Carstuckgirls Wo nicht nur der Reifen durchdreht

Es geschieht nicht oft, dass deutsche Webseiten bei den Webby-Awards, den "Oscars" des Internet, abräumen. In diesem Jahr gibt es gleich drei Gewinner: In den Sparten "Spiele", "technische Verdienste" - und in der Kategorie "seltsam".


Grundzutaten einer Kult-Webseite: Beine, Reifen, Sand oder Schlamm

Grundzutaten einer Kult-Webseite: Beine, Reifen, Sand oder Schlamm

Die Webbys, sagen die Webbys, seien "die einzige Internet-Award-Show, die zählt". Das ist selbstbewusst, aber nicht ohne Berechtigung. Bereits zum achten Mal wurde am letzten Wochenende der nach wie vor prestigeträchtigste Preis vergeben, den es für Internet-Seiten gibt. Zum zweiten Mal entfiel die ursprünglich damit verbundene wilde Party: Nachdem die Organisatoren durch die Auswirkungen des Dotcom-Crashes finanziell in schwere Wasser geraten waren, machten sie aus dem realen Event im letzten Jahr ein reines Online-Ereignis.

Schade für Swen Goebbels, denn die Webby-Feiern zu Zeiten der Dotcom-Hysterie waren legendär. Er gehört in diesem Jahr zu den 30 Preisträgern, steht Pixel auf Monitor in der Liste der von Jury und Publikum Geadelten - direkt neben Google, Wikipedia, der BBC, Apples iTunes und ähnlich bekannten Adressen.

Die Adresse seiner Webseite kannten bis zu Nominierung und Auszeichnung hingegen nur die Mitglieder einer weltweit verteilten, eingeschworenen Gemeinde, die sich für Bilder und Filme ganz besonderer Art begeistert: Sie sehen gern zu, wie sich adrette junge Damen vergeblich mühen, ihre in Schlamm oder Sand festgefahrenen Autos wieder frei zu bekommen. Alternativ hat Goebbels auch Filme im Angebot, in denen es darum geht, dass die Autos adretter junger Damen nicht anspringen wollen. Der Webby-Jury war das einen Internet-Oscar in der Kategorie "Seltsam" wert.

Fotostrecke

8  Bilder
Carstuckgirls: Mädchen, Schlamm, vergrabene Autos

In der Tat. Goebbels kleine Ein-Mann-Filmproduktion ist in vielerlei Hinsicht etwas Besonderes. Ohne Übertreibung darf man vermuten, dass seine Werke die wohl erfolgreichsten Filmproduktionen sind, die die Region Aachen seit Erfindung des Celluloids hervorgebracht hat.

Er handelt damit, verschickt seine Videos und DVDs "in alle Welt". 70 Prozent der Filme, sagt er, finden ihre Abnehmer in den USA, rund 20 Prozent gehen an deutsche Fans, der Rest verteilt sich auf "Japan und den Rest der Welt". "Ein Kunde", verrät er, "sitzt auf Madagaskar. Der hat jeden Film gekauft."

Ein Drehbuch

Die Filme sind bis zu 58 Minuten lang und professionell gedreht. Eine intellektuelle Herausforderung sind sie nicht gerade: Man kann das alles doof finden oder frauenfeindlich. Goebbels selbst sieht darin einen harmlosen Spaß. Im direkten Vergleich mit Wrestling, "Jackass", "Dismissed" und ähnlich schwachsinnigen Sternstunden der TV-Unterhaltung hat er sogar recht. Seinen Kunden ist der Spaß jedenfalls 49 Euro pro Film wert.

Das Drehbuch fällt in die Kategorie "Eines für Alle": Junge Dame, nicht zu ausgiebig bekleidet, aber niemals nackt, fährt ihr Auto in den Schlamm (Sand, Gestrüpp etc.). Sie versucht den Wagen zu befreien und gräbt ihn dabei regelrecht ein. Es folgen verschiedene fruchtlose, aber abstruse Versuche, die Kiste freizuschaukeln. Füße in Stöckelschuhen pumpen Gaspedale, bis die Reifen fast brennen. Stöckelschuhe waten durch den Schlamm. Natürlich werden die Mädchen dabei schmutzig. Manchmal kämpfen sie ein wenig im Schlamm. Und manchmal, verrät Goebbels, gibt es sogar ein Happy End: Dann bekommt die Gute den Wagen tatsächlich frei.

Mehr Drehbuch braucht man nicht, um ein weltweit verteiltes Publikum mit deutschen Filmen zu begeistern. Die Damen sprechen allerdings Englisch (oder zumindest so etwas ähnliches), denn natürlich zielte Swen Goebbels von Anfang an auf einen internationalen Markt.

Dass es den geben würde, ahnte er, nachdem er in einem Forum erstmals über so genannte "Pedalpressing"-Angebote gestolpert war. Goebbels: "Aber alles, was ich da entdecken konnte, war sehr lieblos gemacht. Viele wollten die Leute einfach nur abzocken. Da habe ich mir gedacht: Probier doch mal aus, ob es da eine Nachfrage gibt."

Es gab sie, und seit September 2003 brummt Goebbels Geschäft. Die Welt ist groß und voller Wunder: Inzwischen ernährt sich Goebbels von seiner Videoproduktion und dem damit verbundenen Versandgeschäft.

Das kam erst so richtig in die Gänge, als die Adresse begann, als "Witz" oder "Lachnummer" verbreitet zu werden. Das stößt Goebbels dann doch auf, denn "so war das doch gar nicht gemeint". Er mag seine Filme und findet sie nicht anstößig. Und pornografisch seien sie grundsätzlich nie: "Nackt ist nicht". Wer seine Filme kauft, mag hilflose, schlammbeschmutzte Mädchen und festgefahrene Autos. Punkt.

Damit, dass man seine Filme anders goutiert, hat sich Goebbels aber mit einem lachenden und einem weinenden Auge abgefunden: Die öffentliche Aufmerksamkeit ist gut fürs Geschäft. Die Webby-Nominierung hatte ihn noch kalt erwischt, die Preisvergabe führte am Mittwochnachmittag erstmals dazu, dass seine Server kollabierten. Selbst der Tatsache, dass man seine Werke als "Seltsam" auszeichnete, kann Goebbels nun etwas Positives abgewinnen: "Lieber wäre mir ja 'Commerce' gewesen. Aber so musste ich mich wenigstens nicht mit eBay messen."

Frank Patalong

P.S.: Zurzeit sorgt ein erhöhtes Interesse von SPIEGEL-ONLINE-Lesern dafür, dass die Server von Carstuckgirls nur schwer (und zeitweise gar nicht) zu erreichen sind. Sollten Sie die Seite nicht erreichen können, versuchen Sie es in einigen Stunden noch einmal.



© SPIEGEL ONLINE 2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.