Mobildienst Weixin: Chinas Anti-Facebook will den Weltmarkt stürmen

Von Jonathan Mielke

Weixin ist ein neues soziales Netzwerk made in China. Die Nutzerzahl steigt rapide. Erstmals hat ein Web-Produkt der Volksrepublik das Potential, einen globalen Trend zu setzen und selbst Facebook zu bedrohen - wenn Ausländer dem Dienst aus dem Reich der Zensur trauen.

Mobilfunknutzer in China: Fotos, Chat, Instant Messaging, Flirten, Einkaufen Zur Großansicht
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Mobilfunknutzer in China: Fotos, Chat, Instant Messaging, Flirten, Einkaufen

Das Handy vibriert, eine Nachricht von Liaoning Shenyang. "Ich mag dein Profilfoto", schreibt die 23-jährige Chinesin, die auf ihrem eigenen Bild als zierliche Silhouette vor dem Meer zu sehen ist. "Bist das wirklich du?" Liaoning ist nur 300 Meter entfernt, das zeigt der Dienst Weixin auf meinem Mobiltelefon an. Ein paar Kurznachrichten später sitzen wir zusammen bei Ingwer-Kaffee in einem Café.

Seit es Weixin gibt, ist es in China so leicht wie noch nie, in die nächste Romanze zu stolpern. Man lässt sich von dem Handy-Dienst orten, und er zeigt einen potentiellen Flirt-Partner in der Nähe an.

Flirten leichtgemacht, lautet eines von vielen Versprechen die Weixin seinen Nutzern gibt. Laut dem chinesischen IT-Riesen Tencent, dem Entwickler des Programms, haben sich über den Dienst schon Millionen Menschen kennengelernt. Doch die App kann noch weit mehr. Ihre verschiedenen Funktionen decken die ganze Bandbreite zwischenmenschlicher Beziehungen ab: von der Kontaktaufnahme und -pflege über Einzel- und Gruppengespräche mit Freunden bis zur Kommunikation der eigenen Statusnachrichten in einer Zeitleiste.

In China wächst die Nutzerzahl von Weixin rapide, und auch im Ausland vermarktet Tencent seinen Dienst. Der Pekinger IT-Riese, Umsatz im zweiten Quartal rund 1,7 Milliarden Dollar, verfolgt ein ambitioniertes Ziel: Er will das erste chinesische Internetphänomen schaffen, das auch außerhalb der Volksrepublik stilprägend ist, zunächst im asiatischen Raum und später auf der ganzen Welt.

Versuch einer Zeitenwende

Bislang sind Chinas Internetkonzerne vor allem als Kopisten bekannt. Tencent, Sina oder der Suchmaschinenkonzern Baidu beschränkten sich darauf, Formate wie Facebook, Twitter, YouTube oder Google zu kopieren und sie an die Bedürfnisse chinesischer Kunden anzupassen - und an die Zensurvorgaben der chinesischen Regierung.

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Weixin-Homepage: Neue Ära?

Ihr Interesse an globaler Expansion war bislang beschränkt. Das liegt erstens am noch immer starken Wachstum des Binnenmarktes. Mitte 2012 nutzten gut 538 Millionen Chinesen das Internet. Das entspricht nur gut 40 Prozent der Bevölkerung; die Nutzerschar dürfte in den kommenden Jahren weiter rasch steigen. Zweitens haben Chinas IT-Riesen mit Auslandsabenteuern schlechte Erfahrungen gemacht. Baidu etwa räumte im vergangenen Jahr ein, bei dem Versuch, nach Japan zu expandieren, umgerechnet rund 108 Millionen Dollar verloren zu haben.

200 Millionen Nutzer in zwei Jahren

Tencent hat weit bessere Chancen als Baidu. Mit Weixin haben die Chinesen einen attraktiven Dienst für die Smartphone-Ära geschaffen. Nur auf den ersten Blick ist Weixin eine weitere chinesische Kopieraktion. Das Programm bietet Videotelefonie à la Skype; Sprachnachrichten wie bei WhatsApp und Talkbox; Foto-Effekte im Stile von Instagram und eine Facebook-artige Zeitleiste, in der man Bilder, Links und Texte mit seinen Freunden teilen kann. Wie bei der App Bump können Nutzer rasch Kontaktdaten austauschen, indem sie ihre Handys gleichzeitig schütteln. Wie bei Foursquare kann man andere Weixin-Nutzer, Restaurants oder Läden in seiner unmittelbaren Umgebung finden.

