Chaos Computer Club Bei Anruf: Pong

Der Chaos Computer Club feiert seinen 20. Geburtstag mit einer spektakulären Aktion. Die friedlichen Hacker haben ein Hochhaus in Berlin in einen 8x18-Pixel-Monitor verwandelt. Per Handy kann sich der Passant gar an einem Computerspiel beteiligen.

Von Daniel Meuren


Berlin - Es blinkt und leuchtet jede Nacht über Berlins Alexanderplatz. Aus dem "Haus des Lehrers", einem leer stehenden Hochhaus an der Karl-Marx-Allee, strahlen in scheinbar wirrer Folge Lichtsignale auf den zentralen Ost-Berliner Platz. Die Passanten, die an der Straßenbahnhaltestelle warten, schauen verdutzt dem wilden Treiben zu und verstehen nicht den Sinn. "Ich habe keine Ahnung, was das sein soll", sagt ein staunender Beobachter. "Ich dachte ja erst, dass das irgendeine Werbung ist. Aber ich kann gar keine Werbebotschaft entdecken, dafür ist das alles zu wirr", sagt ein anderer.

Ein Pixel mit zweieinhalb Quadratmetern Leuchtfläche

Doch das Wirrwarr hat System: Der Chaos Computer Club hat zur Feier seines 20. Geburtstages den oberen Teil der Hochhausfassade in einen 8x18-Pixelbildschirm verwandelt und zeigt auf dem Riesenmonitor seine Jubiläumsshow "Blinkenlights". Der gesamte Schirm misst rund 40 mal 30 Meter, die einzelnen Pixel sind rund zweieinhalb Quadratmeter groß. Jeweils ein Fenster des Bürogebäudes wird von einer Baulampe so angestrahlt, dass es zu einem Leuchtpunkt des Bildschirms wird.

Die vereinigten Hacker haben in tagelanger Tüftelei das leer gefegte Innere der Büros mit einem Wirrwarr an Kabeln und genau 144 Baulampen und Relays ausgerüstet. So können mit Hilfe eines im achten Stock stationierten simplen PCs lustige Filmchen und Grafiken in der Qualität der Urzeit-Rechner der ersten Stunde auf die Riesenleinwand übertragen werden. Da taucht ein "Yin und Yang"-Motiv auf, eine kleine Lovestory, der Kultslogan der Hacker-Szene "All your base are belong to us" oder aber eine Widmung an den im Juli verstorbenen Club-Gründer Wau Holland.

"Kreativer Umgang mit Technologie"

Für Tim Pritlove vom Chaos Computer Club gibt das Spektakel vom "Alex" genau den Grundgedanken der Bewegung wider: "Das ist kreativer Umgang mit Technologie", sagt der 33 Jahre alte Hacker. Das sei genau das, was sich der weltweit größte Club friedlicher Hacker mit seinen 1500 Mitgliedern schon immer auf die Fahnen geschrieben habe.

So leuchtet das Lichtspiel seit dem 12. September jeden Abend von 18 Uhr an auf dem Alex. Pünktlich zur Geburtstagsfeier in der benachbarten Kongresshalle in den Tagen nach dem offiziellen Gründungstag setzten die Computerfreaks ein unübersehbares Zeichen für die Kreativität ihres Schaffens. Die Idee zu "Blinkenlights" kam den Freaks, als sie die Geburtstagsfete in den Räumen des leer stehenden Gebäudes vorbereiteten. "Wir haben uns das Haus angeschaut und angeschaut und angeschaut, und irgendwann hatten wir nur noch Pixel im Kopf", erzählt Pritlove von der Entstehungsgeschichte der Aufsehen erregenden Geburtstagsidee.

Dank guter Kontakte zum Verwalter des Hauses bekamen Pritlove und Kollegen die Genehmigung, die Bauruinen für Lichtspiele zu nutzen. Tagelang feilten sie daraufhin an der Umsetzung des wagemutigen Plans, strichen die Fenster weiß an, damit die Pixel nicht als jämmerliche Lichtflecken, sondern als rechteckige Flächen erscheinen. Für die Baulampen mussten geeignete Halterungen eigenhändig gebaut werden, damit die Kosten nicht explodierten. Und vor allem mussten die Kabel und die 144 Relays in kniffliger Kleinarbeit mit dem Computer verbunden werden, der den Lampen die Einsatzbefehle für ihre Auftritte in den Filmen übermittelt.

Das Abspielen der Filmchen ist indes noch nicht alles, was der Chaos Computer Club den Berlinern bietet. Per Handy kann man vom "Alex" aus ein altehrwürdiges Computerspiel der ersten Stunde spielen. Nachdem der Mitspieler eine 0190er-Nummer gewählt hat, kann er mit den Tasten 5 und 8 einen virtuellen Schläger hoch und runter schieben und versuchen, einen Ball im Spiel zu halten. Das unterhaltsame Geplänkel, das auch im Duell zweier Kontrahenten gespielt werden kann, hat allerdings einen Haken: Es kostet rund drei Mark pro Minute, die der CCC als "Spende" zur Refinanzierung des Spektakels verbucht.

Während der Geburtstagsfeier des Clubs spielte Kleingeld freilich keine Rolle: Da war die Installation das Highlight der langen Nacht. So kamen wenigstens ein paar Mark wieder rein von den rund 10.000 Mark, die die Jubiläumsaktion kostete.



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