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CDU-Fraktionsvize Bosbach zu Videospielverboten: "Wir wollen den Zugang so schwer wie möglich machen"

Killer-Computerspiele sollen verboten werden, meint CDU-Fraktionsvize Wolfgang Bosbach. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE erklärt er, warum der Schutz Jugendlicher vor dem Freiheitsrecht Erwachsener stehe sollte - und stärkt der Selbstkontrolle der Softwarebranche den Rücken.

SPIEGEL ONLINE: Herr Bosbach, die Definitionen gehen durcheinander - was ist für Sie ein Killerspiel?

Wolfgang Bosbach: Das sind Computerspiele, in denen das realitätsnah simulierte Töten von Menschen in der fiktiven Spielwelt wesentlicher Bestandteil der Spielhandlung ist und der Erfolg des Spielers im Wesentlichen davon abhängt. Von dieser Umschreibung geht auch ein Gutachten des wissenschaftlichen Dienstes des Bundestages aus, das dem Bundesgesetzgeber unter bestimmten Voraussetzungen die Möglichkeit einräumt, ein Einfuhr-, Verkaufs-, Vermiet- und Verleihverbot für Killerspiele zu erlassen. Es geht bei diesen Spielen also nicht nur um die realistische Simulation des Tötens und Quälens von Menschen oder anderen Lebewesen - sondern auch um das Einsteigen des Spielers in die Handlung. Es ist ein Unterschied, ob man Gewalt im Fernsehen oder Kino nur sieht, oder aber aktiv eingreifen kann und selbst zum „Täter“ wird.

SPIEGEL ONLINE: Für Sie ist der Schutz der Jugendlichen vor solchen Spielen höher zu bewerten als das Freiheitsrecht der Erwachsenen, die solche Spiele mögen?

Bosbach: Das ist richtig. Wir haben hier kollidierende Verfassungsgüter: Jugendschutz und Jugendmedienschutz ist Staatsaufgabe. Dagegen steht die allgemeine Handlungsfreiheit des Konsumenten. Da muss der Staat abwägen und eine Wertentscheidung treffen. Wenn man ohne ein Verbot auf andere Weise verhindern könnte, dass Kinder solche Spiele in die Hände bekommen, dann gerne - aber mir konnte noch keiner eine solche Möglichkeit nennen.

SPIEGEL ONLINE: Viele Leser haben uns zu diesem Thema geschrieben. Die meisten würden sich durch ein Verbot diskriminiert fühlen. Wieso sollen Erwachsene solche Spiele nicht spielen dürfen?

Bosbach: Sagen Sie mir bitte, wie Sie verhindern können, dass sich ein 18-Jähriger so ein Spiel kauft oder leiht und es dann seinem 13-jährigen Bruder in die Hand drückt? Oder dass es Erwachsene zu Hause rumliegen haben und die Kinder sich bedienen?

SPIEGEL ONLINE: Ist das nicht eher Aufgabe der Familie als der Politik?

Bosbach: Natürlich sind die Familien an erster Stelle gefragt. Sie müssen sich dafür interessieren, was die Kinder in ihrer Freizeit machen. Ich selbst habe drei Kinder, alle drei haben einen Computer. Das ist bei uns ein tägliches Thema.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie selbst schon mal so ein Spiel gespielt?

Bosbach: Wir sind noch nicht auf die Idee gekommen, uns ein Killerspiel anzuschaffen. Wir glauben auch nicht, dass die Erziehung unserer Kinder leidet, nur weil es bei Bosbachs keine Killerspiele gibt. Im Gegenteil. Ich fürchte: Viele Eltern wissen überhaupt nicht, was sich da auf dem Bildschirm abspielt, oder was sich hinter Titeln wie "Mortal Kombat" oder "Doom 3" verbirgt.

SPIEGEL ONLINE: Müsste man da nicht eher bei der Information der Eltern ansetzen – zumal ein Verbot in Zeiten des Internets kaum durchzusetzen ist?

