China Viren gegen Ware

Seit der Steinzeit handeln Menschen Waren gegen Ware. Hersteller von Virenschutzsoftware, die mit China Handel treiben wollen, bezahlen für den Zugang zum Markt mit Viren. Das ist billig - aber was fängt China mit den Dingern an?


[M] AP/DPA

Wenn westliche Wirtschaftsführer "China" hören, bekommen viele von ihnen glänzende Augen. China, das sind 1,2 Milliarden unterversorgte Kunden, die derzeit zwar das nötige Kleingeld nicht haben, es aber irgendwann haben könnten - und einen unstillbaren Hunger nach westlichen Produkten.

Wie zum Beispiel Hightech, Computer, das Internet. Das boomt schon jetzt im Reich der Mitte, auch wenn es ab und zu flächendeckend ausfällt. Das Web steht für immer mehr Chinesen für den Duft der großen, weiten Welt - und wer surft, braucht Schutz.

Das glauben zumindest die Hersteller von Virensoftware, die gern mit chinesischen Unternehmen ins Geschäft kommen. Und das meint auch das Ministerium für öffentliche Sicherheit Chinas, das als Bedingung für eine Erlaubnis, mit chinesischen Unternehmen ins Geschäft zu kommen, von den Virenschutz-Herstellern Viren verlangt. Kleine, elektronische "Waffen" als Maut, sozusagen.

Das, meinen die Virenschutz-Hersteller, sei doch irgendwie komisch. Aber nein, meint das chinesische Sicherheitsministerium, das ist Verbraucherschutz. Denn nur mit Hilfe echter Viren könne das Ministerium - im Sinne der Sicherheit seiner Bürger - die Effektivität der von den ausländischen Unternehmen angebotenen Software auf die Probe stellen.

Das leuchtet natürlich ein - auch wenn das betreffende Ministerium bisher eher im Geheimdienst-Geschäft tätig war als im Verbraucherschutz.

Enthüllt hat die ganze Geschichte das "Wall Street Journal" und weiß zu berichten, dass diese "Maut-Zahlungen" von chinesischer Seite bereits seit elf Jahren verlangt werden. Die drei führenden amerikanischen Virenschutz-Softwarehersteller Networks Associates, Symantec und Trend Micro sind dem chinesischen Begehren demnach seit 1999 gefolgt - ohne dass, wie sie sagen, "staatliche Stellen" auf amerikanischer Seite irgendetwas dagegen einzuwenden gehabt hätten.

Virenschutz-Hersteller: Das waren ganz harmlose Viren

Der finnische Hersteller F-Secure hatte sich dagegen erfolgreich verweigert: Sie luden die Chinesen ein, Viren in Labors des Unternehmens in Augenschein zu nehmen. Selbst das bewertet Mikko Hypponen von F-Secure als "sehr ungewöhnlich": "Kein anderer Staat hat jemals solche Bedingungen gestellt."

Chinas Verbraucher wollen Hightech: Dieser Mann, meint das chinesische Sicherheitsministerium, muss vor Ansteckung geschützt werden
REUTERS

Chinas Verbraucher wollen Hightech: Dieser Mann, meint das chinesische Sicherheitsministerium, muss vor Ansteckung geschützt werden

Nun, mutmaßt das "Wall Street Journal", könnte China die Viren ja deshalb verlangen, um selbst eigene Schutz-Software zu entwickeln. Plausibler scheint es den Amerikanern aber zu sein, dass China ganz andere Dinge mit den gefährlichen Codezeilen vorhaben könne: Einmal mehr wird das Gespenst des Cyberwar beschworen. Vertreter der amerikanischen Regierung äußerten ihre "Enttäuschung" darüber, dass die drei Softwarefirmen sich dafür entschieden hatten, China die verlangten Viren zu liefern.

Die Unternehmen spielen die Gefährlichkeit der Viren herunter: Alle 300 Viren, die China im Verlauf der letzten Jahre übergeben wurden, seien allgemein bekannte Viren gewesen, die man sich mit jeder besseren Searchengine aus dem Web hätte besorgen können.

Viren künftig nur noch für Freunde?

Trotzdem kritisieren Brancheninsider die drei Unternehmen, weil sie mit den Viren-Lieferungen gegen ein ehernes Prinzip verstoßen hätten: Zwar würden Viren zu Forschungszwecken ausgetauscht, aber nur innerhalb eines Pools von weltweit etwa drei Dutzend in der Computer Antivirus Researchers Organization zusammengeschlossenen Unternehmen, Instituten und Behörden.

Die Geschichte bleibt wohl kaum ohne Nachspiel: Längst sind staatliche Stellen in aller Welt in Sachen "Cyberwar" sensibilisiert; seit längerem schon kursiert das Gerücht, gerade China plane, mit einer "Net-Force" eine Infrastruktur für Hackerangriffe und Cyberwar zu schaffen.

Der scheidende Unterstaatssekretär William Reinsch von der amerikanischen Exportbehörde jedenfalls hält es für denkbar, dass Amerika den Export von Viren künftig unter strenge Restriktionen stellen werde. Gefährliche Viren würden dann künftig nur noch an eng befreundete Staaten geliefert werden können. Klingt seltsam, aber irgendwie vernünftig.

Frank Patalong



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