Digitale Wahlhelfer  Erst klicken, dann ankreuzen

Wer bis zur Bundestagswahl keine Wahlprogramme wälzen will, dem helfen praktische Schnelltests weiter. Der klassische Wahl-O-Mat geht erst Ende August online - aber diese fünf Angebote laufen schon jetzt.

Angela Merkel im Parlament
DPA

Angela Merkel im Parlament


Wer vor der Bundestagswahl immer noch nicht so genau weiß, wofür die einzelnen Parteien eigentlich stehen, findet im Netz Hilfe. Gleich mehrere Webseiten bieten Entscheidungshilfen in Form von Checklisten oder Umfragetools an, mit denen man als Wähler einen Schnelltest machen kann.

Als Vorbild dient dabei oft der Wahl-O-Mat der Bundeszentrale für Politische Bildung, der am 30. August online geht und dann auch auf SPIEGEL ONLINE zu finden sein wird.

Der Wahl-O-Mat weiß, wie die einzelnen Parteien zu aktuellen gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Fragen stehen. Der Nutzer muss nur ein paar Fragen beantworten. Die Software gleicht die Antworten automatisch mit den Parteiprogrammen ab. Das Ergebnis zeigt, mit welcher Partei es die größten Übereinstimmungen gibt.

1. Wahlhilfe für Tinder-Fans: Der WahlSwiper

movact.de



Der WahlSwiper des Berliner Start-ups Movact peppt das Wahl-O-Mat-Konzept mit einer Tinder-ähnlichen Anwendung auf.
Hier tun Nutzer ihre Zustimmung oder Ablehnung wie in der Dating-App durch Wischbewegungen kund. Dem Anwender werden 30 Fragen vorgelegt zu Themen wie bedingungsloses Grundeinkommen, doppelte Staatsbürgerschaft oder Tempolimit auf der Autobahn. Nach links wischen bedeutet "Nein". Nach rechts wischen heißt "´Ja". Die App bietet aber auch Erklärvideos zu den Themen und eine detaillierte Übersicht zu den einzelnen Positionen der Parteien und wie sie diese begründen.

Eine Schwachstelle hat das Prinzip allerdings: Die Parteien behaupten im Wahlkampf viel. Doch ob sie sich im parlamentarischen Alltag an ihre Versprechen erinnern, ist eine andere Frage.

2. Mischung aus Wahl-O-Mat und Abgeordnetenwatch: DeinWal.de

deinwal.de

Die Webseite DeinWal.de der beiden Programmierer Martin Scharm und Tom Theile macht den Realitätscheck. Als Grundlage der Auswertung dient das tatsächliche Abstimmungsverhalten der Abgeordneten in der Vergangenheit. Dementsprechend fehlen hier natürlich die Positionen von FDP, AfD und anderen kleinen Parteien, da sie in der letzten Legislaturperiode nicht im Parlament vertreten waren.

Das Quiz, das seit dieser Woche online ist, lässt den Nutzer vergangene Abstimmungen aus dem Bundestag durchspielen. Aus mehr als 200 realen Anträgen und Gesetzesentwürfen aus der letzten Legislaturperiode hat das Team 42 Fragen zu zwölf Themenkomplexen ausgewählt. Da geht es um Dinge wie die Ehe für alle oder den Mindestlohn, aber auch um Detailfragen zum Gesundheitssystem oder zur Energie- und Außenpolitik. Die Auswertung zeigt schließlich, welche Parteien mehrheitlich im Sinne des jeweiligen Nutzers abgestimmt haben.

3. So sieht's aus: Der Sozial-O-Mat

sozial-o-mat.de

Für die Kernthemen Familie, Flucht, Armut und Pflege im Alter hat der deutsche Diakonieverband eigens den Sozial-O-Mat eingerichtet. Hier werden die Standpunkte der sechs großen Parteien CDU/CSU, SPD, Grüne, Linke, FDP und AfD miteinander verglichen. Dabei geht es dem Sozialverband aber weniger darum, eine Wahlempfehlung abzugeben. Vielmehr sollen die Nutzer über die sozialen Folgen politischer Entscheidungen informiert werden. So legt das Programm auch nicht gleich mit den Fragen los, sondern erklärt erst einmal, wo die politischen Probleme in dem Bereich liegen. Man erfährt zum Beispiel, dass bis 2025 mehr als 200.000 Pflegekräfte fehlen werden oder dass in Deutschland drei Millionen Kinder und Jugendliche in relativer Armut leben.

