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Bye, bye Google: Yahoo! versucht den Alleingang

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Wer in den letzten Jahren bei Yahoo! suchte, nutzte in Wahrheit Google. Nun ist der Vertrag abgelaufen und Yahoo! versucht den Alleingang: Mit einer Suchtechnik, die die Yahoo!-Techniker aus Inktomi, Overture und anderen zusammengemischt haben sollen.

mm.de

Es mag sein, dass in China irgendwann am Dienstag ein Sack Reis umfiel. Die Welt hat es nicht erschüttert. Die Nachricht, dass Yahoo! sich nun ankündigungsgemäß von den abonnierten Suchdienstleistungen von Google trennte, fällt aber nur im ersten Augenblick in die gleiche Kategorie. Bei näherer Betrachtung bedeutet sie den Start-Klick zu einem Kampf um den Markt.

Exakt um 9.30 Uhr US-Westküstenzeit schaltete Yahoo! Google ab und aktivierte den eigenen, neuen Suchdienst.

Damit kommt wieder Bewegung in einen Markt, den Google seit Jahren mit ähnlicher Macht dominiert wie Microsoft den Markt der Betriebssysteme. Auf was für einen Marktanteil Google kommt, hängt maßgeblich davon ab, wer da gerade zählt: Zwischen rund 55 und 80 Prozent aller Anfragen spricht man Google zu, aber nicht immer hinterfragen die Analysten, welche Marke denn in Wahrheit mit welcher Technik sucht.

Die Abschaltung lenkt die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit einmal mehr auf das Thema: Wer in den letzten Jahren per Yahoo! suchte, nutzte eigentlich Google.

Genau das ist und war immer ein Kernstück der Vermarktungsstrategien aller führenden Suchtechnik-Entwickler. Sie lizensieren ihre Techniken an andere, die in Statistiken dann als "Konkurrenten" auftauchen.

Das große Kuddelmuddel

So suchen mit Google-Technik derzeit unter anderem noch AOL und Netscape, während bezahlte Google-Ergebnisse in die Listen bei Ask Jeeves, Lycos, Hotbot und Teoma einfließen.

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Reuters

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Auch die sind wieder auf vielfältige Weise miteinander verbunden: AskJeeves etwa sucht hauptsächlich mit Teoma-Technik, die die Briten im letzten Jahr aufkauften. Lycos stützt sich vor allem auf Looksmart und sichert sich mit einem Datenbackup durch die Yahoo!-Tochter AllTheWeb ab, während sich Hotbot lieber auf Yahoo!s Inktomi-Technik verlässt.

Da beginnt die Sache kurios zu werden, denn das tat Yahoo! selbst bisher nicht.

Zwar kaufte Yahoo! in den letzten eineinhalb Jahren ein, was nicht rechtzeitig auf den Baum kam (Inktomi, Overture, Altavista, AllTheWeb), war aber vertraglich an Google gebunden.

Doch Staub setzte die Inktomi-Technik nicht an. Ihre Ergebnisse fließen ein in die Listen von Hotbot, Altavista und Overture, befeuern aber vor allem den Suchdienst von MSN.

Viele Suchdienste sind Potemkinsche Dörfer

Vor kurzem noch verkündete Bill Gates so vollmundig wie rührend Innovationen beim "MSN-Searchengine", mit denen er Google künftig die Butter vom Brot nehmen wolle. Die beschränkten sich allerdings auf ein paar neue bequemere Suchmöglichkeiten, denn noch verfügt Microsoft über keine neue, eigene Suchtechnik: Die soll irgendwann kommen und den Markt aufrollen. 500 Millionen Dollar ist Gates bereit, dafür auszugeben. Bis dahin sucht, wer MSN nutzt, in Wirklichkeit mit Yahoo!.

Und bis dahin teilen sich in Wahrheit auch nur noch zwei große Firmen den Markt der Such-Crawler - und zahlreiche Kleine streiten sich um die Krümel. Googles Marktführerschaft ist unumstritten, doch das könnte sich nun tatsächlich ändern.

