Online-Hostessen in China Bitte recht niedlich

In China bieten sich Frauen als Online-Hostessen vor der Kamera an. Sie flirten mit ihren Zuschauern, erotische Anspielungen sind verpönt. Stattdessen benehmen sie sich wie Kinder.

REUTERS

Schüchterne Augenaufschläge und Gesang gegen Rosen, Komplimente und Geschenke: So funktioniert die chinesische Plattform bobo.com - und zwar rein virtuell. Chinesinnen setzen sich vor eine Kamera und chatten mit ihren Fans. Mehr als 10.000 Streams sollen bereits angeboten werden, ein paar wenige auch von Männern.

Studentin Xiao Yue ist eine der Hostessen, sie hat sich von der Nachrichtenagentur Reuters begleiten lassen. Die Zuschauer verführt sie mit dem "Sajiao", einer chinesischem Flirttechnik. Dabei verhält sie sich wie ein Kind und spricht mit quengeliger Stimme. Mal tanzt sie, dann isst sie Erdbeeren.

"Wir kennen uns nicht", sagt die 21-Jährige über ihre Zuschauer. "Aber da ist dieses unbeschreibliche Gefühl." Die Männer unterstützten sie und stärkten ihr Selbstbewusstsein.

Und sie bezahlen: Bis zu 1500 Euro will sie im Monat verdienen. Auch, wenn in den großen Städten die Lebenshaltungskosten steigen: Auf dem Land wäre das in China eine stolze Summe. Die Top-Verdienerin der Plattform soll mehr als 12.500 Euro bekommen haben. Mindestens das gleiche verdienen die Streaming-Plattformen an ihren Nutzern.

"Ich habe jemanden, der mit mir spricht."

Es ist die Einsamkeit der Chinesen, mit der die Plattform Bobo.com ihr Geld verdient. "Nach der Arbeit spricht kein Mensch mehr mit dir, du schaust fern, liegst im Bett oder spielst Computerspiele." Bei Bobo sei das anders. "Das ist ein echter Mensch, du kannst mit ihm interagieren. ich habe jemanden, der mit mir spricht."

Die Frauen nutzen die Streaming-Plattformen gegen die Einsamkeit, aber auch um sich selbst zu promoten. Es gibt Sängerinnen, Tänzerinnen, andere spielen Klavier oder tanzen für ihre Zuschauer. Und die kaufen ihnen virtuelle Geschenke, für viel Geld.

Bilder der Hostessen von bobo.com

Virtueller Liebesbeweis: Die Online-Hostess Xianggong flirtet auf der Plattform bobo.com mit Fremden. Und die schicken ihr Geschenke. Das Geschäft boomt.

Es ist die Einsamkeit, die viele von ihnen vor die Kameras treibt. Virtuelle Fans sind im Zweifelsfall besser als ein Abend allein vor dem Fernseher.

Der Grafikgesigner Wang Dong verlor sein Herz an "Siqi". Er schickte ihr Geschenke, versuchte, ihre Musikkarriere zu fördern, traf sie schließlich auch. Daraus geworden ist nichts.

Die Frauen sind normale Chinesinnen, mit normalen Leben, aber eben auch mit viel Einsamkeit. Während einige ihr Doppelleben geheim halten, geht Xianggong offen damit um. Ihre Mutter (im Hintergrund) weiß von den Video-Chats.

Xianggong beikommt mittlerweile auch Werbeaufträge durch ihre Bekanntheit. Sie stellt Rotwein vor - und berichtet live davon.

Hostess Sun Xiaohou hofft auf eine Gesangskarriere. Bei bobo.com hören die Zuschauer ihr zu. Völlig abwegig ist die Hoffnung also nicht.

Süß und lebendig ja - sexy: lieber nicht. Online-Pornografie ist in China verpönt. Sängerin Sun Xiaohou achtet aber sorgfältig darauf, bei ihrem Livestream im richtigen Licht zu stehen.

Erfolgreiche Online-Hostessen bekommen viel Aufmerksamkeit, manchmal sogar Fotoshootings zu Werbezwecken.

Denn mit den schönen jungen Frauen verdient auch die Plattform viel Geld. Die erfolgreichste Hostess verdiente bis zu 150.000 Euro im Jahr - mindestens die gleiche Summe bekam der Streaming-Dienst.

Sexy sollen sich die Frauen nicht verhalten. In einer Kampagne gegen Pornografie waren in China im vergangenen Herbst rund 1,8 Millionen Nutzerprofile gesperrt worden. Grundsätzlich ist auch China in den vergangenen Jahren freizügiger geworden. Doch Sittenwächter gibt es auch in der Bevölkerung. Einer bewarf einen Sexualforscher mit Kot.

Aber um Sex geht es den meisten Kunden von Angeboten wie Bobo offenbar sowieso nicht. Sie suchen einfach menschliche Kontakte, Vertrautheit, Nähe. Einsamkeit und Verunsicherung sind für viele Chinesen große Probleme, für die sei eine Lösung im Internet suchen.

Doch auch wenn sie meinen, online jemanden gefunden zu haben, bedeutet das nicht notwendigerweise, dass das Erleben in virtueller und realer Welt zueinander passt. Das zeigt das Beispiel des Grafikdesigners Wang Dong, der selbst für Bobo arbeitet.

