Chinglish Die Sache mit dem Ding

Die Schilder, die Chinas Beamte per Wörterbuch und Internet-Übersetzungsdienst kreieren, haben es Oliver Lutz Radtke angetan. Der Deutsche sammelt diese Nebenwirkungen der Globalisierung. In SPIEGEL ONLINE schildert er, welche Poesie durch die bizarren Übersetzungen entsteht.


Manche Augenblicke im Leben sind einzigartig. Sie verweisen schon im Moment des Geschehens auf ihre zukünftige Größe - man ahnt, spürt den Beginn einer besonderen Freundschaft oder einer lebenslangen Passion. Einen solchen Augenblick hatte ich am 25. Juli 2000 um kurz vor halb fünf.

Ich war im Begriff, an der Fremdsprachenhochschule Shanghai auszusteigen, wo ich gerade mein Stipendium als Sinologiestudent begonnen hatte, als mein Blick auf einen kleinen Aufkleber an der Beifahrertür des Taxis fiel, der mir Folgendes nüchtern nahelegte: "Don't forget to carry your thing".

Meine Leidenschaft für Chinglish war geboren.

Die Wortschöpfung aus "Chinese" und "English" beschreibt eine Art Nebenwirkung der Globalisierung. Sprache trifft auf Sprache und ergibt etwas völlig Neues. Für die meisten sprachgewandten Chinesen ist Chinglish eher peinliches Unvermögen der eigenen Landsleute, für mich hingegen sind es prachtvolle Unikate der chinesischen Übersetzungspraxis.

"Habt Gnade für das kleine Gras"

Chinglish entsteht aus dem turbulenten Tête-à-Tête eines englischen Wörterbuchs mit der chinesischen Grammatik. Zusätzliche Geburtshilfe leistet der Umstand, dass wenige Chinesen - oder zumindest nicht jene, die öffentliche Schilder produzieren - tatsächlich praxisnahes Englisch in Wort und Schrift beherrschen. Eher behelfen sie sich mit direkten Wort-für-Wort-Übertragungen oder mit kostenlosen Übersetzunsgsangeboten aus dem Internet. Viele der seltsamsten Chinglish-Konstrukte lassen sich generieren, indem man sinnvolle chinesische Phrasen an Babelfish, Google Translate und ähnliche Dienste ausliefert.

Warum kein englischer Muttersprachler zumindest die Produktion von amtlichen und öffentlich ausgestellten Schildern begleitet, habe ich bis heute nicht verstanden. Zu finden ist Chinglish überall - auf Hotelzimmertüren, angestrahlten Reklametafeln an der Autobahn und auf Bauzäunen genauso wie auf Haarwaschmittelflaschen, Pullovern und Kondomhüllen.

Chinglish lässt sich dabei grob in zwei Kategorien einteilen: Erziehungspropaganda und (vermeintlicher) Schweinkram.

Chinglish der ersten Sorte besticht weniger durch böse Übersetzungsschnitzer als durch seinen besonderen Tonfall. Besorgten Müttern gleich heben die wohlmeinenden Beamten in Chinas Informationsministerium den Zeigefinger, um ihre Bürger und die ausländischen Freunde zu ermahnen, im Leben ja vorsichtig zu sein.

"Reisende in der Zivilisation respektieren die Hygiene"

Die Grand Dame der chinesischen Sehenswürdigkeiten, die Verbotene Stadt in Peking, ist voll davon: "Cultural Relics are irretrievable. Please be careful when viewing them", lese ich da. Eine Tafel in den Ausgrabungshallen der Terrakotta-Armee in Xi'an verkündet, dass sich doch bitte jeder dazu verpflichtet fühlen sollte, archäologische Artefakte zu schützen. Das klingt mit "Everybody has duty for defence to relics" allerdings eher nach einer Trainer-Anweisung aus der Basketball-Bundesliga.

