Carrier IQ: Spuren von Kontrollsoftware auf deutschen Samsung-Geräten

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Installiert, aber offenbar nicht aktiviert: Einige deutsche Samsung-Kunden entdecken auf Tablets und Smartphones Spuren der umstrittenen Kontrollsoftware Carrier IQ. Samsung schweigt dazu - mit entsprechenden Apps kann jeder sein Android-Gerät prüfen.

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Carrier IQ: Die Software eines US-Anbieters beobachtet, was auf Smartphones passiert

Neue Details zur Überwachungssoftware Carrier IQ, die laut dem Hersteller auf 150 Millionen Mobiltelefonen weltweit installiert ist und beobachten kann, wie die Geräte "jeden Tag benutzt werden": Mehrere Leser von SPIEGEL ONLINE melden, dass sie auf ihren in Deutschland gekauften Samsung-Geräten Spuren der Software entdeckt haben.

Es handelt sich dabei zum Beispiel um ein "original in Deutschland im Media Markt erworbenes Samsung Galaxy S 2 (mit Firmware 2.3.4)" und auf ein Samsung GT-P1000 Galaxy Tab, das ein anderer Leser "im Frühjahr bei Amazon gekauft" hatte.

Samsung Deutschland hatte zuvor gegenüber SPIEGEL ONLINE behauptet, dass "auf in Deutschland verkauften" Mobiltelefonen des Herstellers "die Carrier-IQ-Software nicht vorinstalliert ist" sei. Auf die Frage, wie die bisherige Darstellung zu den nun entdeckten Datenspuren passt, hat Samsung bis zur Veröffentlichung dieses Artikels nicht geantwortet.

So testen Sie Ihr Smartphone auf Carrier-IQ-Spuren

Die Leser fanden mit Diagnose-Programmen Datenspuren der Carrier-IQ-Software, es gibt aber derzeit keine Hinweise dafür, dass die Software wie in den Vereinigten Staaten standardmäßig im Hintergrund läuft. Ob auf dem eigenen Android-Tablet oder Smartphone Spuren der Carrier-IQ-Software zu finden sind, kann man mit Hilfe mehrere Diagnoseprogramme untersuchen:

  • Der französische Entwickler François Simond hat seinen kostenlosen "Voodoo Carrier IQ detector" in Googles Android-Market veröffentlicht.
  • Der US-Entwickler Trevor Eckhart, der als erster über Carrier IQ berichtete, bietet seine Analyse-Software in einem Entwickler-Forum kostenlos zum Download an. Will man von hier aus die Anwendung auf einem Android-Gerät installieren, muss man zuvor im Menü des Geräts unter Anwendungen das Installieren von Anwendungen aus "Unbekannten Quellen" erlauben (nach Installation der Analysesoftware sollte dies wieder deaktiviert werden).

Haben Sie auf Ihren Android-Geräten Spuren der Software Carrier IQ gefunden? Bitte senden Sie uns Details (Meldung des Analyseprogramms, Marke und Modell des Geräts, Kaufort und ungefährer Zeitpunkt) zum Fall per E-Mail.

Inzwischen haben nach Trevor Eckhart auch weitere Entwickler die Carrier-IQ-Software analysiert. Sie geben keine Entwarnung, mahnen aber zu differenzierter Darstellung:

  • Hacker Dan Rosenberg sagt, die umstrittene Software sammele aggregierte Nutzungsdaten statt SMS-Texte, Wartungscodes statt Telefonnummern.
  • Auch die Sicherheitsexperten von Lookout mahnen zu weniger Aufregung: "Alles deutet darauf hin, dass [Carrier IQ] der Verbesserung des Nutzererlebens dient," erklärt das Unternehmen Networkworld.com: "Die Frage ist nur, welche Daten an den Netzbetreiber übermittelt werden."

Was wird also an Betreiber übermittelt? In einer Pressemitteilung und in einem Interview mit dem Tech-Blog "The Verge" beteuert Carrier IQ, dass Netzbetreiber die Carrier-IQ-Software ausschließlich zur Diagnose von Betriebsproblemen in Netzwerken und auf Mobilgeräten von Netzbetreibern einsetzen.

Carrier IQ verweist auf Hersteller, Hersteller auf Provider

Dass Carrier IQ trotzdem ein Datenschutzrisiko sein kann, räumt der Hersteller im "The Verge"-Interview aber auch ein - wenn die Handy-Hersteller beim Sammeln und Übertragen der Nutzungsdaten schlampen. Ohne Namen zu nennen, schiebt Carrier IQ damit HTC den schwarzen Peter zu als ein Unternehmen, das sensible Daten unnützerweise in einer ungeschützten Log-Dateien zwischenspeichert - über die Sicherheitsforscher Trevor Eckhart gestolpert ist und mit denen der ganze Skandal erst seinen Lauf nahm.

Laut HTC werden Geräte des Herstellers in Europa nicht mit Carrier-IQ-Software ausgeliefert. Zur Lage in den USA verweist HTC auf die Netzbetreiber: "HTC ist kein Kunde oder Partner von Carrier IQ, wir erhalten keine Daten von dieser Anwendung, der Firma oder den Netzbetreibern, die mit Carrier IQ zusammenarbeiten. HTC sucht nach Möglichkeiten, Kunden eine Option zum Deaktivieren der Datensammlung durch die Carrier-IQ-Anwendung zu bieten."