Gegenüber Reuters sagte er, die Inhalte der Plattform hätten ihn zunächst kalt gelassen. Bis auf eine Hostess. "Sie hatte so ein süßes Lächeln." Bald beobachtete er sie täglich, entwarf personalisierte virtuelle Geschenke für sie, verhalf ihr sogar zu einem eigenen Musikvideo. Die beiden trafen sich. Für eine echte Beziehung hat es aber nicht gereicht.

Kampagne der Sittenwächter
China hat der Pornografie den Kampf angesagt, die Kampagne zeigt Nebenwirkungen: Behörden zensieren eifrig Filme und TV-Serien, Schwulenaktivisten fürchten Angriffe - und ein Sexualforscher wurde mit Kot beworfen.

isa/Reuters



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Seite 1
koenigludwigiivonbayern 17.04.2015
1. Echt
süß! Finde ich nett. Andere Länder, andere Sitten.
campdavid 17.04.2015
2.
Gibt es in Japan in der analogen Form schon seit Jahrzehnten. Man führt teilweise minderjährigen Mädchen zum Essen aus, bezahlt für die Begleitung, das Essen und überreicht idealerweise noch hochwertige Geschenke, damit die "Dame" sich auf ein erneutes Date einlässt. Sexuelle Dienstleistungen sind dort angeblich auch tabu. Die Verzweiflung und Einsamkeit der Männer in diesen Gesellschaften scheinen stark genug zu sein um daraus ein lukratives Geschäftsmodell zu entwickeln. Männer können dort nur verlieren und Frauen sind vorrangig an finanzieller Absicherung interessiert, ein grausiger Blick in eine mögliche Zukunft.
kascnik 17.04.2015
3. Differenziert
Zitat von campdavidGibt es in Japan in der analogen Form schon seit Jahrzehnten. Man führt teilweise minderjährigen Mädchen zum Essen aus, bezahlt für die Begleitung, das Essen und überreicht idealerweise noch hochwertige Geschenke, damit die "Dame" sich auf ein erneutes Date einlässt. Sexuelle Dienstleistungen sind dort angeblich auch tabu. Die Verzweiflung und Einsamkeit der Männer in diesen Gesellschaften scheinen stark genug zu sein um daraus ein lukratives Geschäftsmodell zu entwickeln. Männer können dort nur verlieren und Frauen sind vorrangig an finanzieller Absicherung interessiert, ein grausiger Blick in eine mögliche Zukunft.
Ich denke man muss da schon unterscheiden: richtig ist, dass viele Frauen, insbesondere jüngere, ein sehr materielles Denken und Handeln angenommen haben. Es gibt da auch noch andere Blüten die wachsen, Cashqueens oder auch generell die Generation Tinder etc. Diese Spitzfindigkeit gegenüber dem Alter generell finde ich aber zu sehr aus unserer westlichen Sichtweise gedacht. Im asiatischen Raum haben die Menschen nunmal eben nicht so ein doppelmoralisches Verständnis von jugendlicher Erotik. Bei sexuellen Skandalen wird hier in Deutschland gern die Pedophilenkeule geschwungen,auch wenn das Mädchen/die Frau bereits 17 ist. Das ist ebenso alamierend und mittlerweile auch ein gängiges Mittel um unliebsame Menschen zu erledigen. Das sich in Wahrheit aber auch im Westen ein sehr großer Prozentsatz von Männern von jugendlichen Frauen zwischen 16-21Jahren hingezogen fühlt und dies im Gegensatz zur gefährlichen Pedophilie auch nicht unnatürlich ist, wird hier gerne totgeschwiegen bzw tabuisiert.
mr.nett 17.04.2015
4.
"Sie flirten mit ihren Zuschauern, erotische Anspielungen sind verpönt. Stattdessen benehmen sie sich wie Kinder." Das ist ja noch viel Schlimmer! Sieht das denn keiner?
abby_thur 17.04.2015
5. Kommentar
Zitat von kascnikIch denke man muss da schon unterscheiden: richtig ist, dass viele Frauen, insbesondere jüngere, ein sehr materielles Denken und Handeln angenommen haben. Es gibt da auch noch andere Blüten die wachsen, Cashqueens oder auch generell die Generation Tinder etc. Diese Spitzfindigkeit gegenüber dem Alter generell finde ich aber zu sehr aus unserer westlichen Sichtweise gedacht. Im asiatischen Raum haben die Menschen nunmal eben nicht so ein doppelmoralisches Verständnis von jugendlicher Erotik. Bei sexuellen Skandalen wird hier in Deutschland gern die Pedophilenkeule geschwungen,auch wenn das Mädchen/die Frau bereits 17 ist. Das ist ebenso alamierend und mittlerweile auch ein gängiges Mittel um unliebsame Menschen zu erledigen. Das sich in Wahrheit aber auch im Westen ein sehr großer Prozentsatz von Männern von jugendlichen Frauen zwischen 16-21Jahren hingezogen fühlt und dies im Gegensatz zur gefährlichen Pedophilie auch nicht unnatürlich ist, wird hier gerne totgeschwiegen bzw tabuisiert.
Wenn der Herr sehr viel älter ist, ist das durchaus verwerflich, da eine junge Frau mit 16,17 wahrscheinlich nicht merkt, wozu er sie benutzt. Daher ist die Verachtung absolut nachzuvollziehen.
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