Bosbach: Man muss unterscheiden zwischen Spielen, die online angeboten werden, und Spielen, die man im Laden kauft - da haben Sie Recht. Trotzdem nutzt die beste Information der Eltern nichts, solange es diese Produkte auf dem freien Markt gibt. Die Eltern können Ihrem Kind zwar ein Spiel verbieten, aber der Nachwuchs kann dann beim Nachbarn einfach weiterspielen. Es gibt Kinder, die sich von diesen Spielen geradezu magisch angezogen fühlen. Wir wissen aus einer Reihe von Untersuchungen, dass es bei einigen Kindern - ich sage gar nicht bei der Mehrzahl - zu erheblichen Entwicklungsstörungen kommen kann. Als Politiker kann man da nur sagen: Wir wollen den Zugang so schwer wie möglich machen. Vielleicht steigert schon die jetzige Debatte bei einigen Eltern das Interesse daran, womit sich ihre Kinder am PC eigentlich beschäftigen.

SPIEGEL ONLINE: Eine aktuelle Studie zeigt, dass Menschen, die exzessiv Computer spielen, oft schon vorher an einer psychischen Störung oder einer Depression leiden. Ist das Spielen nicht eher Symptom als Ursache?

Bosbach: Natürlich wird nicht jeder Depressive durch Gewalt in Medien selber gewalttätig. Ich bin meilenweit davon entfernt zu behaupten, dass jeder, der so etwas spielt, zum Gewalttäter wird. Aber wenn eine Persönlichkeitsstörung, vielleicht aber auch Vereinsamung und Vernachlässigung zusammenkommen mit dem Hineinziehen in virtuelle Gewaltexzesse, dann kann diese Kombination dramatische Folgen haben.

SPIEGEL ONLINE: Die Frage bei alldem ist nicht zuletzt, ob der deutsche Jugendschutz funktioniert. Die Bundesregierung hat im August festgestellt, die Unterhaltungssoftware-Selbstkontrolle (USK) liefere "eine hohe Qualität bei der Altersfreigabe". War das falsch?

Bosbach: Das müssen Sie die fragen, die zu dieser Bewertung gekommen sind. Diese Einschätzung stammt nicht von mir. Mir liegt eine Einschätzung von vier unabhängigen Wissenschaftlern vor, die die Arbeit der USK beurteilt haben - und die kommt zu einem anderen Ergebnis.

SPIEGEL ONLINE: Der niedersächsische Innenminister Uwe Schünemann will die USK abschaffen. Meinen Sie das auch?

Bosbach: Nein, das muss nicht unbedingt sein. Ich bin immer für eine freiwillige Selbstkontrolle - wenn sie wirklich greift. Die Frage ist aber, ob sie greift. Bei der USK spielen zum Beispiel die Gutachter gar nicht selbst, sondern überlassen das studentischen Hilfskräften. Ob das wirksamer Jugendmedienschutz ist, ist zumindest fraglich.

SPIEGEL ONLINE: Wie wollen Sie das Killerspiel-Verbot jetzt vorantreiben?

Bosbach: Weil es um Jugendmedienschutz geht, wird das wohl zunächst in die Zuständigkeit von Familienministerin Ursula von der Leyen fallen. Es müssen aber auch Gespräche mit den Ländern geführt werden, Niedersachsen und Bayern haben Bundesratsinitiativen angekündigt, außerdem haben wir noch die Koalitionsvereinbarung. Bund und Länder müssen jetzt zu einem gemeinsamen Vorschlag kommen.

SPIEGEL ONLINE: Wie sehen Sie da die Chancen beim Koalitionspartner SPD? Dort gibt es ja kritische Stimmen zu einem Verbot, zum Beispiel von der Medienpolitikerin Monika Griefahn.

Bosbach: Das ist schwer abzuschätzen. Aber da wird es keine Kompromissmöglichkeit geben - entweder man ist für ein Verbot oder dagegen. Wie sich die SPD da positioniert, kann ich Ihnen nicht vorhersagen. Ich hoffe auf Vernunft.

Die Fragen stellte Christian Stöcker

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