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"Caffeine": Google auf Speed

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Google soll einen neuen Motor bekommen. Über Jahre schien der Marktführer unangreifbar, seit einigen Monaten jedoch drängen neue Konkurrenten auf den Markt. Zeit, auch die Google-Suche zu verbessern: Sie soll auf jeden Fall schneller werden - aber ist sie auch besser?

Es ist ein Test, der mehr oder minder geheim läuft: Seit Anfang der Woche gibt es Google zweimal im Netz. Neben der bewährten Websuche hat Google auch einen möglichen technischen Nachfolger livegeschaltet, damit sich Web-Entwickler mit der neuen Suchtechnik auseinandersetzen können. Die "Sandbox"-Version der neuen Suchmaschine wird von Google selbst nicht beworben. Ausprobieren kann sie aber jeder.

Google (Zweigstelle in Zürich): Schneller mit Koffein?
REUTERS

Google (Zweigstelle in Zürich): Schneller mit Koffein?

Äußerlich unterscheidet sich weder die Suchmaske, noch die Aufbereitung der Ergebnislisten vom vertrauten, kargen Google-Bild. Mit der neuen Engine wolle Google vor allem mehr Geschwindigkeit bieten, berichten US-Medien, was der Suchmaschine den Spitznamen "Caffeine" eingebracht - Google unter Aufputschmitteln.

Man könnte fragen, ob das wirklich ein Problem löst: Mangelnde Geschwindigkeit ist kein Makel, den man gemeinhin mit Google verbindet. Zeitlich sind die Unterschiede messbar, aber kaum spürbar: Parallele Anfragen beantwortet die konventionelle Google-Suche mal in 0,24 Sekunden, wogegen Caffeine nur 0,2 Sekunden braucht. Das allein reicht vielleicht für ein Wettprotzen, bringt dem Nutzer aber wenig.

Was bei ersten Versuchen allerdings auch auffällt, ist, dass Caffeine entweder auf einen anderen indexierten Datenbestand zugreift, oder den vorhandenen besser erschließt. Denn Caffeine findet nicht nur schneller, sondern auch mehr: Im deutlichsten Testfall kommt die herkömmliche Google-Suche 296.000 Ergebnisse in 0,99 Sekunden - und Caffeine auf 1,96 Millionen Ergebnisse in 0,32 Sekunden. Unklar ist dabei aber, wieviele reale, unterschiedliche Seiten sich hinter diesen Zahlen verbergen - die Mengenangaben sind auch bei der normalen Google-Suche stets nur Schätzungen, die tatsächliche Ergebniszahl kann davon drastisch abweichen (was man erst dann feststellt, wenn man sich bis in die höheren Seitenzahlen der Anzeige durchklickt).

Die Bewertungskriterien der Suchmaschine haben sich nur wenig verändert, wie ein Test mit den Suchwörtern "retina implant" zeigt: Auf der ersten Ergebnisseite sind neun von zehn Links identisch, Caffeine sortiert vier davon leicht anders ein. Auf der ersten Fortlaufseite (Ergebnis 11-20) sieht das schon anders aus.

Was hier besser oder schlechter ist, ist kaum zu sagen: Caffeine ist noch nicht einmal in einer offiziellen Betaphase. Wieder überschneiden sich immerhin sechs von zehn Suchergebnissen. Mit nur zwei Ausnahmen werden sie jedoch anders sortiert. Vier Links, die Google anbietet, zeigt Caffeine nicht mehr: Aussortiert wurden drei PR-Mitteilungen von Unternehmen, aber auch ein Link hin zu einem Patent - eine höchst relevante Fundstelle.

Neue Kriterien?

Was bietet Caffeine stattdessen an? Als Ersatz für die vier fehlenden Adressen liefert die neue Google-Version drei andere. Macht neun Links - den Zehnten schafft Caffeine, indem es eine Adresse doppelt zeigt. Als neue Links hinzu kommen eine (andere) PR-Mitteilung, eine (ehemals) aktuelle Nachricht über eine wissenschaftliche Studie sowie die Adresse eines Selbsthilfeforums, über das auch Nachrichten veröffentlicht werden. Ein gemischtes Bild. Klar scheint jedenfalls, dass Nachrichten und Kommunikation ein höheres Gewicht zu haben scheinen als bloße Verlautbarung.

Oder sollte es so sein, wie einige US-Kommentatoren vermuten: Dass Caffeine seine Suchergebnisse stärker am Text (und an daran geknüpfte Meta-Stichworte) knüpft, als an die von Google forcierte, von den meisten professionellen Seiten umgesetzte Search Engine Optimization (SEO)?

Das wäre eine positive Entwicklung, denn SEO treibt manche exotische Blüte: Das Kunstwort bezeichnet einen Satz von Regeln, mit denen man - für den Web-Leser verborgen - die Crawler von Google mit Kerninformationen versorgt, damit die eine Webseite leichter bewerten können. Man könnte es auch so sagen: Der Webseiten-Betreiber wird dazu angehalten, dort Informationen passgenau zu servieren, wo die Google-Suche ausgeprägte Sehschwächen hat. Googles Marktmacht hat dazu geführt, dass Webseitenbetreiber ihre Seiten an einen unzureichenden Suchalgorithmus anpassen müssen - solche Zugeständnisse genießen Marktführer, kleinere Anbieter müssen in solchen Fällen ihre Suche verbessern.

Das aber muss inzwischen auch Google. Wolfram Alpha und Bing, aber auch Ask oder Clusty haben in den letzten Monaten gezeigt, dass Google nicht mehr unbedingt für jeden Nutzer die beste aller Suchmaschinen ist. Mittelfristig wird Google seine exorbitante Marktmacht nur halten können, wenn es vor allem besser wird - und das ist ein qualitatives, kein quantitatives Kriterium. Deshalb ist der Verweis auf den offensichtlich vergrößerten Index von Caffeine nur dann relevant, wenn zugleich die Suchergebnisse qualitativ besser werden: Das Hauptkriterium für die Beurteilung einer Suchmaschine ist weder Geschwindigkeit noch Quantität, sondern Relevanz. Der Nutzer wünscht sich nicht mehr Suchergebnisse, sondern weniger - aber bessere.

Ob Caffeine die liefert, bleibt abzuwarten: Eine Prä-Betaversion ist da kein Gradmesser.

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