Fair produzierte Hardware Was diese Computermaus dem Fairphone voraus hat

Beim Hackertreffen Easterhegg dreht sich alles um Technik und wie sie hergestellt wird. Auf der diesjährigen Veranstaltung rief ein IT-Spezialist die Teilnehmer auf, mehr auf fair produzierte Hardware zu achten - und kritisierte das oft gelobte Fairphone.

Aus Stuttgart berichtet

Jörg Breithut

Stuttgart - Eine ausgediente Telefonzelle haben die Hacker vor dem Schrottplatz gerettet: Das gelbe Gehäuse dient nun als Duschkabine im Hacker-Treff Shackspace in Stuttgart. Ein alter Touchscreen aus dem Supermarkt steuert das Licht und auch ein alter Röhrenfernseher flimmert wieder. In einer düsteren Ecke des Raumes haben die Bastler den Bildschirm ins Gehäuse eines alten Spielautomaten gestopft und einen ausgedienten Linux-Rechner angeschlossen. So konnten die Teilnehmer des diesjährigen Hackertreffens Easterhegg darauf Spielhallen-Klassiker zocken.

Für viele Hacker ist es eine Art Sport, alten Geräten neues Leben einzuhauchen. Doch dem Informatiker Sebastian Beschke genügt das nicht. In seinem Vortrag auf dem Treffen, das der Chaos Computer Club (CCC) organisiert hat, forderte er dazu auf, beim Hardware-Kauf stärker auf die Herkunft der Geräte zu achten. Fairtrade sollte auch bei Hardware möglich sein, sagte das CCC-Mitglied. Schließlich klappe das auch bei Klamotten und Kaffee: "Wenn man Fairtrade-Schokolade kauft, ist der Gedankensprung zum fairen Computer nicht so weit."

Beschke erinnerte seine Zuhörer daran, dass in vielen Zulieferbetrieben von Firmen wie Apple, Sony und Samsung "üble Bedingungen" herrschten. Viele Angestellte würden dort zu Niedriglöhnen arbeiten, unter enormem Leistungsdruck stehen und pausenlose Zwölf-Stunden-Schichten am Fließband verbringen. Sogar Kinder würden beschäftigt. Doch die Probleme beginnen schon viel früher, beim Abbau der Rohstoffe, sagt Beschke. Edel-Erze wie Coltan werden in Ländern wie Kolumbien, der Demokratischen Republik Kongo, Burma und Simbabwe gewonnen - der Abbau dort ist eine wichtige Einnahmequelle für Rebellen und Bürgerkriegsparteien.

Der Wille fehlt

Sebastian Beschke verdient seinen Lebensunterhalt mit dem Computer. "Das will ich nicht auf dem Rücken anderer Menschen austragen", sagt er. Seiner Erfahrung nach hören sich viele Hacker das Thema faire Hardware gern an. Doch oft fehle der letzte Schritt, der etwa darin bestehen könnte, mal beim Lötzinn-Lieferanten anzurufen und zu fragen, woher das Material stammt.

Zudem bemängelt er, dass faire Hardware auf dem Markt kaum zu finden sei. Zwar hätten die Erfinder des Fairphones das Geschäft mit dem guten Gefühl für sich entdeckt und liefern ihr Smartphone seit Anfang des Jahres an die Kunden aus. Kopfhörer und Netzteile werden dabei nur auf Wunsch mit eingepackt, um die Umwelt zu schonen. Außerdem spenden die Hersteller für jedes verkaufte Telefon drei Euro an Projekte, die sich dafür einsetzen, dass Smartphones auch in Entwicklungsländern umweltgerecht entsorgt werden.

"Dem Fairphone fehlt noch ziemlich viel"

Doch im Inneren des Fairphones seien längst nicht alle Bauteile fair, sagt Beschke. Lediglich das Lötzinn und das Tantal in den Kondensatoren stammen aus konfliktfreien Gebieten. Das sei zu wenig, findet der Hacker: "Dem Fairphone fehlt noch ziemlich viel, um als fair durchzugehen."

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Für Beschke hängt das Vorzeigeprojekt für faire Hardware am USB-Anschluss seines Laptops. Es ist eine grüne Maus der Marke Nager IT. Das Gehäuse wird aus europäischen Holzabfällen gefertigt, die Leuchtdioden werden aus Japan importiert und die Leiterplatten in einer Behinderten-Werkstatt in Bayern gelötet.

Doch auch bei Nager IT werden nicht nur faire Bauteile verbaut. Dafür sei die Lieferkette zu undurchsichtig, sagt Beschke. Manche Hersteller verraten nicht, woher die Rohstoffe stammen und die Arbeitsbedingungen in einigen Elektronik-Betrieben lassen sich nicht kontrollieren. So bleiben der Prozessor, der optische Sensor und das Scroll-Rädchen die Problemzonen der Maus.

"Nager IT ist radikal transparent"

Dennoch glaubt Beschke, dass die 30-Euro-Maus dem Fairphone weit voraus ist. Der Unterschied: "Nager IT ist radikal transparent." Im Gegensatz zum Fairphone mache das Nager-IT-Team kein Geheimnis aus der Lieferkette: Ein PDF-Dokument mit dem Ursprung aller Bauteile hat das Nager-IT-Team frei zugänglich ins Netz gestellt, mitsamt den rot markierten Problemteilen und den undurchsichtigen Handelswegen einiger Rohstoffe. Jeder Nutzer kann auf dieser Basis selbst entscheiden, ob die Maus ihm fair genug ist.

Daran will Beschke anknüpfen. Er will eine Datenbank mit einer Liste aller Lieferanten aufsetzen, die faire Arbeitsbedingungen und einen fairen Abbau der Rohstoffe garantieren. Auf diese Datenbank sollen alle Hardware-Hersteller freien Zugriff haben. Doch bis dahin sei es noch ein weiter Weg, sagt der Hacker. Denn das Projekt Nager IT zeige noch etwas: "Selbst bei recht simplen Geräten wie einer Maus ist das eine ganze Menge Arbeit."



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