CDU, CSU, SPD bei Twitter Was die Hashtags der Parteien verraten

An den Hashtags, mit denen sich die Regierungsparteien auf Twitter präsentieren, lassen sich deren Probleme ablesen. Auf absurde Weise gilt das ganz besonders für die CSU.

Die CSU auf Twitter
twitter.com/ CSU

Die CSU auf Twitter

Eine Kolumne von


Weltpolitik findet inzwischen auf Twitter statt. Zwar in erbärmlicher Form, aber irgendwie passt das ja zur Weltlage. Wenn Archäologen in tausend Jahren Twitter ausgraben, werden sie es als Archiv vielsagender Verkürzungen betrachten können, denn die Kürze zwingt oft dazu, Farbe zu bekennen.

Genau das machen die drei deutschen Regierungsparteien im ersten Halbjahr 2018 in Form von Hashtags. Das sind die Schlagworte, mit denen man seine kurzen Botschaften in sozialen Medien thematisch einordnet. Hashtags auf Twitter sind wie Fußball-Trikots: Wenn man sie benutzt, bekommt jeder zuvor unverständliche Jubelschrei einen Kontext.

Und so spiegelt sich die deutsche Parteienkrise im Sommer 2018 auf Twitter. An den Hashtags, die die Parteien verwenden, kann man deren jeweilige Probleme erkennen:

CDU: #merkel
Die CDU taumelt zwischen Machterhalt, Merkeldämmerung und Selbstvergewisserung. Der meistverwendete Hashtag der CDU ist deshalb natürlich #merkel . Seit Jahresanfang kommt der Partei-Account auf 107 #merkel-Tweets, am 6. Juni mussten es rekordverdächtige 17-mal sein. #merkel, das ist nicht nur der wichtigste Hashtag der CDU, es ist auch die ultimative Letztbegründung der Partei. Denn auf Twitter wird #merkel von der Partei selbst oft kausal verwendet, dann bedeutet es: "Das ist so, weil Merkel". Das ist machttechnisch so präzise wie kommunikativ armselig.

SPD: #brückenteilzeit
Die SPD hofft, dass emotional inszenierte Sachpolitik sie aus der 16-Prozent-Krise führt, wenn man bloß laut genug dran glaubt. Öffentliche Autosuggestion als Strategie. Warum nicht? Schlechter als die vorherigen Maßnahmen dürfte es kaum wirken. Die SPD hat keinen eindeutigen Lieblings-Hashtag auf Twitter, und #nahles kam bei mehreren Hundert Tweets 2018 nur schmale 14-mal vor. Unter den meistverwendeten finden sich: #spderneuern, #brückenteilzeit, #Musterfeststellungsklage sowie #TagdesGrundgesetzes, #TagderFamilie, #Weltbienentag, #TagderKinderbetreuung und #DeutscherSeniorentag. Soziale Medien sind Emotionsmedien, dort zählen die im Publikum geweckten Gefühle, die aktuellen Rettungsbemühungen der SPD werden sich daher an der wuchtigen Emotionalität von #musterfeststellungsklage und #brückenteilzeit messen lassen müssen.

CSU: #Klartext
Mit großem Abstand am besten aber lässt sich die Diagnose der dritten Regierungspartei anhand der Hashtag-Verwendung erstellen. Für die CSU muss dabei eine alte, wahrscheinlich amerikanische Wendung reanimiert werden, mit der die Deutschen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts bedacht wurden: "cold hysteria". Kalte Hysterie. Wenn das Wutbrodeln um die erste Hitze reduziert zum Konzept wird. Kalte Hysterie ist Angstbeißen in Nadelstreifen. Die CSU hat auf Twitter ein absolutes Lieblingswort: #Klartext. Es ist der meistverwendete Hashtag, die wortgewordene Welthaltung der CSU: Klartext. In diesem Jahr hat die CSU bereits 70-mal #Klartext getwittert. Man muss dabei berücksichtigen, dass die CSU 2018 rund 230 Tweets veröffentlicht hat, also etwa so viele wie die CDU allein im Juni (Stand: 19. Juni). In rund jedem dritten Tweet der CSU kommt also der Begriff #Klartext vor.

Natürlich schreibt die CSU fast ausschließlich im Kontext von Flüchtlingen, Islam und innerer Sicherheit #Klartext. Der Begriff ist der CSU so unendlich wichtig, dass sie manchmal an einem Tag sämtliche Statements der führenden Funktionäre so anpreist: "#Klartext von Seehofer", "#Klartext von Söder", "#Klartext von Scheuer", "#Klartext von Dobrindt".

