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Women on Waves: Abtreibungshilfe per Drohne und App

Aus Mildenberg berichtet

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Rebecca Gomperts: "Ohne Internet würde unsere Arbeit überhaupt nicht funktionieren"

Mit einer Drohne haben Aktivisten kürzlich Abtreibungspillen von Deutschland nach Polen geflogen. Dafür gab es Ärger mit der Polizei. Beim Sommercamp des Chaos Computer Clubs kriegen sie nun Hilfe angeboten - von Programmierern und Hackern.

Eine kleine weiße Drohne ist Ende Juni in Frankfurt an der Oder gestartet und über die Grenze nach Polen geflogen. Das ferngesteuerte Gerät hatte zwei Päckchen mit Abtreibungspillen im Gepäck. Hinter der Grenze warteten zwei schwangere Frauen, sie nahmen die Pillen sofort ein. In Polen sind Abtreibungen verboten. Die Lieferung per Drohne sollte ein Hilfsmittel und ein Zeichen sein - und ein publikumswirksamer PR-Stunt.

Dahinter steckte unter anderem die niederländische Ärztin Rebecca Gomperts. Sie hat zwei Organisationen gegründet, die Frauen in Ländern, in denen legale Abtreibungen nicht möglich sind, trotzdem einen Schwangerschaftsabbruch ermöglichen - mithilfe von Medikamenten und ausgefallenen Methoden: Die Organisation Women on Waves etwa fährt mit einem niederländischen Schiff in Länder, in denen Abtreibungen verboten sind. Dort nehmen die Aktivisten Frauen, die ungewollt schwanger geworden sind, mit auf See, bis in internationale Gewässer. Dort wird dann die Abtreibung vorgenommen.

In anderen Fällen werden die Tabletten den Frauen per Post nach Hause geschickt - oder, wie kürzlich, per Drohne in ein anderes Land geflogen. Vor allem aber informieren die Organisationen Frauen darüber, wie man eine medikamentöse Abtreibung durchführt und eine Schwangerschaft so sicher wie möglich abbricht.

"Nur weil Abtreibungen in einem Land illegal sind, heißt das nämlich nicht, dass sie nicht trotzdem durchgeführt werden", sagt Gomperts. Nur machten es die Frauen dann eben selbst: "Sie springen zum Beispiel Treppen herunter, führen sich Stricknadeln ein oder schlucken Gift", sagt sie. Viele Frauen kämen ums Leben.

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Chaos Communication Camp: Hacker-Zeltlager in Brandenburg
Seit 15 Jahren arbeitet sie daran, die Zahl solcher Todesfälle zu verringern, teils mithilfe origineller Aktionen. Nur gehen die nicht immer gut. Auf dem Camp des Chaos Computer Clubs berichtet Gomperts dem netzaffinen Publikum, welche Hürden es bei so einer Arbeit gibt: Die Schiffe etwa seien in den Ländern selten willkommen und hätten deshalb Probleme, in die entsprechenden Häfen einzulaufen. Die Briefe würden häufig abgefangen, vor allem in Brasilien, und erreichten die Frauen gar nicht.

Und als die Drohne von Deutschland nach Polen flog, sei sofort die Polizei gekommen - auf deutscher Seite. "Unsere polnischen Juristen standen vor der Aktion parat, wir hätten aber nie damit gerechnet, ein Problem auf der deutschen Seite zu bekommen", sagt sie. Ermittelt wird wegen eines möglichen Verstoßes gegen das Arzneimittelgesetz, der Flug selbst galt offenbar als unproblematisch.

Das Internet als anonyme Sprechstunde

Doch auch da kann es Schwierigkeiten geben, manchmal schon allein technisch gesehen, sagt ein Zuhörer: "Manchmal sind die Drohnen so programmiert, dass sie nicht über Grenzen fliegen dürfen", erklärt er. Es gebe aber Drohnen mit freier Software, die das könnten. Solche könne man ja in Zukunft benutzen.

Es ist einer von vielen guten Ratschlägen und Hilfsangeboten, die Gomperts an diesem Tag bekommt. Die Zuhörer bieten ihre Unterstützung an: Sie könnten programmieren, sprächen verschiedene Sprachen, hätten Ahnung von Drohnen und Anonymisierung im Netz und würden gern helfen. Für die 49-Jährige und die Arbeit ihrer Abtreibungsorganisationen gibt es viel Applaus und Jubel.

Eigentlich seien die Hacker ein ungewöhnliches Publikum für sie, sagt Gomperts, normalerweise halte sie Vorträge vor Ärzten oder Frauenrechtlern. Dabei hat ihre Arbeit viel mit IT zu tun, schließlich erreicht die zweite von ihr gegründete Organisation, Women on Web, die Frauen vor allem über das Internet. Der wichtigste Teil ihrer Arbeit sei nämlich die Information. Abtreibungsverbote träfen in erster Linie die ärmeren und uninformierten Frauen, sagt Gomperts. "Eine Frau mit Geld und Zugang zu Informationen kann für eine Abtreibung ja einfach in ein anderes Land reisen."

Beschimpft als "Mörder" und "Idioten"

Eine Webseite erklärt Frauen also, wie sie einen Schwangerschaftsabbruch mit der Abtreibungspille richtig durchführen und wo sie Hilfe bekommen. Es gibt auch eine App, allerdings nur für Android-Nutzer im Google Play Store, in Apples App Store sei das Programm abgewiesen worden, sagt Gomperts. Vor allem aber erreiche man Frauen über Facebook, wenn auch oft über Umwege. "Ohne Internet würde unsere Arbeit überhaupt nicht funktionieren", sagt die Aktivistin.

Und mit dem Internet kennen sich ihre Zuhörer hier auf dem Computer-Camp bestens aus. Nach dem Vortrag kommen viele nach vorn zur Bühne, reichen Gomperts ihre Visitenkarten und bieten an, Code zu auditieren, beim Pflegen der Webseite und der App zu helfen oder einen Sicherheitstest für beides durchzuführen.

Nicht immer trifft Gomperts' Arbeit auf so viel Wohlwollen: Nach der Drohnen-Aktion wurden die Aktivisten zum Beispiel über Facebook beschimpft, als "Mörder" oder "Idioten". Gomperts steht da drüber: "Wir bekommen 10.000 E-Mails pro Monat von Frauen, die dringend Hilfe suchen oder sich für unsere Hilfe bedanken. Da macht es nichts, wenn da mal eine Hass-Mail dazwischen ist."

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