4. Netzpolitik im Visier: Der Digital-Thesen-Check

AP

Wer seine Wahlentscheidung vor allem von Netzthemen abhängig machen will, wird bei der Checklistedes SPD-nahen Digitalvereins D64 fündig. Diese führt die Positionen von CDU/CSU, SPD, Grüne, Linke, FDP und AfD zu Themen wie Automatisierung, Vorratsdatenspeicherung und Netzausbau auf. So können Wähler schon heute sehen, welche Digitalpolitik sie in den nächsten Jahren erwarten können. Als Nutzer sollte man allerdings im Hinterkopf behalten: Die insgesamt 41 Wahlprüfsteine wurden von SPD-Sympathisanten festgelegt.

5. Wahlhilfe für Landwirte: Der Agrar-O-Mat

agrarheute.com

Mehrere rund 100 Seiten schwere Parteiprogramme in wenige einfache Fragen zu packen, ist sicherlich nicht einfach. Der Wahl-O-Mat versucht zwar immer einen Rundumschlag, aber so manche Wählergruppe plumpst dann doch durchs Raster. Landwirte zum Beispiel. Das Fachmagazin "agrar heute" hat deshalb die Programme der wichtigsten Parteien nach ihren agrarpolitischen Plänen durchforstet und wurde offenbar fündig. In 22 Fragen werden Themen wie Tierschutz, Düngemittel, Stallgrößen, Gewässerschutz und Wolfsjagd abgehandelt. Aber auch das umstrittene Pflanzenschutzmittel Glyphosat und die Milchpreisdebatte kommen in der Umfrage vor. Für Wähler mit großem Interesse an Ökothemen ist das vielleicht noch interessant. Der Durchschnittswähler ist hier aber eher überfragt.

