Chipmusik Tanz den Tüdeldüdeldü

Eine Szene von Musikern hat sich dem 8-Bit-Sound verschrieben. Mit Gameboys, Old-School-Computern, einer Menge Fantasie und Erfindungsgeist pushen sie die veralteten Soundchips an ihre Grenzen und machen so Musik, die sich manch ein DJ auf seinen Plattenteller wünschen würde - wenn er nur von ihr wüsste.

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Lo-Tech: C64 als Soundschmiede, Gameboys als Instrumente
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Lo-Tech: C64 als Soundschmiede, Gameboys als Instrumente

Es war Ende vergangenen Jahres, als in der "Wired" ein Artikel von Sex-Pistols-Erfinder, Modedesigner und Trendsetzprofi Malcolm McLaren erschien. "8bit Punk" war seine Überschrift, und es ging darin um eine neue Musikrichtung: LoFi-Musik, hergestellt mit Gameboys. Eine Absage an Chartmusik und Popausverkauf - und natürlich: der neue große Trend.

Doch dieses Mal irrte der sonst so stilsichere McLaren. Zwar erfuhr sein Artikel große Aufmerksamkeit, doch es folgten keine Bleep-und-Beep-Hits in den Charts, keine neue Jugendbewegung mit Helden, die große Clubs und kleine Sporthallen füllten. Und selbst 8-Bit-DJ-Abende blieben rar gesät. Der Indie-Mainstream hatte trotz schriftlicher Empfehlung von ganz oben keine Verwendung für dieses Phänomen. Aber immerhin hatte die Musik jetzt ein Label: Chipmusik.

Aber wo ist sie überhaupt zu finden, diese in dem Artikel so wortreich heraufbeschworene Szene? Wo ist die schlagkräftige Bewegung? Wo der große Hype und seine großen Namen? Im Untergrund, könnte man sagen. Was in diesem Fall bedeutet: weltweit verstreut in den Computerzimmern ihrer Apartments, wo sie mit veraltetem Spielzeug Musik produzieren. Und in Internetforen und -communitys, wo sie die Musik kostenlos zum Download bereitstellen und die Strecke zwischen den leidenschaftlichen 8-Bit-Musikern und -Hörern aller Herren Länder auf die Länge eines Mausklicks verkürzen.

Fun, anyone?

Retro-Töne, Retro-Design: die hässliche, aber kostbare Tapete gehört dazu
GEE

Retro-Töne, Retro-Design: die hässliche, aber kostbare Tapete gehört dazu

Einer der Protagonisten dieser Szene ist Thomas Margolf. Firestarter, so sein Pseudonym als Musiker, steht in einem kleinen, mit Seventies-Tapete verkleideten Raum in seiner Vierzimmerwohnung in Wuppertal. "Original Siebziger", sagt er, "ich hab sie aus einem kleinen Laden in Gent für drei Euro die Rolle. Hier in Deutschland zahlt man für diese nachgemachten Retrotapeten ja mindestens zehnmal so viel."

Auf beiden Seiten des länglichen Zimmers stehen Schreibtische. Auf dem einen surrt ein grauer PC, auf dem anderen steht ein kleiner Fernseher, an den ein C64 angeschlossen ist. Außerdem ein 6-Kanal-Mischpult, verkabelt mit vier Gameboys.

Wären da nicht das Mischpult und die ganzen Kabel, erinnerte diese Schreibtischausstattung eher an ein Kinderzimmer Ende der Achtziger als an den Arbeitsplatz eines Musikers. Der Klang von acht Bits ist eben ein ziemlich alter Hut. Er bliepte aus unseren Gameboys und begleitete uns in einminütigen Endlosschleifen, während wir stunden- und tagelang Spiele wie "Skate Or Die" oder "Giana Sisters" auf dem C64 spielten. Und wir wissen: Verglichen mit Surround-Sound und 24-Bit-Musik von Compact Discs stinkt 8-Bit-Sound ganz schön ab. Samples rauschen, Beats knistern, als würde man über einen Teppich aus Erdnussschalen gehen, und Melodien schneiden sich immer eine Spur zu kantig in die Gehörgänge.

Gameboy spielen - wenn der Firestarter seine Handheldsammlung an sein Mischpult anschließt, werden die Spielzeuge zu Musikinstrumenten
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Gameboy spielen - wenn der Firestarter seine Handheldsammlung an sein Mischpult anschließt, werden die Spielzeuge zu Musikinstrumenten

"Dass Leute 8-Bit-Sound für Schrott halten, liegt vor allem daran, dass die meisten ihre C64er nur über die miesen Fernsehlautsprecher und den Gameboy nur über die interne Monobox gehört haben", behauptet Thomas und tritt den Beweis an, indem er einen Gameboy an seine Stereoanlage anschließt. Über eine Cartridge lädt er einen seiner Songs hoch. Es ist ein Stück, mit dem der 27-Jährige vor kurzem einen weltweiten "Super Mario"-Soundtrack-Remix-Wettbewerb gewonnen hat.

