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CCC-Sommercamp: Rau(s)chende Datenklos

Von Stefan Krempl

Mitten in der Heide baute der Chaos Computer Club für ein Wochenende eine vernetzte Zeltstadt auf, passendes Ambiente für den erholungsreifen Hacker. Im Trendurlaub amüsierte der sich im "Crypto-Village", beim "Lockpicking" oder in der "Leisure Lounge".

Die Sonne brannte auf die bunte Zeltstadt nieder, in deren Zentrum ein angerostetes, im grellen Licht aber fast golden glänzendes Raumschiff stand. Wenige hundert Meter weiter ragte ein "Tele-Spargel" in den weiß-blauen Himmel hinein, dessen heftige Sendelast im Flirren der Hitze greifbar schien. Im "Hackcenter", einem Zelt in Oktoberfest-Dimension, saßen in langen Reihen bleichgesichtige Menschen hinter flimmernden Bildschirmen und hackten wild auf Tastaturen ein. Angeheizt wurde die außerirdisch anmutende Stimmung durch die Sphärenklänge eines indischen Sitars. Doch das Feld bei Altlandsberg, einem kleinem Städtchen in der Uckermark bei Berlin, war nicht der Landeplatz einer Alien-Invasion: Der Chaos Computer Club (CCC) hatte hierher zum Kräftemessen im Freiland-Hacken geladen, und rund 2000 Technik-Kritiker und -Verliebte sind ihm am Wochenende gefolgt.

Das Get-Together der Freaks, Kryptographen und Security-Berater, ganz im Geiste des legendären, niederländischen Sommercamps Hacking in Progress (HIP, 1997), war ein Festival der Superlative. "Wir haben das größte nicht-militärische Open-Air-Netzwerk der Welt aufgebaut", klopfte sich ein Mitstreiter im Organisatorenteam auf die Schulter. Die Stromversorgung mit mehreren Aggregaten "reiche für eine Kleinstadt". Rund 14 Kilometer Kabel sorgten dafür, dass in jedem noch so kleinen Zelt die Rechner liefen. Die Netzanbindung war vom Allerfeinsten: 34 Megabit über Richtfunk,­ das sei eine bisher kaum erreichte Bandbreite ohne feste Leitungen, so etwas habe sich bisher höchstens Unternehmen im Raum Frankfurt zu Demonstrationszwecken leisten können, bemerkte das Mitglied des Organisatorenteams nicht ohne Stolz.

Allerdings flog auch dem CCC der prestigeträchtige Netzanschluss nicht umsonst auf die Wiese. Nach Angaben des Veranstalters trugen die Zeltlagerer jedoch einen Großteil der Kosten selbst: "Normale" Besucher des Camps wurden kurzerhand zu "freiwilligen Aufbauhelfern" ernannt und mussten 150 Mark pro Nase zahlen, um die Schranken des gut bewachten Geländes passieren zu dürfen. Abgesandte von Unternehmen oder Regierungen sollten sogar 1500 Mark blechen, doch das Interesse an der "Weiterbildungsmaßnahme" hielt sich in Grenzen. Die Deckungslücke zu den tatsächlichen Kosten stopften eine Reihe von Sponsoren, die auf der Camp-Site verzeichnet sind. "Vergessen" wurde nur die Deutsche Telekom, ohne deren "Förderbereitschaft" die Richtfunkstrecke kaum realisierbar gewesen wäre. Wahrscheinlich war es dem CCC, in dessen Geschichte der Kampf gegen Modembeschränkungen der "Deutsche Bundespost Telekom" ein einender Faktor war, peinlich, die Liaison mit dem früheren Lieblingsfeind zuzugeben. "Die haben auch dazugelernt", sagt Frank Rieger, Sprecher des CCC, fast schon entschuldigend.

