande". So habe Google auch für ein Treffen mit der AfD im Vorfeld des Wahlkampfs nicht zur Verfügung gestanden, während Facebook hochrangige Vertreter geschickt habe.

Google bestätigte auf Anfrage am Montagabend, dass die Text-Anzeigen mittlerweile genehmigt wurden, das Werbevideo aber gesperrt sei. Tatsächlich wurde der Link zu der Anti-Merkel-Seite zu diesem Zeitpunkt als erster Treffer unter dem Suchschlitz ausgespielt, wenn man den Namen der Kanzlerin eingab.

Grundsätzlich gelte laut Google: "Jede in Deutschland zugelassene Partei kann bei Google im Rahmen unserer Richtlinien Werbung schalten". Alle politischen Anzeigen und Zielseiten müssten indes den lokalen Gesetzen hinsichtlich Wahlen und Wahlkämpfen in den Ländern entsprechen, auf denen die Anzeigen ausgerichtet sind.

AfD will per Deutschlandkarte mobilisieren

Die AfD will auf den von ihr unterstellten Boykott aus politischen Gründen ihrerseits mit einem Boykott antworten - und die für Google eingeplanten digitalen Werbegelder nun in bezahlte Facebook-Werbung investieren. Nach dem Negativ-Campaigning gegen Merkel soll die eigene Klientel in den letzten Tagen vor der Wahl durch Digitalanzeigen zur Wahl mobilisiert werden.

Kampagnen-Manager Kunkel plant eine Ausweitung seiner "Trau dich"-Strategie - in Form einer Deutschlandkarte, auf der AfD-Anhänger digitale Pins setzen können. "Das zeigt unseren potenziellen Wählern, dass sie auch in ihrem direkten Umfeld keinesfalls allein sind", so Kunkel.

Finanzieller Profiteur des Streits könnte also Facebook werden - jenes Unternehmen, dessen Anzeigenpraxis erst in der vergangenen Woche Negativschlagzeilen machte, als bekannt wurde, dass Kunden dort Werbung zu Stichworten wie "Judenhasser" an interessierte Nutzer aussenden konnten. Wenige Tage zuvor hatte Facebook bereits einräumen müssen, dass es Kreml-nahen Firmen gelungen war, im US-Wahlkampf bezahlte Facebook-Anzeigen im Wert von rund hunderttausend Dollar zu politisch kontroversen Themen der US-Innenpolitik zu schalten.

Zum Treffen mit AfD-Vertretern und dem Umgang mit den kontroversen Anzeigenmotiven der Partei sagt ein Sprecher: "Facebook ist eine politisch neutrale Plattform und steht als Ansprechpartner allen in Deutschland kandidierenden Parteien zur Verfügung."

Anmerkung der Redaktion: Google hat nach Veröffentlichung des Artikels noch folgende Stellungnahme nachgeliefert: "Der Vorwurf einer politischen Voreingenommenheit entbehrt jeder Grundlage. Alle in Deutschland zugelassenen politischen Parteien können auf Google Anzeigen schalten, solange sie unsere Werbe-Richtlinien befolgen. Wir setzen diese Richtlinien konsequent durch, alle Anzeigen durchlaufen ein automatisiertes Prüfverfahren, bei Grenzfällen kann die Prüfung länger in Anspruch nehmen."



insgesamt 216 Beiträge
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Seite 1
brom36 19.09.2017
1. da...
...sieht man, wie neutral Google sich verhält.
zeichenkette 19.09.2017
2. Personalisierte politische Werbung
gehört verboten. Denn dann weiß niemand mehr, was überhaupt geschieht, wenn fein nach Wohnort, Einkommen, Freunden oder Suchbegriffen jeder einzeln systematisch aufgehetzt wird. Ein passender Knopf auf den man drücken kann findet sich bei jedem. Das ist Manipulation ersten Ranges.
MeinungVonMir 19.09.2017
3. Super Google....
Ich finde die Aktion von Google klasse und richtig. Facebook wird es natürlich übernehmen, da die nie besonders kritisch mit dem Dreck waren, der bei ihnen gepostet wird....
Freifrau von Hase 19.09.2017
4.
Google sollte standhaft bleiben. Die AfD kann gerne mit Inhalten werben. Beleidigungen und Herabsetzungen brauchen wir in Deutschland hingegen nicht.
KarlRad 19.09.2017
5. Wer d
Einerseits muss sich Google in diesem Fall Parteiname vorwerfen lassen. Andererseits ist dieser verstörende Internetdreck der Grund, warum ich mich z.B. komplett von den sozialen Medien verabschiedet habe. Denn ohne Facebook, Google und Co. wäre dieser ganze braune, lügende Mist ja gar nicht erst groß geworden.
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