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Sex in Umkleide: Unsozialistischer Selfie-Porno erregt Chinas Zensoren

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Uniqlo-Filiale in Peking: Pilgerstätte für Selfie-Fans Zur Großansicht
AP

Uniqlo-Filiale in Peking: Pilgerstätte für Selfie-Fans

Ein kurzer Porno aus der Umkleidekabine - im Westen nichts Besonderes, doch in China haben jetzt Millionen einen solchen Clip geteilt. Die Zensoren sind erbost. Was steckt hinter dem Hype?

Der ganze Akt dauert eine Minute. Ein Paar hat sich beim Sex in einer Umkleidekabine gefilmt - so weit, so unspektakulär, möchte man sagen. Wenn die Geschichte nicht in China spielen würde.

In der Volksrepublik gelten andere Regeln, und so ist der Sexclip, der am Mittwoch gepostet wurde, in den vergangenen zwei Tagen viral gegangen: Er hat Millionen Chinesen erreicht und die Armee der Zensoren in Marsch gesetzt.

Im Netz herrscht nun größtmögliche Aufregung. Die Zutaten des Hypes: das chinesische Tinder, Verschwörungstheorien über einen japanischen Bekleidungsriesen und ein Pekinger Oberzensor, der im geteilten Selfie-Porno einen Angriff auf die "sozialistischen Werte" wittert. Aber der Reihe nach.

  • Was ist passiert?

Ein Mann und eine Frau haben sich beim Sex gefilmt. Tatort ist eine Umkleidekabine im Modegeschäft Uniqlo, mitten in Pekings Glitzerviertel Sanlitun Village. Das Video wurde im Netz gepostet und seitdem abertausendfach geteilt. Dutzende Millionen Chinesen dürften es angeschaut haben.

Denn auf dem in der Volksrepublik allgegenwärtigen Messenger WeChat und auf dem Twitterklon Weibo gab es kein Entrinnen vor dem Clip. Dies wiederum hat das Heer der Zensoren in Bewegung gesetzt, mittlerweile ist das Video auf den großen Plattformen gelöscht.

  • Was ist wirklich passiert?

Der Selfie-Porno verbreitete sich so rasch, dass die Zensur nicht mehr hinterherkam. In der Volksrepublik, die alles im Internet streng kontrolliert, ist das ein Problem. Und so ordnete die Cyberspaceverwaltungsbehörde die Portale an, sich ihrer "sozialen Verantwortung" zu besinnen. "Das vulgäre Video hat sich wie ein Virus im Netz verbreitet und steht im Konflikt mit den sozialistischen Werten." Der staatsnahen "Global Times" sagte ein Vertreter, Chinas Internetnutzer "seien höchstbesorgt" und würden die Tat "entschieden verurteilen".

Tatsächlich zeigten sich viele Nutzer jedoch eher erfreut - es kursieren zahlreiche Memes und Witze zu dem Clip: Ein Mikroblogger erkannte in den konstanten Körperbewegungen, die sich auch von der lauten Musik im Modeladen nicht ablenken ließen, den "Kampf gegen die böse Welt des aufstrebenden Materialismus". Auf den Kaufportalen von Alibaba waren kurzzeitig Gedenk-T-Shirts zu finden.

Die Polizei hat Ermittlungen angekündigt. Die japanische Modekette Uniqlo entschuldigte sich und wies den Verdacht zurück, sie selbst habe den Clip als PR-Kampagne in Auftrag gegeben. Die Filiale im Pekinger Osten ist seit Tagen zur Pilgerstätte für Selfie-Fans geworden.

Das Paar im Video soll sich im chinesischen Tinder namens Momo kennengelernt und zum unverbindlichen Sex getroffen haben. Also alles eine Werbeaktion für Momo? Auch darüber wird spekuliert - die beiden könnten Schauspieler sein, heißt es in den sozialen Medien.

  • Ist das alles wichtig?

Irgendwie schon, denn die Episode liefert einen Einblick in den Kampf um Meinungsfreiheit in den sozialen Medien und die Rolle, die Sex dabei spielt. Die Pekinger Regierung führt im Kampf gegen die überall vermuteten "westlichen Werte" auch einen Feldzug gegen Nacktheit und Sex.

Es geht dabei nicht nur um Pornos: Ein tiefer Ausschnitt ist in den Augen eifriger Sittenwächter ebenso verdächtig wie Wissenschaftler, die öffentlich über Geschlechtsverkehr oder über Homosexualität sprechen. Anfang des Jahres erwischte die neue Angst vor dem Sexuellen gar eine beliebte Historienfernsehserie - dort waren die Dekolletés zu üppig - sowie einen 3D-Blockbuster, der Hintern in Nahaufnahme zeigte.

Ganz stringent gehen die Zensoren dabei allerdings nicht vor: So sind in China zwar Seiten wie Google, Facebook und Twitter gesperrt, viele internationale Pornoseiten sind aber erreichbar.

Im Kampf um Netzzensur und in der neuen Anti-Nacktheits-Politik ist die Darstellung von offenem Sex in jedem Fall ein rebellischer Akt. Wohl auch deshalb wurde das kurze Video aus der Umkleidekabine so gern geteilt.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 52 Beiträge
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1. Sozialistische Werte ...
nord1icht 16.07.2015
... wie Spaß haben oder das Leben genießen? Vive l'anarchie! Aber im Ernst, mit den Fingern auf China zeigen geht nicht mehr lange, wenn Herr Cameron so weitermacht und Verschlüsselung verbieten möchte. Dann leben wir bald in Keuschheit und Demut und stellen auch keine kritischen Artikel mehr ins Internet.
2.
philbird 16.07.2015
Und wo finde ich den Clip jetzt)? ;)
3.
themistokles 16.07.2015
Zitat von philbirdUnd wo finde ich den Clip jetzt)? ;)
Stimm. Kein vernünftiger Artikel ohne konkrete Quellenangabe! :-D
4. Einäugig blind
jws1 16.07.2015
In den USA ist ein Pärchen vom Gericht hart verurteilt worden, weil es Sex am Strand hatte.
5. Mein Kommentar zum Thema.
bertholdalfredrosswag 16.07.2015
Wenn Porno-Süchtigkeit und alles was Süchtigkeit erzeugt in öffentlicher Verbreitung auf dem Index steht, hat das kaum etwas Nachträgliches für das chinesische Volk. Auswüchse sollten bis zu einem gewissen Grad übersehen werden können. Doch wenn diese Auswüchse zum Kulturgut gezählt werden sollen, muss man sich als Volks-verantwortliche fragen ob es richtig ist sich solches grenzenlos entwickeln zu lassen. Wie weit eine Spassgesellschaft mit den naturgegebenen Realitäten zurecht kommt ist eine offene Frage.Als Familienvater sieht man sich veranlasst, die Kinder sich nicht geistig verwahrlosen zu lassen und das zwingt Grenzen zu akzeptieren. Nun kann man sich auch da streiten, was Verwahrlosung ist. Letztlich wird es sich daran erweisen wenn man nutzlos ist und sich verschuldet und für diesen Zustand andere verantwortlich macht.Dann gilt wieder die Frage: Hätte man das vermeiden können? Ich würde sagen, die zwischenmenschliche Kriminalitätsrate in einer Gesellschaft ist ein Indikator für den Grad der seelisch- geistigen Verkommenheit. In welchem Ranking da der Osten zum Westen steht weis ich nicht. Aber es gibt im Westen viel Schrilles das ich mir nicht ins Haus holen möchte. So verstehe ich das Reagieren der Chinesischen Regierung.
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