Die 100-Watt-Boxen machen "Bling!", das typische Geräusch, wenn ein Gameboy eingeschaltet wird. Nur lauter, viel präsenter und satter. "Die erste Gameboy-Generation hat den besten Sound", erklärt Thomas. Dann: ein straighter Breakbeat, raggainspirierte Bassläufe bringen die Membranen der Lautsprecher zum Vibrieren, als Letztes legt sich eine treibende Melodie über die Beats und Bässe. Die "Mario"-Melodie ist jetzt ein clubtauglicher Track, wie ihn sich jeder DJ in sein Set wünschen würde.

Heimarbeit: In die Platine seines selbst gelöteten Gameboy-Interfaces hat Firestarter einen Pac-Man stanzen lassen
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Heimarbeit: In die Platine seines selbst gelöteten Gameboy-Interfaces hat Firestarter einen Pac-Man stanzen lassen

Zwei Wochen zuvor. Nachts gegen zwei Uhr im Golden Pudel Klub in Hamburg. Es ist heiß. Vielleicht dreißig Grad. Vor der gästeklogroßen Bühne rackern sich drei Typen in silbernen Strahlenanzügen ab. Sie tanzen Formation wie Kraftwerk, sie knuffen und prügeln sich wie die Marx Brothers, und sie rappen, dass die Beastie Boys ihre helle Freude daran hätten. Und das alles zu Musik vom C64 und einigen Gameboys.

Der Golden Pudel wird eine Dreiviertelstunde lang zum Spielzimmer von drei mannshohen Kindern, die ihre hübschesten Beats und Bässe wie Plastiksoldaten vor dem Publikum aufmarschieren lassen. Die drei freundlich Verrückten sind die Rapper von 8bit aus USA. Das Publikum besteht aus neun Zuschauern, der Eintritt ist frei, die Reime der Rapperin Lefrost laufen vom Band ab - weil sie kein Geld für den Flug nach Europa hatte. Unter den Chip-Musikern gibt es keine Stars, es gibt Missionare und Pioniere.

It's good to play together

Zu den Pionieren zählen sicherlich die Erfinder der Website Micromusic.net. Diese Web-Community ist mit 8000 angemeldeten Usern auf der ganzen Welt das größte Netzwerk für Chipmusiker. Hier treffen sich Hörer auf der Suche nach neuen Tracks und Musiker auf der Suche nach einer virtuellen Bühne. Und manchmal sehen sich sogar Labels auf der Suche nach neuen Künstlern auf Micromusic.net um.

So kamen zum Beispiel die deutschen 8-Bit-Weirdos Bodenständig 2000 zu einem Plattenvertrag beim englischen Aphex-Twin-Label Rephlex oder der französische 8-Bit-HipHop-Act TTC zu seinem Deal mit Ninja Tune.

Ins Leben gerufen wurde Micromusic 1998. "Ein paar Freunde von mir begannen über ein eigenes Musiklabel zu reden und ich hatte gerade ein Online-Kunstprojekt abgeschlossen und Lust, mich wieder vermehrt auf Musik zu konzentrieren. Da haben wir uns entschlossen, eine Online-Musik-Community aufzubauen", erklärt Gino Esposto. Der Schweizer Medienkünstler ist Mitbegründer von Micromusic, auf der Website firmiert er unter dem Pseudonym Carl. "Wir sind aber nicht nur eine Community, sondern auch ein Online-Label."

Wie bei einem richtigen Label Demotapes im Briefkasten landen, laden die etwa vierhundert aktiven Micromusiker jeden Monat um die dreihundert Songs hoch. Aus diesen werden alle ein bis zwei Monate die besten ausgewählt und veröffentlicht. Nur eben nicht auf CD oder Vinyl, sondern auf der Site zum kostenlosen Runterladen. Es gibt sogar eine Hitparade, in der die Songs der Künstler je nach Downloadzahlen auf- und absteigen.

Doch Micromusic ist auch jenseits des Internet als Community präsent. Es gibt erste Veröffentlichungen auf Vinyl und regelmäßig Micromusic-Konzerte und -Touren der musizierenden Mitglieder. Organisiert werden sie von so genannten HQs (Headquarters). Sie sind ein wichtiger Bestandteil der Micromusic-Gemeinde. Es gibt sie in verschiedenen Städten Europas, der USA, in Japan und Australien. "Momentan scheint sich auch etwas in St. Petersburg aufzutun, und einige Mitglieder in Südafrika wollen aktiv werden", berichtet Carl.

Micromusic HQs organisieren Konzerte und kümmern sich um die Unterbringung und Verpflegung der Musiker vor Ort. "Dabei darf es natürlich bei allen Aktivitäten nicht darum gehen, die Marke Micromusic kommerziell auszuschlachten", wirft Carl ein. Schließlich ist Micromusic ein bekennendes No-Budget-Projekt und erwartet diese Einstellung auch von den Hauptquartieren.

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