Tatsächlich aber ist Weixin weit innovativer als es scheint. Denn die App kombiniert all diese altbekannten Dienste und schafft daraus etwas Neues: ein soziales Netzwerk, das den Anforderungen der mobilen Ära weit besser gerecht wird als Facebook.

Tencent-Chef Pony Ma geht mit seiner App den umgekehrten Weg wie Mark Zuckerberg. Facebook wurde als Netzwerk für das stationäre Internet entwickelt: als Plattform, auf der man das eigene Leben immer umfangreicher darstellen kann. Dieses Konzept hat Zuckerberg zunächst 1:1 ins mobile Netz kopiert und versucht nun, es um allerlei ortsbezogene Angebote und Kommunikationsdienste zu erweitern. Weixin dagegen ist im Kern eine App für Kommunikation und ortsbezogene Dienste. In nicht einmal zwei Jahren ist die Nutzerzahl auf mehr als 200 Millionen gestiegen; Facebook brauchte für diesen Meilenstein noch fünf Jahre.

Weixin wächst so rasch, weil der Dienst aus allen Richtungen Kontaktdaten einsaugt. Die Plattform greift unter anderem auf das persönliche Telefonbuch zu; auf die Freunde des ebenfalls zu Tencent gehörigen Programms QQ, einem Messenger mit 500 Millionen Nutzern; dazu werden via Plug-in auch Freunde aus Facebook oder Twitter rekrutiert. Außerdem ist Weixin durch seine Chat-Funktionen als App beliebt; in China gehen inzwischen mehr Menschen per Handy online als mit dem Rechner zu Hause.

Expansion ins Ausland

Nun versucht Tencent, auch außerhalb Chinas zu wachsen. Die App, im Ausland WeChat genannt, existiert mittlerweile in zwölf Sprachen. In Taiwan wird sie von leichtbekleideten Damen am Flughafen beworben; auch in anderen Märkten startet Tencent erste Marketing-Aktionen. Der Fokus liege zunächst auf asiatischen Ländern wie Singapur, Malaysia, Thailand oder Vietnam, sagte jüngst Justin Sun, der Weixins globale Aktivitäten verantwortet. Auch in den USA und im arabischen Raum nehme die Nutzerzahl zu.

Das Statistikunternehmen Distimo stellte kürzlich eine Liste der beliebtesten sozialen Netzwerke in den App-Stores von 21 Ländern zusammen. Weixin befand sich auf Platz neun, das Angebot ist in der Gunst der Nutzer stark gestiegen, während Facebooks Wachstum im Vergleich zu einer vorigen Messung abgeflacht ist.

Tencent wird durch diese Entwicklung wieder ein Stück globaler. Konzernboss Ma hat die Aktivitäten außerhalb Chinas zuletzt immer mehr ausgeweitet. Tencent programmiert in San Francisco Handy-Spiele und vertreibt diese weltweit über Facebook, es vermarktet seinen Messenger QQ in zahlreichen Ländern.

Baidu musste sich an Google messen, QQ an den Messenger-Diensten von Microsoft oder AOL - für Weixin aber gibt es auf dem mobilen Weltmarkt noch keinen etablierten Gegenspieler.

Entsprechend optimistisch sind Beobachter der Branche. "Kein anderes chinesisches IT-Unternehmen hat größere Chancen, eine globale Web-Marke aufzubauen, als Tencent", sagt Gang Lu, Chefredakteur von Tech Rice, einem der führenden heimischen IT-Blogs. Weixin werde Tencent in neue Sphären katapultieren, prophezeit das amerikanische IT-Blog Venture Beat.

Auch das Vermarktungspotential von Weixin gilt als groß. Tencent kann den Dienst erstens als Vertriebskanal für seine Handy-Spiele nutzen; der Konzern macht mit Einkäufen, die Nutzer in den Spielen tätigen, schon jetzt das Gros seiner Gewinne.

Zweitens soll Weixin zur mobilen Werbeplattform werden. In China verwenden Firmen wie Starbucks und Nike den Dienst bereits als kombinierten Vertriebs- und Marketingkanal.