Es ist das populistische Konzept der Pseudoentlarvung in einem Wort, denn wer Klartext ankündigt, erklärt alles andere zum Unklartext, zur Beschönigung, zum lästigen Getue um Details. Was "Man wird doch wohl noch sagen dürfen" für die Generation Sarrazin war, haben die beinahe promovierten Gelfrisuren der Generation Scheuer verdichtet auf den Hashtag #Klartext.

Mit Klartext zum Außenseiter stilisiert

Die tiefere Psychologie des politischen Begriffs Klartext aber taugt zur Zeitdiagnose. Natürlich hat sich die CSU dieses Konzept nicht selbst ausgedacht. Der heute als Trump-Widerständler gefeierte Republikaner John McCain bezeichnete sich in verschiedenen US-Wahlkämpfen als "straight talk express", die amerikanische Variante von Klartext.

Diese politische Form des Klartext ging zwingend mit der Inszenierung als "Maverick", als Außenseiter, einher. Zu diesem Zeitpunkt war McCain fast zwei Dekaden Abgeordneter oder Senator in Washington und Ehemann einer Frau mit neunstelligem Dollarvermögen. Weniger Außenseiter geht nicht.

Begriffe, die Bilder erzeugen

Das ist der Schlüssel zum Verständnis: Das Versprechen "Klartext" ermöglicht der Elite Anti-Elitismus. Klartext im Sinne der CSU bedeutet: Alle lügen, wir sagen die Wahrheit. Man kann dann als Regierungspartei Ein-Wort-Opposition spielen, also ganz oben stehen, sich zugleich aber mit dem "kleinen Mann" gegen "die da oben" verschwören. Eine direkte Parallele zur Opferpose der Rechten und Rechtsextremen. Die ständige, geradezu manische Behauptung, Klartext zu reden, ist die mäßig subtile Art der CSU, allen anderen Beschönigung und Verkomplizierung der eigentlich total einfachen Lage vorzuwerfen.

Vor wenigen Tagen hat das Konzept Klartext seinen vorläufigen Höhepunkt gehabt, das derzeit bitterste Beispiel für kalte Hysterie, nämlich den Begriff "Asyltourismus". Dieses Schlagwort ist gleichzeitig genial und abscheulich, weil es Bilder im Kopf produziert, bei denen man sich dagegen wehren muss, umgehend rechtsradikal zu werden. In der Kommunikationswissenschaft wird diese Strategie als "Framing" bezeichnet, man setzt einen Deutungsrahmen. Der wurde in diesem Fall so absurd gewählt, dass Argumente unwichtig werden, weil man nur noch per Bauchgefühl dafür oder dagegen sein kann.

Flucht als Urlaub?

Die wirkungsvollste Art, eine differenzierte Debatte zu verhindern, ist deshalb dieses Auftrumpfen mit Absurditäten. Sie erzeugen einen heftigen Widerspruch, bei dem die lautstarke Bekundung der Ablehnung wichtiger wird als die Begründung dafür.

Die Essenz des Klartext der CSU in der öffentlichen Debatte: Es handelt sich um einen Impfstoff gegen Differenzierung. Klartext duldet kein "Aber", Klartext ist die Fahne, der man hinterherläuft, ohne "warum" zu fragen, Klartext macht automatisch die schlichteste, emotionalste Lösung zur richtigen. Wer Klartext ankündigt, verkündet die absolute Wahrheit und duldet weder Widerspruch noch Diskussion.

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insgesamt 52 Beiträge
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mayazi 20.06.2018
1. Böse, böse
Aber gut.
andree_nalin 20.06.2018
2. Ein höchst gelungener Exkurs
In Sachen Kommunikationsstrategie und -psychologie. CSU = AFD ? Bingo !
Luritz 20.06.2018
3.
Danke für diesen klaren Text!
Leser161 20.06.2018
4. Klartext zu Klartext
So ist es. Nichts gegen "Wir kämpfen für den kleinen Mann" aber der kleine Mann kann weiter denken als simple Vereinfachungen.
waldi4711 20.06.2018
5. ach so?
SPON bleibt sich jedenfalls treu und sabbelt im Merkelstil die böse Geschichte von der CSU zusammen. Kein #Klartext, im Gegenteil! Wie man von Klartext auf #coldHysteria kommt, weiss nur Spon allein. Und die süße SPD kümmert sich ums Bienensterben und den Fenstertag... die haben echt den Schuss verpasst! Das ist Storytelling von der boshaften Sorte, ziemlich schlecht gemacht... Redet doch auch mal #Klartext!
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