Schweinkram-Chinglish finde ich hingegen mit einem Griff in den eigenen Wäscheschrank. Meine chinesischen Unterhosen verkünden in aller Unschuld: "It helps! Are you praised when it is great?"

Der Hersteller meines Shanghaier Fußballs weiß: "Our human technology meets your biggest organ" - das kann jeder verstehen, wie er will.

Nicht erst seit Vergabe der Olympischen Spiele 2008 nach Peking bemüht sich die chinesische Regierung, Herr über das sprachliche Wirrwarr zu werden. Mein Blog Chinglish.de, das im Juni sein zweijähriges Bestehen feiert, hat sich deshalb ganz bescheiden auf die Grafikbanner geschrieben, dieses sprachliche Kleinod vor dem Aussterben zu bewahren. Ich sammle, weil Chinglish für mich nicht vorrangig falsches Englisch ist, sondern Englisch mit chinesischer Würze.

Ein Großteil der dort veröffentlichten Fotospenden stammt von Akademikern, die jedoch lieber anonym bleiben möchten - zu groß ist ihre Angst vor dem Urteil der Kollegen. Das zeigt, wie sensibel das Thema ist, gerade jetzt, wo ganze Hundertschaften auf der Suche nach fehlerhaften Schildern durch Chinas Hauptstadt schwärmen. Beinahe täglich erreichen mich darüber hinaus empörte Mails chinesischer Surfer, die hinter meiner Seite einen Affront gegen ihre Englischkenntnisse, gegen die eigene Bevölkerung sowie die Nation insgesamt vermuten.

Lost in Translation

Ich werde jedoch in der Gewissheit weitersammeln, dass Peking einen Kampf gegen Windmühlen führt. Das Phänomen ist nämlich nicht nur lustig, es ist auch nicht totzukriegen. Der kalifornische Global Language Monitor schätzt, dass Chinglish rund 20 Prozent der 20.000 neuen englischen Wörter ausmacht, die die Sprachforscher im Jahre 2005 verzeichnet haben, darunter "pay New year calls" oder "drinktea".

Der Sinologe Oliver Lutz Radtke arbeitet zurzeit als Reporter für das chinesische Fernsehen in Singapur. Eine Auswahl seiner Chinglish-Sammlung erscheint im September unter dem Titel "Chinglish - Found in Translation". Sein Erstling "Welcome to presence - Abenteuer Alltag in China" erschien im Dryas Verlag
Christian Buck

Der Sinologe Oliver Lutz Radtke arbeitet zurzeit als Reporter für das chinesische Fernsehen in Singapur. Eine Auswahl seiner Chinglish-Sammlung erscheint im September unter dem Titel "Chinglish - Found in Translation". Sein Erstling "Welcome to presence - Abenteuer Alltag in China" erschien im Dryas Verlag

Etliche Korrekturen des Chinglish sind allerdings wirklich sinnvoll. Ein Muslim sollte keine Speisekarten aufschlagen müssen, auf der sich hinter der Bezeichnung "Wife Man Lung Slice" eine Schweinefleischspezialität aus der Provinz Sichuan versteckt. Der Rotstift macht auch an Schildern Sinn, die den Wanderer mit Wortungetümen wie "Inhibition Astraddle Transgress" eher verwirren, als ihm das Ende eines Waldweges anzuzeigen.

Ein viel wichtigerer Grund für das Sammeln des Chinglish - einer, den auch mancher Chinese erst nach einigem Nachdenken versteht - ist jedoch: Chinglish wie "Deformed man toilet" im Zoo Shanghais oder "Little grass has life, please watch your Stepp" in unzähligen Parks des Landes sind Sprachschätze, die einen kleinen, aber feinen Einblick in die Gedankenwelt der Chinesen erlauben. Und um die werden wir Europäer früher oder später sowieso nicht herumkommen.

"Poetry is what gets lost in translation", schrieb der amerikanische Dichter Robert Frost. Hätte der Mann nur mal eine Chinareise gemacht.



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