CD-Tauschbörsen File-Sharing per Post

Die Mix-Kassette ist tot, es lebe die Mix-CD. Im Netz tummeln sich mehr und mehr Hobby-Gruppen, die untereinander selbst arrangierte Musik-CDs tauschen - Kunst nennen das die Amateur-Misch-Brenner. Der Unterhaltungsindustrie ist dieses Treiben dagegen mal wieder ein mächtiger Dorn im Auge.

Von Jochen A. Siegle


Der Mixbote: Musikauslieferung per Pedes oder Pedal

Der Mixbote: Musikauslieferung per Pedes oder Pedal

Was waren das für Zeiten in den frühen Achtzigern: Vinyl dominierte die Teenie-Zimmer, Musik-Singles nannten sich Tonträger und rotierten mit 45 Umdrehungen auf Papas ausrangiertem "Dual"-Plattenspieler. Am Wochenende schnitt man die Neueinsteiger in der deutschen Hitparade aus dem Radio mit - größte Herausforderung dabei: die Pause-Taste zu drücken, bevor der Sprecher mit seinem Text einstieg.

In ebenso mühe- wie liebevoller Handarbeit wurden hieraus selbst arrangierte Kassetten zusammengeschustert und bevorzugt auf BASF Chromdioxid 2 gebannt. Audioleerkassetten, selbstredend mit Hand beschrifteten Index-Pappen, waren damals schließlich das Medium der Stunde.

Heute ist die Musik digitalisiert, die guten alten Magnetbänder und damit Hobby-Sampler-Tapes sind tot. Und so ist alles anders - und doch irgendwie wieder gleich. Denn der Hausmacher-Audio-Mix steht vor einem Revival. Mit Hilfestellung des Netzes und des CD-Brenners.

"Mix-CD-Swapping" nennt sich die Online-Subkultur, der der Austausch von selbst zusammengestellten Musik-CDs innerhalb einer Gruppe von Musikfans zu Grunde liegt. Und diese kennen sich nicht persönlich, sondern nur über das Netz, wo sie sich auch organisieren.

Wohl über ein Dutzend Mix-CD-Tauschringe wie MeFiSwap, Art of the Mix, Yahoo Groups CD Trading, Interchange oder Phishhook gibt es inzwischen. Typischerweise produziert dabei im Rotationsverfahren jeden Monat ein Mitglied eine Mix-CD und schickt diese an verschiedene andere Swapper - wohlgemerkt per Schneckenpost.

Die als Ableger des Weblogs Metafilter organisierte Mix-Gruppe MeFiSwap etwa zählt über 250 Audio-Tauscher aus aller Welt, wobei jeder Teilnehmer pro Quartal eine persönliche Mischung an fünf andere "MeFites" sendet. Die Online-Community Art of the Mix, der fast 5000 Mitglieder angehören, stellt dagegen mehrere tausend Fan-Playlisten von Mix-CDs und -Tapes bereit; getauscht werden kann je nach Interessenlage ganz individuell.

Daneben bieten auch einzelne Blog-Fans CD-Kompilationen zum postalischen Austausch an. Joshua Bernardetwa tauscht schon seit drei Jahren und hat seitdem gut zwei Dutzend Digital-Mixe mit Titeln wie "Digital Destiny" oder "New Year Mix 1999" arrangiert. Und die sind äußerst gefragt: Jede Woche darf sich der Misch-Brenner über Schall-Post von drei bis vier Tauschfreunden freuen. "Das ist genial, auch wenn es fast unmöglich ist, den Überblick zu behalten", sagt Bernard.

Manche Brennzirkel boomten zeitweise sogar derart, dass sie die Initiatoren offline nehmen mussten, wie etwa CDMOM. Betreiber Joshua Benton aus Dallas zufolge wurden über diese Web-Tauschrunde zwischen Oktober und Februar über 1300 CDs getauscht. Im März musste er den Stecker ziehen, da er dem Ansturm schlicht nicht mehr gewachsen war. Dasselbe Schicksal sollte das Projekt Burn, Baby Burn! ereilen.

