Neue Bundeswehr-Serie "Mali" Mit Gefühlsdusel auf Rekrutensuche

Am Montag lief die neue YouTube-Serie "Mali" an, mit der die Bundeswehr neue Bewerber anlocken will. Die millionenschwere Werbemaßnahme ist umstritten.

Szene aus der ersten Folge der neuen Bundeswehr-Serie "Mali".
Bundeswehr Exclusive/ YouTube

Szene aus der ersten Folge der neuen Bundeswehr-Serie "Mali".

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Die Ausbildung ist abgeschlossen, jetzt geht's an die Front. So oder so ähnlich lässt sich das Konzept der neuen Dokuserie "Mali" der Bundeswehr zusammenfassen. Am Montag gingen die ersten beiden der insgesamt 40 Folgen online, mit denen das deutsche Verteidigungsministerium erneut für eine Karriere bei der Bundeswehr werben will.

"Mali" soll an den Erfolg des Vorgängers "Die Rekruten" anknüpfen. Diese Web-Serie, die vor einem Jahr startete, handelt von einer Gruppe Nachwuchssoldaten in der Grundausbildung. Der zugehörige YouTube-Kanal wurde von 270.000 Nutzern abonniert, alle Folgen sammelten zusammengenommen etwa 45 Millionen Klicks.

So sah die Vorgänger-Serie "Die Rekruten" aus:

YouTube / Die Rekruten

Für "Mali" liefen im Alltag von acht Berufssoldaten acht Monate lang die Kameras mit - und zwar vor, während und nach ihrem Auslandseinsatz in Afrika.

In Mali sind derzeit bis zu 1000 deutsche Soldaten stationiert, dort sind sie Teil der UN-Friedensmission MINUSMA. Der Einsatz in Mali gilt als die aktuell gefährlichste Mission mit deutscher Beteiligung. Im vergangenen Juli waren zwei Soldaten bei einem Helikopter-Absturz ums Leben gekommen.

Die neue Doku-Serie ist im Stil von Reality-TV-Shows gehalten, das heißt: immer nah dran an den Protagonisten und meist wackelig aus der Hand gefilmt, zackig geschnitten und mit viel dramatischer Musik unterlegt.

Inhaltlich bleibt es dünn. Die ersten beiden Folgen gehen für die Reise von der Kaserne ins malische Gao drauf. Die Soldaten nehmen rührend Abschied von Familie und Freunden, besteigen einen Bus, dann ein Flugzeug, noch ein Flugzeug und ein Militärfahrzeug, das durch roten Wüstensand pflügt.

Langweiliger, als man denkt

Im Camp angekommen, werden die Neuankömmlinge mit den Worten begrüßt: "Es ist alles nicht so schlimm, wie man hört. Es ist schlimmer!" Geklagt wird vor allem über die Hitze. Bei 42 Grad beziehen die Soldaten ihre neuen Unterkünfte.

"Wir zeigen die großen Belastungen, denen unsere Soldatinnen und Soldaten ausgesetzt sind, aber auch den ganz routinierten Alltag im Camp", sagt Dirk Feldhaus, der Beauftragte für die Kommunikation der Arbeitgebermarke Bundeswehr. Dieser Alltag sei "mal anstrengend, mal witzig, auch mal langweiliger, als das manche denken mögen".

Beim Publikum scheint auch die neue Serie auf Interesse zu stoßen: Schon einen Tag nach dem Upload wurde das erste Video fast eine halbe Millionen Mal angeklickt. Für die nächsten sechs Wochen wird jeweils von Montag bis Donnerstag um 17 Uhr eine neue Folge "Mali" auf YouTube zu sehen sein.

Die Zuschauer können das Geschehen zudem über Instagram, Facebook und Snapchat verfolgen. So kann man zum Beispiel im Facebook Messenger einen Chatbot namens MaliBot abonnieren, der mehrmals am Tag Updates aus Sicht der Soldaten auf die Geräte pingt: "Ganz so, als wäre ein Freund im Einsatz dabei, der seine Erlebnisse teilt", so heißt es in der Pressemitteilung.

Die Web-Doku erschafft so die Illusion, überall live dabei zu sein. In Wahrheit sind die Folgen aber natürlich voraufgezeichnet und auch die Social Media-Aktivitäten zeigen nicht das Geschehen in Echtzeit, sondern wurden vorbereitet.

In der Politik weniger Fans als auf YouTube

6,5 Millionen Euro lässt sich die Bundeswehr die Social-Media-Werbemaßnahme kosten. Davon gehen nur zwei Millionen für die Produktion der Serie drauf. Der größere Batzen fließt in die begleitende Werbekampagne.

Bei manchen Politikern kommt die neue Serie deshalb nicht gut an. "Statt verantwortlich künftige Staatsbürger in Uniform zu werben, produziert das Verteidigungsministerium für viel Geld Eigenwerbung auf dem Niveau einer Scripted-Reality-Serie, die man sonst nur von Privatsendern kennt", ätzt der grüne Verteidigungs- und Haushaltsexperte Tobias Lindner.

Bei den Linken wird man grundsätzlicher. So stört sich der Abgeordnete Alexander Neu schon an der amerikanischen Aufmachung der Serie, am Heldenkult mit dramatischer Musik im Hintergrund. "Die Serie suggeriert eine Art Abenteurerreise", sagt Neu. "Doch Soldat zu sein, bedeutet im Zweifel auch zu töten, getötet oder versehrt zu werden". Dies aber habe man ausgeblendet. "Ich hoffe sehr, dass sich junge Menschen von dieser Kampagne nicht beeindrucken lassen", sagt Neu.

Das Verteidigungsministerium scheint sich von der Aktion aber viel zu versprechen. Während der Ausstrahlung von "Die Rekruten" sollen angeblich 21 Prozent mehr Bewerbungen eingegangen sein, als im gleichen Zeitraum im Vorjahr, heißt es.

Diese Zahl sagt jedoch nichts über den Erfolg der Bewerbungen aus. Faktisch hat die Truppe immer noch ein massives Nachwuchsproblem. So steigt mit der Zahl der Bewerber auch die Zahl der Abbrecher, die ihre Ausbildung nie beenden.

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insgesamt 2 Beiträge
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andi5lebt 17.10.2017
1. trotz Spiegel Bashing: Der Preis der Freiwilligenarmee.
Eine Berufs und Freiwilligenarmee muß nunmal Werbung und PR machen. Die jahrelange, konsequente Hetzkampagne gegen jede derartige Bemühung in Spiegel Artikeln wird das nicht ändern können. Und es bleibt schlicht besser als Zwang. Das ist keine Verschwörungstheorie. Ein kurzer Blick durch Bundeswehr bezogene Spon Artikel seit Ende der Wehrpflicht macht sehr deutlich was ich meine.
wobc1872 17.10.2017
2. Selbst-Recherche ist angebracht...
...wenn sich der Online-Auftritt eines Nachrichtenmagazines über zu hohe Werbungskosten, die letztlich vom Steuerzahler getragen werden, beschwert. Persönlich erinnere ich mich nämlich sehr gut, wo ich zum ersten Mal von dieser Serie erfahren habe: Auf SPIEGEL Online, und zwar durch genau die kritisierte Werbung... Nennt man so was dann "hypokritisch"?
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