CCC-Sommercamp Datenklo macht Hacker froh

Wo sonst nur Pferde grasen, sieht es derzeit aus, als wäre ein alternatives Ufo abgestürzt: Dixi-Toilettenhäuschen, mit Antennen und einer Hülle aus Silberfolie versorgen rund 2000 Teilnehmer des CCC-Sommercamps mit dem Wichtigsten: Daten.

Von , Altlandsberg


Hacker unter der Sonne: Das Chaos Communication Camp 2003
DPA

Hacker unter der Sonne: Das Chaos Communication Camp 2003

Die surreale Installation steht Mitten in Brandenburgs Uckermark. Dazwischen huschen seltsame Gestalten hin und her. Manche tragen Bart und löchrige Hosen, manche Hemd und zu große Brille, andere China-Hüte, um das Hirn vor der Hitze zu schützen: Es sind die "Hacker und verwandte Lebensformen", für die der Chaos Computer Club das "Chaos Communication Camp" veranstaltet hat.

50 Kilometer Kabel

Der technische Aufwand für das Treffen, das Experten aus ganz Westeuropa und deren Jünger anlockte, sucht Seinesgleichen: Drei Diesel-Generatoren produzieren genug Strom für tausend Haushalte, die im Camp verlegten Kabel addieren sich auf eine Länge von knapp 50 Kilometern, für die Organisationsteams wurde ein eigenes Telefonnetz aufgebaut. Im "Hackcenter", einem Zelt von 1500 Quadratmetern, hocken Hunderte vor vernetzten Laptops und PCs - völlig in sich versunken oder verwickelt in für Nicht-Hacker kaum zu dechiffrierende Diskussionen.

Das "Datenklo": Portal zum weltweiten Netz
DPA

Das "Datenklo": Portal zum weltweiten Netz

Da dicke Leitungen auf dem platten Land Mangelware sind, wird der Datenverkehr per Richtfunk nach Berlin abgewickelt - mit der gewaltigen Bandbreite von 155 Megabit pro Sekunde. Im Camp übertragen in den Boden gebuddelte Glasfaserleitungen die Bits von den "Datenklos" zu den einzelnen Rechnern. Gespart haben die Organisatoren nur an den echten Sanitäranlagen. Fünf Duschen für 2000 Teilnehmer - das, befürchtet auf dem Gelände so mancher, könnte den Vorträgen in prall gefüllten Zelten eine ganz besondere Note verleihen. Der Badesee am Camp bietet nur schwachen Trost. "Irgendwie sehr lebendig" sei der Teich, fanden die Schwimmer nach Intensivkontakt mit Algen und Fischen.

Hacker-Radio für die lieben Nachbarn

Rund 100.000 Euro würde die technischen Infrastruktur kosten, wenn der Chaos Computer Club externe Experten nötig hätte. "Wir können das zum Glück alles selbst", sagt Enno Lenze grinsend, ein CCC-Mitglied mit feuerrotem Schopf, einer Menge Sommersprossen und skurrilem Humor. Sogar einen eigenen Radiosender hat das Camp. "Radio Subether" sendet Nachrichten und Interviews, live und 24 Stunden am Tag. Ein Wochenende lang dürften auch die Bewohner der umliegenden Dörfer in den Genuss von Hacker-Themen kommen: "Wir dürfen eigentlich nur mit 0,5 Watt senden", schmunzelt Lenze. "Aber der Sender hat eine maximale Leistung von 150 Watt." Naja, CCC eben.

Brütend heißer Spaß: Vor der Hitze gab es kein Entkommen
DPA

Brütend heißer Spaß: Vor der Hitze gab es kein Entkommen

Der Mitteilungsdrang der Hacker ist groß und die Gelegenheit selten, auf einen Schlag rund 2000 Gleichgesinnte zu treffen. "Man kann die Leute, die man sonst nur aus dem Chat kennt, live erleben", meint Lenze. "Physikalischer Kontakt" heißt das unter Hackern. In so einem Camp könne man eben über alles reden. Wirklich alles. "Wenn ich in eine normale Kneipe gehe, weiß eben keiner, was ein IPv6-Tunnel ist."

Von brisant bis bizarr

Im Chaos-Camp kann so etwas nicht passieren. Das viertägige Programm ist vollgestopft mit 58 Experten-Vorträge zu Technologie, Datensicherheit, Kunst, Philosophie und Politik. Darunter sind hochbrisante Themen wie die vom PC-Besitzer nicht kontrollierbare Fernüberwachung von Hard- und Software durch die Trusted Computing Platform (TCP), aber eben auch manches, was hochbizarr wirkt - etwa wenn ein Redner elektronische Manipulationen bei der letzten US-Präsidentschaftswahl mit Hitlers Volksempfänger vergleicht.

Abseits der Fachsimpelei kann es unter Hackern auch menscheln. Lenze hat das neulich herausgefunden, und zwar per Radiosendung. "Ich wollte wissen, ob Nerds Beziehungen haben." Seine Bekannten hätten spontan reagiert: "Gibt's nicht!" Gibt's doch, wie sich herausstellte: Plötzlich riefen zahlreiche Computerfreaks an und übten den telefonischen Seelenstrip, live auf dem Sender. Die Show wurde im Camp wiederholt, und das fanden nicht alle gut, wie Lenze durchblicken lässt. Die Szene ist eben überschaubar.



© SPIEGEL ONLINE 2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.