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insgesamt 14 Beiträge
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Seite 1
gelbesvomei 21.08.2017
1. Zum Wahlomaten
Zumindest zum Wahlomaten muss vor dem Hintergrund meiner bisherigen Erfahrungen (andere Plattformen habe ich noch nicht genutzt) folgendes klargestellt werden. Ja, es wird eine Gegenüberstellung der Wahlprogramm- und Parteiprogramm-Positionen der Parteien vorgenommen. Das funktioniert allerdings nur, wo auch von allen in die Auswahl genommenen Parteien auch konkrete Positionen zu bestimmten Punkten vorliegen. Es ist daneben durchaus möglich, dass Positionen einander gegenüber gestellt werden, die nicht exakt dieselbe Problematik behandeln oder die sich nur teiweise thematisch überschneiden. Wichtigster Kritikpunkt ist jedoch, dass der Wahlomat dem Nutzer die trügerische Sicherheit vermittelt, seine Wahlentscheidung fundiert anhand von klaren inhaltlichen Festlegungen der Parteien vorzunehmen. Völlig außer acht gelassen wird die politische Realität.Dazu gehört: Papier ist geduldig. Insbesondere Parteien, die für sich die Chance einer Regierungsbeteiligung gar nicht erst sehen, können mit unrealistischen Versprechen aufwarten. Und als ganz entscheidender Faktor: Es wird aller Voraussicht nicht zu einer Alleinregierung einer Partei, sondern zu einer Koalition kommen - mit VÖLLIG ungewisser Umsetzung der jeweiligen Programme (ich erinnere an die Mehrwertsteuererhöhung auf 19% entgegen aller vorherigen Aussagen der regierungsbildenden Parteien). So werden insbesondere Jungwähler ohne Erfahrung mit der politischen Realität, im trügerischen Vertrauen auf eine seriöse Aufbereitung im "schlauen Internet", eingeseift.
severus1985 21.08.2017
2. DeinWahl
Das Konzept, sich auf vergangene reale Abstimmungen zu berufen und nicht, wie beim Wahl-o-Mat auf Wahlversprechen, finde ich überzeugend. Problematisch finde ich allerdings, dass die Finanzierung oft außer Acht gelassen wird. Natürlich ist prinzipiell nahezu jeder für bessere Kinderbetreuung, bessere Renten, bessere Bildung etc., aber als selbst politisch Linker muss ich echt aufpassen, zwischen Ideologie und Machbarkeit zu differenzieren.
sok1950 21.08.2017
3. seit wann haben Positionen im Wahlkampf etwas mit der späteren Politik
zu tun. Das ist reine Schaumschlägerei. Die größten sozialen Einschnitte kamen von der Partei mit dem "Sozialdemokratisch" im Namen. Da hätte sich eine CDU, ein Kohl nie heran gewagt. Die ersten kriegerischen Einsätze Deutschlands wurden von einer "Friedenspartei" in der Regierung mitgetragen. Auch das hätte sich eine CDU, ein Kohl nie getraut.
fischfreund1 21.08.2017
4. Ernährung und Landwirtschaft ist nur Öko-Thema?
Der Agrar-Wahlomat ist nur was für Leute mit speziellen Interesse an Öko-Themen? Alles klar. Das Essen kommt von ALDI und der Strom aus der Steckdose? Der Umgang mit dem größeren Teil der Landoberfläche (Kulturlandschaft) und die Erzeugung von Lebensmitteln sind ein Kernthema für die menschliche Existenz. Der mündige Verbraucher soll durch bewussten Einkauf alles mögliche entscheiden, aber hier spricht man ihm die Kompetenz ab? Im Gegenteil, jeder sollte sich hier um eine fundierte Meinung bemühen, und nicht nur nachplappern, was die Öko-Verbände und Siegel-Händler vorgeben.
touri 21.08.2017
5.
Zitat von gelbesvomeiZumindest zum Wahlomaten muss vor dem Hintergrund meiner bisherigen Erfahrungen (andere Plattformen habe ich noch nicht genutzt) folgendes klargestellt werden. Ja, es wird eine Gegenüberstellung der Wahlprogramm- und Parteiprogramm-Positionen der Parteien vorgenommen. Das funktioniert allerdings nur, wo auch von allen in die Auswahl genommenen Parteien auch konkrete Positionen zu bestimmten Punkten vorliegen. Es ist daneben durchaus möglich, dass Positionen einander gegenüber gestellt werden, die nicht exakt dieselbe Problematik behandeln oder die sich nur teiweise thematisch überschneiden. Wichtigster Kritikpunkt ist jedoch, dass der Wahlomat dem Nutzer die trügerische Sicherheit vermittelt, seine Wahlentscheidung fundiert anhand von klaren inhaltlichen Festlegungen der Parteien vorzunehmen. Völlig außer acht gelassen wird die politische Realität.Dazu gehört: Papier ist geduldig. Insbesondere Parteien, die für sich die Chance einer Regierungsbeteiligung gar nicht erst sehen, können mit unrealistischen Versprechen aufwarten. Und als ganz entscheidender Faktor: Es wird aller Voraussicht nicht zu einer Alleinregierung einer Partei, sondern zu einer Koalition kommen - mit VÖLLIG ungewisser Umsetzung der jeweiligen Programme (ich erinnere an die Mehrwertsteuererhöhung auf 19% entgegen aller vorherigen Aussagen der regierungsbildenden Parteien). So werden insbesondere Jungwähler ohne Erfahrung mit der politischen Realität, im trügerischen Vertrauen auf eine seriöse Aufbereitung im "schlauen Internet", eingeseift.
Das Problem haben Sie aber bei jeder Wahl, dafür kann der Wahlomat nun wirklich nichts. Zumindest bekommt man einen schnellen Überblick wie bestimmte Parteien zu bestimmten Themen stehen. Wirkliche Sicherheit, ob eine Partei sich an ihr Programm hält können sie nie haben.
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