CD und MP3 Niedergang der Hörkultur

Als wir Mitte der Achtziger die Schallplatte verabschiedeten, dachten fast alle, das wäre ein Schritt nach vorn. Dem Charme der rauschfreien, unzerstörbaren CD konnte sich kaum jemand entziehen. Doch in Wahrheit leitete die CD den Niedergang der Hörkultur ein, der heute von MP3 & Co vollendet wird.

Von Holger Biermann


MP3-Player (von Sony): Geschickte Psychoakustik, aber es fehlen Informationen
AFP

MP3-Player (von Sony): Geschickte Psychoakustik, aber es fehlen Informationen

Schon damals wurde allerdings ein Verlust an Information als Fortschritt gefeiert: Das so genannte PCM-Signal (Pulse Code Modulation) der CD ist prinzipbedingt auf den Frequenzumfang von 20 bis 20.000 Hertz beschränkt. Das entspricht in etwa dem Bereich, den die Mediziner unserem Ohr zutrauen. Reicht das? Ich glaube nicht, die japanischen und holländischen CD-Entwickler meinten Ja. Geräusche, die im Spektrum darunter oder darüber liegen, fallen bei der CD also rigoros dem Filter zum Opfer. Eine gut aufgenommene LP bietet da einiges mehr.

Die Entwicklung rief freilich auch Mahner auf den Plan. Leute, die einfach ein bisschen genauer hinhörten und feststellten: "Nein, nein Freunde, die LP klingt eindeutig besser!" Das aber wollte damals keiner hören. Bitteschön! Man war in den Achtzigern, und das Credo dieser Umbruchzeit lautete: Ist doch alles digital - da kann es doch gar keine Klangunterschiede geben.

Es gab sie trotzdem, und sie waren zum Teil riesig. Die CD-Player der ersten Generationen klangen harsch und künstlich, doch die Industrie lernte schnell. Bereits Anfang der Neunziger gab es exzellente CD-Player, die auch anspruchsvolle Musikhörer zufrieden stellten. Der Qualitätsfanatiker Herbert von Karajan jedenfalls befand: "Im Vergleich zur CD ist alles andere wie Gaslicht." Zu Beginn der Neunziger hatte sich die CD endgültig durchgesetzt.

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Die Lizenzgeber Philips und Sony werden gern an die Mittneunziger zurückdenken: Wer die aktuellste Musik hören wollte, kaufte eine CD - es war DAS Medium für Neuveröffentlichungen. Wer hochwertig Musik hören wollte, kaufte eine CD - Platten gab es ja kaum noch. Und wem die Qualität egal war, kaufte ebenfalls die CD - die billigere CompaktCassette war viel zu umständlich. Es gab eine Plattform, auf der sich fast alle Musikfreunde trafen: die CompactDisc.

Nicht alle Musikliebhaber konnten ihr Misstrauen gegenüber der CD ablegen: Die Geräte wurden immer besser, doch das elementare Software-Medium sollte klanglich limitiert bleiben? Es traf sich, dass Ende der Neunziger die CD-Patente (nach 25 Jahren) ausliefen und das Philips/Sony-Konsortium händeringend nach einem lizenzträchtigen Nachfolger suchte. Man fand es in Form der Super Audio CD (SACD), die nicht nur Musik auf fünf Kanälen, sondern auch einen viel größeren Frequenzbereich (20 - 100.000 Hertz) versprach. "Klingt wie eine gute Schallplatte" meinten selbst engagierte Analogverfechter.

Und plötzlich kam Schwung in die Sache: Auch der Mitbewerber Panasonic brachte - den Blick auf das Lizenzgeschäft gerichtet - mit der DVD-Audio einen höchst anspruchsvollen Tonträger auf den Markt. Die DVD-A bietet die Musik ebenfalls auf bis zu fünf Kanälen, einen Frequenzumfang von 20 bis 96.000 Hertz und sogar ein Standbild.

Beide Lager liefern sich seitdem einen reichlich unsinnigen Systemstreit, aber die Audiophilen waren trotzdem heilfroh: Na und? Dann hat der Musikliebhaber halt die Auswahl zwischen zwei hoch überlegenen CD-Alternativen. Klanglich traumhafte Zeiten schienen ins Haus zu stehen.

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Wir hatten alle die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Den meisten Verbrauchern ist die Qualität der CD nämlich genug. Sie ist ihnen nur zu teuer. Die Plattenfirmen verlangen ja zum Teil unverschämt hohe Preise. Und natürlich kosten die neuen Superscheiben gleich noch ein bisschen mehr...

Die Folgen: SACD und DVD-A dümpeln im Brackwasser der Belanglosigkeit, die CD-Verkäufe gehen drastisch zurück, und die wichtigste Zielgruppe der Pop-Branche ist weitgehend aus dem legalen Konsum ausgestiegen: Die Jugendlichen, so gut wie alle im Besitz eines Computers mit Internet-Anschluss, laden ihre Musik meist kostenlos aus dem Netz oder überspielen ganze Festplatten bei Kumpels per Laptop. In Kinderzimmern entstehen so gigantische Musikarchive, schnell zugänglich und schnell mal kopiert. Neulich traf ich einen 13-Jährigen, der bereits respektable 15.000 Titel auf seinem Rechner gehortet hat. Dafür hätten wir damals ziemlich lange Cassetten bespielen müssen...

Mit etwas Verzögerung zieht nun auch die Musikindustrie nach. Auf Musikplattformen bieten die Platten-Label ihre Musik gegen kleine Münze zum Download an. Plötzlich steht ein gigantisches (und legales!) Angebot im Netz, mit dem sich kein noch so gut sortierter Plattenladen messen kann. Selbst Raritäten werden so problemlos zugänglich. Das ist für alle Musikfreunde interessant - nicht nur für Kids.

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Doch es gibt einen Nachteil: Die Musikdateien sind, um sie schnell und günstig herunterladen und archivieren zu können, stark datenkomprimiert. Das übliche Format heißt MP3 und kommt mit einem Zehntel der CD-Datenrate aus; eine geschickte Psychoakustik verzichtet hier auf verdeckte Töne, die man angeblich sowieso nicht hört. Die Idee scheint zu stimmen: Auf der IFA 2003 in Berlin hat "stereoplay" einen großen Test verschiedener Komprimierungsverfahren gemacht: Ergebnis: Die meisten MP3-Hörer waren absolut zufrieden.

Und dennoch droht hier ein echter Kulturverlust. Wenn Musik vor allem im datenreduzierten Format angeboten wird, wäre es nur logisch, sie auch mit reduziertem Aufwand aufzunehmen. Das würde Speicherplatz und Geld sparen. Und hören kann das doch eh keiner, oder? Die Sache hat nur einen Haken: Was nicht aufgenommen wird, kann später auch nicht mehr zu rekonstruiert werden.

Eine solche Entwicklung wäre bitter. In Langzeit-Versuchen innerhalb der Redaktion "stereoplay" haben wir festgestellt, dass der Konsum datenreduzierter Musik schneller ermüdet und stärker stresst als der von unkomprimierter. Unsere These: Weil das Hirn ständig die verdeckten Signale ergänzen muss, wird es mehr gefordert. Bislang haben alle Mediziner bei dem Thema abgewinkt: wissenschaftlich nicht haltbar. Egal. Wenn ich nach langem Konsum von Internet-Radio oder anderer MP3-Musik spürbar matt werde, lege ich eine schöne alte Platte auf: Da knistert es zwar ein bisschen, aber es ist alles drauf. Und es ist lebendig..



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