Nutzer können den Firmen folgen und werden unter anderem über Sonderaktionen informiert, die ihnen in bestimmten Filialen Rabatte bescheren. Nike-Manager Vicky Huang bezeichnete Weixin kürzlich als "ultimative Plattform für unser Kundenmanagement".

Trendsetter Tencent?

Doch allen Lobpreisungen zum Trotz: Noch hat Weixin den globalen Durchbruch nicht geschafft. Und es gibt Argumente, die gegen eine schnelle Ausbreitung außerhalb Chinas sprechen. "Tencent hat derzeit nur ein eingeschränktes Verständnis von und begrenzte Kontakte in vielen wichtigen Internet-Märkten", sagt Lu von Tech Rice. Wenn der Konzern es mit der Expansion wirklich ernst meine, müsse er sich bald im Ausland Strukturen schaffen.

Möglich auch, dass ausländische Kunden den Dienst nicht annehmen - weil sie Chinas Zensurregime nicht trauen. "Nutzer könnten den Dienst meiden, weil nie ganz klar ist, ob all ihre Daten und Gespräche nicht letztlich auf Servern in Peking landen und ausgewertet werden", sagte der chinesische Internet-Dissident Michael Anti SPIEGEL ONLINE. So gesehen ist Weixin auch ein Testfall, wie stark das Zensurregime China den Erfolg seiner nationalen IT-Champions behindert.

Tencent selbst hält sich mit Blick auf seine globale Strategie bedeckt. Der Konzern beantwortet noch nicht einmal Anfragen, wie viele Nutzer Weixin derzeit im Ausland hat.

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insgesamt 68 Beiträge
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1. Träumer
sosonaja 26.11.2012
Mit der Diktatur im Rücken wird das im Ausland nicht sehr erfolgreich werden.
2. optional
Waffelbäcker 26.11.2012
Mir wären meine Daten bei den Chinesen lieber als bei Facebook. Aus China kommen sie wenigstens nicht so leicht raus. Bei facebook ist der Weg zu Adresshändlern oder FBI viel kürzer.
3. Nie und nimmer....
jan.lolling 26.11.2012
Bin noch nicht mal bei fb und würde im Traum nicht auf eine chinesische Version davon setzen.
4. Mitteilungsbedürftig
Peter_Lublewski 26.11.2012
Zitat von sysopWeixin ist ein neues soziales Netzwerk made in China. Chat-Dienst Weixin: Anti-Facebook aus dem Zensur-Reich China - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/netzwelt/web/chat-dienst-weixin-anti-facebook-aus-dem-zensur-reich-china-a-868893.html)
Reichen Facebook, Twitter und ähnlicher Mummpitz für Mitteilungsbedürftige nicht mehr aus?
5.
cherubian 26.11.2012
Zitat von sysopWeixin ist ein neues soziales Netzwerk made in China. Die Nutzerzahl steigt rapide. Erstmals hat ein Web-Produkt der Volksrepublik das Potential, einen globalen Trend zu setzen und selbst Facebook zu bedrohen - wenn Ausländer dem Dienst aus dem Reich der Zensur trauen. Chat-Dienst Weixin: Anti-Facebook aus dem Zensur-Reich China - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/netzwelt/web/chat-dienst-weixin-anti-facebook-aus-dem-zensur-reich-china-a-868893.html)
Weixin ist ne feine Sache. Ich benutz es jeden Tag fuer viele Dinge. Ich schicke Nachrichten, les die posts von Anderen, schaue Fotos an, suche nach Leuten usw usf. Weixin ist wirklich schlichtweg eine der besten Apps auf dem Markt. Ich hab auch WhatsApp auf dem Handy, benutz es aber eher selten... Naja, Handies sind eh eine andere Sache in China. Nicht nur gehen viele (wie im Artikel gesagt) mit dem Handy online, sondern man hat auch wirklich ueberall Empfang. Ich war letzte Wochen in den Bergen (Huangshan) und es gab keine Probleme. Wenn man in Deutschland auf dem Land wohnt, gibt es zu oft Probleme.... Sogar auf dem Qomolongma (Mt. Everest) gibt es einen Sendemasten, hehe. Ich kann Weixin nur sehr empfehlen. Genauso uebrigens auch QQ. Ist einer der besten Messenger auf dem Markt. Tencent liefert gute Arbeit.
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