Rein numerisch wird das sogar mit Gewissheit geschehen: Das Quartet Yahoo!, AllTheWeb, Alatvista und Overture ist zu schwergewichtig, um in den Statistiken nicht mächtig aufzuschlagen.

Wer was taugt, gewinnt

Doch unter dem Strich interessieren die niemanden: Auf dem Markt der Searchengines zählt noch das Leistungsprinzip. "Groß" wird da nur, wer auch entsprechende Qualitäten bietet - wenn auch nicht zwangsläufig. Die aber sind in "Visits" nicht zu messen - insbesondere nicht bei "Portal"-Providern wie Yahoo!, die ihren Kunden zahlreiche Gründe für einen Besuch bieten.

Das versucht Google mit einer ständig wachsenden Zahl spezialisierter Dienste und - alles andere als zufällig - mit einer heute verkündeten Ausweitung des Suchindexes auf insgesamt sechs Milliarden Webseiten.

Yahoo! will mit einer selbst angerührten Suchtechnik dagegenhalten. Die, sagt Yahoo!, beruhe auf Inktomi, mit Zutaten von Overture und einer eigenen, geheimen Würzmischung.

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Da scheint was dran zu sein. Schon in der letzten Woche fiel Webseiten-Betreibern die vermehrte Aktivität des "Slurp"-Crawlers auf, der die Daten für Inktomi im Web sammelt. Der aber hat sich verändert, wie der FAQ-Seite zum Slurp-Crawler bei Yahoo! zu entnehmen ist: Wie Google baut Yahoo! offenbar auch ein Cache-basiertes Internet-Archiv auf, über das sich zumindest für eine gewisse Zeit auch Seiten noch abrufen lassen, die inzwischen gelöscht oder nicht mehr erreichbar sind.

Doch das ist vorerst Zukunftsmusik: Was man im Augenblick sieht, ist ein abgespecktes Programm. Die Bildersuche kommt sogar noch immer von Google, entsprechende Inktomi-Pendants sind offensichtlich noch nicht implementiert. Yahoo! orakelt, dass in den nächsten Wochen weitere, aufregende Features freigeschaltet würden - so ist das, wenn mächtige Maschinerien in Gang gebracht werden.

Noch hakt es

Erste Versuche mit der neuen Yahoo!-Suche brachten gemischte Ergebnisse. "Populäre" Suchbegriffe deckt die Engine mühelos ab, die Ergebnislisten ähneln denen von Google. Begiebt man sich in exotischere Gefilde, unterscheiden sich die Resultate teils krass. Yahoo! scheint dabei zurzeit noch eine Vorliebe für die historische Perspektive zu haben und gräbt Unmengen oller Kammellen aus. Das aber mag am derzeitigen Datenbestand liegen, von dem Yahoo! nicht sagt, wie groß er bisher ist - er wächst halt noch.

Für den vergleichenden Test scheint es also zu früh zu sein, nur eines scheint sicher: Es bewegt sich was. Gut für den Markt, denn Monokulturen gibt es in der IT-Welt schon genug; gut für die Web-Nutzer, denn Konkurrenz spornt an, immer bessere Dienstleistungen zu bringen. Yahoo! hat da neben Inktomi noch zwei Asse im Ärmel, die in letzter Zeit völlig unverdient wenig beachtet wurden: AllTheWeb und Altavista - für die treffsichere Suche nach "exotischeren" Themen derzeit eine der besten Alternativen zu Google.

Der hat mit Yahoo! einen Kunden verloren. Ob es ihn wirklich auch Marktanteile kostet, hat Yahoo! in der Hand: Das Unternehmen weiß wie Altavista aus Erfahrung, wie schnell man eine Spitzenposition im Suchmaschinenmarkt gewinnen oder verlieren kann.

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