In Deutschland hatten gegenüber SPIEGEL ONLINE die großen Provider T-Mobile, Vodafone, E-Plus und O2 einen Einsatz der Software ausgeschlossen, die Freenet-Gruppe (Debitel/Mobilcom/Klarmobil/Callmobile) hat auf eine Anfrage bislang nicht reagiert.

Apple will auf Carrier IQ komplett verzichten

Welche Daten standardmäßig an wen übertragen werden, geht aus diesen Stellungnahmen nicht hervor. Diese Frage wollen nun auch Politik und Marktaufseher beantwortet wissen. In den Vereinigten Staaten soll sich die Federal Trade Commission (FTC) der Sache annehmen, fordern Kongress und Verbraucherschützer.

In Europa nehmen sich die staatlichen Datenschützer die Software vor, hat PC World erfahren. Darunter Thomas Kranig vom Bayerischen Landesamts für Datenschutzaufsicht, der nun auch von Apple wissen will, wie das Unternehmen Nutzungsdaten erhebt und auswertet. Apple räumte ein, in "manchen" iOS-Geräten Carrier IQ einzusetzen - die Kunden aber über ein "Opt-in"-Verfahren um Erlaubnis zur Datensammelei zu fragen. Will man das später wieder unterbinden, findet sich die entsprechen Option unter Einstellungen -> Allgemein -> Info -> Diagnose & Nutzung -> Nicht senden.

Apple verweist auf eine Stellungnahme der US-Konzernmutter: Demnach hat Apple mit der Version 5 des Betriebssystems iOS die Einbindung von Carrier-IQ-Software gestoppt, man wolle in eine zukünftigen Version das Programm völlig entfernen.

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insgesamt 8 Beiträge
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1. Ja wo sind sie denn,
jhwb 06.12.2011
diejenigen, die immer gegen Apple ätzen und dabei völlig übersehen, daß sie selber schon im Kochtopf sitzen. Wahrscheinlich hat nun Samsung bei aller Freude am Kopieren auch dieses kleine Detail mit abgekupfert. Aber man sollte auch endlich kapieren, dass duschen ohne Nasswerden nicht funktioniert. Sprich, wer sein Smartphone in vollem Umfang nutzen möchte, muss auch etwas von sich und seiner Umgebung preisgeben. Das liegt in der Natur der Sache. Für alle, die das nicht möchten, gibt es normale Telefone am Markt.
2. nix da
gelul 06.12.2011
Samsung Galaxy S2, vor 2 Monaten im Saturn gekauft: Kein Befund durch die Diagnosetools. Dass einen sowas bei den Applejüngern schon gar nicht mehr wurmt, liegt wohl daran, dass man sich irgendwann seine eigene Realität zusamemndichtet. ;o)
3. Gebühren?
schweineigel 06.12.2011
Muss ich jetzt Lizenzgebühren für dieses kommerzielle Produkt bezahlen? Immerhin befindet es sich möglicherweise auf meinem Handy, und deshalb kann ich von einem Abmahntroll abgemahnt werden, selbst wenn ich die nicht wollte. Und wenn diese ominöse Firma aufgekauft wird (Apple?), kann der die Entfernung (per Update) erzwingen?
4. Interessante Sichtweise
Abbuzze 06.12.2011
Zitat von jhwbdiejenigen, die immer gegen Apple ätzen und dabei völlig übersehen, daß sie selber schon im Kochtopf sitzen. Wahrscheinlich hat nun Samsung bei aller Freude am Kopieren auch dieses kleine Detail mit abgekupfert. Aber man sollte auch endlich kapieren, dass duschen ohne Nasswerden nicht funktioniert. Sprich, wer sein Smartphone in vollem Umfang nutzen möchte, muss auch etwas von sich und seiner Umgebung preisgeben. Das liegt in der Natur der Sache. Für alle, die das nicht möchten, gibt es normale Telefone am Markt.
Weshalb? Nur weil dies offizielle Apple und inoffizielle Samsung Firmenpolitik ist? Es gibt genügend Hersteller die Android nutzen und kein Carrier IQ installiert haben. Gleiches gilt wohl auch für Samsung. Hier scheinen nur bestimmte Firmwareversionen betroffen zu sein. Auch ohne freiwillige selbstaufgabe der Privatspähre ist ein Smartphone voll nutzbar (zumindest Android, mangels iPhone kann ich hierzu nicht für Apple sprechen), allerding ist hierbei ein etwas höherer Aufwand zur unabhängigen Synchronisation notwendig.
5. Apple ist da (wie immer) absolut vorbildlich
bluemetal 06.12.2011
Auf meinem iPhone4 wurde ich explizit gefragt ob ich das wünsche (was ich abgelehnt habe). Selbst wenn man es versehentlich bestätig ist diese Funktion unter Einstellungen jederzeit wieder zu deaktivieren. Noch dazu werden dort alle Diagnosedateien einzeln aufgelistet und man kann jede einzelne im Klartext sogar nachlesen und löschen. Besser gehts schon gar nicht mehr. Wer sich natürlich so eine billige Google Virenschleuder kauft ist leider selbst schuld, Geiz ist halt manchmal doch nicht so geil. Samsung sollte evtl mal nicht nur Apples Hardware nachbauen, sondern sich auch an deren erstklassiger Software orientieren ;)
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Zum Autor
  • Felix Knoke schreibt von Berlin aus über elektronische Lebensaspekte und versucht sich vergeblich als Hitproduzent in seinem Wohnzimmerstudio.


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