CD-Brennen ist Kunst

Digitalisierte Musik über den langsamsten Kommunikationsweg überhaupt zu verschicken, mag auf den ersten Blick absurd erscheinen. Für "Mix-CD-Swapping"-Fans liegt jedoch neben der günstigen Möglichkeit, neue Musik kennen zu lernen, der Reiz des Post-Musik-Sharing eben im physischen "Touch & Feel" einer selbst zusammengestellten, gebrannten und verpackten CD.

So lehnen es die meisten Tausch-Ringe auch kategorisch ab, die Amateur-Kompilationen im MP3-Format zum Download auf einem Web-Server bereitzustellen. Denn damit würden zum einen doch wieder nur die Stücke heruntergeladen, die man so oder so schon kennt, zum anderen könnte die Reihenfolge durcheinander gebracht werden.

Und die Produktion einer Mix-CD sei schließlich eine Art Kunstform, in der sich die Brenn-Artisten über die Arrangements der Stücke sowie über die Cover-Designs ausdrücken.

Einspruch: Die RIAA hat was dagegen

"Auch das noch", sagt dagegen die so oder so von Online- und Brenn-Exzess-Alpträumen geplagte Unterhaltungsindustrie. Denn das Mix-CD-Tauschen verletze Urheberrechte - auch wenn keinerlei kommerzielle Absichten dahinter stehen und es eingefleischte Brenn-Tauschringe als Ehrensache betrachten, ausschließlich legal erworbene und keinesfalls online "ge-napsterte" Musik zu verwenden. Zum Teil digitalisieren Fans sogar Vinyl, um ihren Mixen den letzten Schliff zu geben.

"Es wäre naiv von uns, diese Aktivitäten zu dulden", diktierte dennoch ein genervter RIAA-Vertreter vor kurzem der "New York Times". "Digital-Mixe haben eine bessere Qualität als kopierte Musik-Kassetten." Auch die hätten den Unterhaltungsbossen zufolge einst ja die Entertainmentwirtschaft ruinieren sollen - dabei ist genau das Gegenteil passiert: "Selbst bespielte Leer-Kassetten haben die Musikbranche ordentlich beflügelt", will Peter Brinkman, Vizepräsident bei Kassetten-Herstellern Maxell, wissen.

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Nichts anderes erwarten die Digital-Freidenker der Electronic Frontier Foundation (EFF) aus San Francisco von der Mix-CD-Kultur. Diese Silberlinge dienten nämlich ebenfalls als Promotion für junge und unbekannte Künstler. Außerdem sei die Musikindustrie auch an den Umsätzen beschreibbarer CDs beteiligt und es nach amerikanischem Recht vollkommen in Ordnung, Kopien eigener CDs für den Selbstgebrauch herzustellen.

Original-Tonträger bitte gleich mittauschen

Den RIAA-Advokaten zufolge ist die Rechtslage jedoch deutlich verzwickter. Diese argumentieren nämlich, dass ein CD-Mix nur dann weitergegeben werden darf, wenn die dem Audio-Gemisch zu Grunde liegenden Original-Tonträger ebenfalls übergeben werden. Jeder, der öffentlich CDs tauscht, müsse daher nicht nur mit Musik-Post, sondern auch mit Abmahn-Post rechnen. "Wenn das CD-Swapping ohne Konsequenzen bleibt, wird sich dieses Phänomen nur noch weiter ausdehnen", rechtfertigt Frank Creighton, oberster RIAA-Copyright-Schützer die Drohungen. "Und wir offerieren ja auch legale Alternativen."

Damit meint Creighton kommerzielle Online-Musikdienste à la Pressplay, MusicNet oder den virtuellen Apple-Musikladen. Auch wenn man der Unterhaltungsbranche zugute halten muss, nach jahrelangem Gekrampfe im Netz langsam, aber sicher das Ticken der Web-Musik-Gemeinde begriffen zu haben - was der Überraschungserfolg von Apples iTunes Music Store zeigt -, stimmt das nur bedingt.

Denn wer einmal die Playlisten von Projekten wie Art of the Mix durchforstet hat, merkt schnell, dass nicht einmal ein Bruchteil der dort gelisteten und individuell arrangierten Songs online zu kaufen ist.



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