Um die gewaltige Bandbreite über das gesamte Feld zu verteilen, funktionierten die Veranstalter ein gutes Dutzend der gemieteten Toilettenhäuschen zu Gigabitlinks um. Die "Datenklos" - Hackerveteranen erinnerte der Name dunkel an jene mystischen Modemvorgänger gleichen Namens - empfingen ihren "Saft" von im märkischen Sand verbuddelten Glasfaserleitungen und gaben ihre Bandbreite über freischwebende Kabelverbindungen an zahlreiche weitere Router und Switches weiter.

"Die MP3s fliegen nur so vom Rechner," freute sich Chaos-Hacker amdraht, der am Donnerstagabend bereits sein Iglu aufgeschlagen und mit einem Laptop und Server ausgerüstet hatte. Für die schnelle Datenkommunikation nahm die Hackerzunft sogar die sich aus der Zweckentfremdung der blauen Einzelzellen ergebenden Engpässe in Kauf.

Glücklicherweise hatte der CCC als Ort für den Hackerurlaub ein Gelände am Ufer des Krummensees erschlossen, Kühlung für vom Datenrausch umnebelte Körper und Köpfe waren so gewährleistet. Nach dem Planschen empfahl sich der Besuch der "Leisure Lounge" am Strand, wo dumpfe Techno-Bässe und Hackerbrause zum "Chill-Out" verführten. Neben dem Austausch unter Experten und dem gemeinsamen Aufspüren von Sicherheitslücken in Rechnersystemen und allerlei Apparaten stand der "Fun-Faktor" deutlich im Vordergrund. Einige ältere Hacker erschienen mit Freundin oder Kindern, während der Teenage-Nachwuchs zum Teil in Begleitung der Eltern anrückte.

Programm gab es jede Menge: Neben "Port-Scannen", "System-Hacking" und natürlich dem berühmten "Lockpicking" war das Camp in vier "Dorfbereiche" aufgeteilt worden. Am prominentesten besetzt waren die Panel im "Crypto-Village", in dem sich die Cypherpunks, eine lose Gruppe von Kryptoverfechtern, eingenistet hatten. Dort konnte man sogar den legendären John Gilmore,­ der vor Jahren einmal das Netz als unzensierbar bezeichnete und so einen der größten Internetmythen in die Datenwelt gesetzt hat,­ über die Kryptopolitik der US-Regierung schwadronieren hören. "Kryptographie ist eine Technik wie ein Bleistift", philosophierte er im trendigen Hosenrock, "sie ist gut für so ziemlich alles, aber sie ist definitiv keine Waffe."

Rechnergehirne bewiesen im "Art & Beauty"-Bereich des Camps künstlerische Höchstleistungen. Glanzstück der "Sammlung" war ein 3-D-Drucker, mit dem sich räumliche Rechnergraphiken in Modelle "gießen" ließen. Der Drucker versprühte dazu nicht wie üblich Farbe, sondern eine Kunststoffflüssigkeit, die sich in mehreren Schichten unter einer Glashaube langsam zur Plastik formte.

Ganz ohne Pannen ging das Camp trotz der straffen Organisation nicht ab: Am Freitag abend setzte das gesamte Netzwerk plötzlich aus, kein einziges Bit floss mehr. Gerüchte machten die Runde, dass einer der Hacker seinen Angriff frevelhafterweise auf die eigene Infrastruktur gerichtet habe. CCC-Sprecher Frank Rieger glaubt eher an eine "Fehlkonstruktion": "Die Netzlast war ziemlich hoch, und es gab immer wieder Versuche, das Backbone anzugreifen." Letztlich hätten aber zwei falsch zusammengebaute Switches den Datengau verursacht.

Auch die Polizei tauchte auf, allerdings lediglich um einer Lärmbeschwerde aus der Nachbarschaft nachzugehen.

Ob und wann eine Fortsetzung des ungewöhnlichen Hackerurlaubs folgt, steht noch in den Sternen. "Wir müssen uns erst mal erholen, und dann werden wir sehen", meint Rieger. Auch der Kassensturz sei noch fällig, obwohl der CCC mit einer insgesamt ausgeglichenen Finanzbilanz rechne. Im nächsten Jahr werde es aber ganz bestimmt kein Chaos-Camp geben, frühestens wieder in zwei Jahren.

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