Chuzpe gegen Enthusiasmus Pixel-Verkäufer und Weltverbesserer

Das "Pixelotto" des Web-Millionärs Alex Tew soll den Werbekunden massenhaft Besucher bringen, ihm selbst und einem Gewinner jeweils eine Million Dollar. Die wünscht sich auch Austin Hill, doch nicht für sich: Er versucht, Web-Nutzer zu Spendern zu machen. Wer macht das Rennen?

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Eigentlich, so lautet die Legende, wollte Alex Tew ja nur das Geld für seine Studiengebühren zusammen bekommen. Seine verrückte Idee: Verkaufe Werberaum im Pixelformat, winzige Anzeigen für einen Dollar pro Pixel, auf einer wild zusammen gewürfelten Seite mit einer Million davon. Der potenzielle Umsatz: logischerweise eine Million Dollar. Klingt bescheuert, doch das verrückteste daran war, dass es funktionierte.

Zwei Million-Dollar-Seiten: Ähnliches Prinzip, völlig andere Stoßrichtung

Zwei Million-Dollar-Seiten: Ähnliches Prinzip, völlig andere Stoßrichtung

So war 2005 für Alex Tew das Jahr, in dem er fast Millionär wurde (seine Web-Rechnungen musste er immerhin bezahlen), vor allem aber berühmt. Heerscharen von Plagiatoren, Trittbrettfahrern und Aasgeiern stürzten sich auf sein schlichtes Konzept - und scheiterten. Erfolg hatte nur das Original, die Medien belohnten das mit Aufmerksamkeit - und sorgten so wieder für den Erfolg.

Mitunter belohnt der Markt Originalität auch dann, wenn das Konzept - wie in diesem Fall - nach nichts als Abzocke riecht. Die Welt mag eben pfiffige, einfallsreiche und freundliche Abzocker, denen es gelingt, aus minimalen Gegenleistungen ein Maximum an Eigennutz heraus zu schlagen.

Zugleich aber achtet sie gute Menschen, die sich uneigennützig engagieren. Mitunter verleiht man denen sogar Preise, unterstützt sie mit Publicity, erklärt sie postum selig oder heilig. Als Personen sind diese Altruisten den meisten Menschen aber unheimlicher als die Alex Tews dieser Welt, deren Chuzpe man bewundert. Altruismus, die Bereitschaft zum uneigennützigen Handeln, erscheint wie ein Anachronismus in einer Welt, in der Raubtier-Kapitalisten mit mehr Neid als Abscheu betrachtet werden.

Variante 1: Die uneigennützige Million-Dollar-Website

Austin Hill aus Montreal ist bekennender Altruist. Über sein Blog "Gifter" belohnt er gute Wünsche, indem er die Friedens- und Wohlwünsche seiner Webseiten-Besucher mit potenziellen Sponsoren zusammenführt. So sollen am Ende eine Million gute Wünsche aus aller Welt zu einer Million Spendendollars umgemünzt werden. Nach den ersten Tagen findet sich da schon ziemlich viel, von "Friede auf Erden" bis "Happy Birthday!". Was für eine poetische Idee, die sich auf nichts stützt als auf den Glauben daran, dass es da draußen eine Web-Community gäbe, die gern uneigennützig etwas zum Allgemeinwohl beitrüge - in Form von Wünschen oder Gaben.

Gifter: Einladung zum Wünschen und Spenden

Gifter: Einladung zum Wünschen und Spenden

Das Geld soll an Wohltätigkeitsorganisationen jeder Art fließen, Hill mischt sich da nicht ein. Der jeweilige Sponsor entscheidet, wohin das Geld geht. "Gifter" ist nur als Anstoß gedacht, bleibt außen vor, erhält selbst kein Geld: Die Webseite fungiert als reiner Aufmerksamkeits-Makler zwischen der Community und den Spendern.

Für Hill ist das ein Experiment, mit dem er nachweisen will, dass sich mit einer Idee die Welt zum Besseren verändern lässt. Die Kraft dazu entdeckt er in der überbordenden Bereitschaft der Web-Community, sich quasi ehrenamtlich zu engagieren - wenn es auch bei YouTube und Co vornehmlich um Spaß geht. Doch aus diesem Willen zur Mitarbeit, glaubt Hill, muss sich auch etwas wirklich Sinnvolles machen lassen.

"Wir wollen zeigen", erklärt Hill, "dass es da draußen in der Internet-Community echte positive Energien gibt." Auf einer weniger esoterischen Ebene bietet "Gifter" den potenziellen Sponsoren und Wohltätern aber auch eine echte Gegenleistung: Ihre Namen werden veröffentlicht. Jetzt, hofft Hill, werde der Sog der Masse einsetzen und das Konzept zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung werden. Je mehr Menschen dort Wünsche hinterlegten, desto attraktiver werde es für Sponsoren, dort gesehen zu werden. Je mehr Sponsoren Geld spendeten (und das gegenüber "Gifter" durch Einsendung eines Spendenbelegs mit dem Vermerk "Gifter" dokumentieren), desto mehr Internet-Nutzer würden zu der Seite hingezogen, um zu sehen, was da Tolles passiert. Und so weiter.

In den ersten zehn Tagen kam "Gifter" auf nur rund 400 gute Wünsche, die aber immerhin überproportional mit 5807 Dollar zu guten Zwecken unterfüttert wurden. Zu den Nutznießern zählen bisher eine kanadische Tier-Hilfsorganisation, eine Stiftung für kranke Kinder, Oxfam, die Wikimedia Foundation, die Electronic Frontier Foundation, OneIndia.org, Trees for Life, Seeds of Peace und andere. Ganz langsam springt nun die Medienmaschine an, wird aufmerksam. Austin Hill setzt ganz offen auf die Macht der Mundpropaganda, orientiert sich an Web-Phänomenen wie Gary Brolsma ("Numa-Numa") oder der Mentos-Cola-Fontäne - und an Alex Tews Million-Dollar-Homepage.

Version 2: Die eigennützige Million-Dollar-Homepage

Web-Star Alex Tews: Geringes Input, sattes Output
DPA

Web-Star Alex Tews: Geringes Input, sattes Output

Um den war es still geworden im letzten Jahr. Jetzt ist er wieder da, mit "Pixelotto", einer ähnlich dreisten Idee wie beim ersten Mal, die diesmal auch das Potenzial hat, mehr als einmal zu funktionieren. Tew ist seit Anfang Dezember Veranstalter seiner eigenen Lotterie. Und natürlich hat auch diese Sache wieder einen Zweck: Sie soll Tew Geld zuführen, im Idealfall eine Million Dollar.

Anders als bei Hill stürzten sich die Medien sofort auf die Story - wenn auch zunächst nur kleinere Medien, IT-Webseiten und Blogs. Den Großen ist klar, dass sie mit jedem Artikel auch wieder Tews Konzept bewerben. Bis Anfang dieser Woche wollte das offenbar niemand, dann preschte das "Wall Street Journal" vor, das dem Profitgedanken von jeher sehr aufgeschlossen gegenüber steht. Jetzt geht Tews Geschichte einmal mehr um die Welt.

Und diesmal geht die so: Wieder hat Tew eine Million Pixel zu verkaufen, die diesmal mit zwei Dollar pro Stück allerdings doppelt so teuer sind. Zur Veranschaulichung: Das oben zu sehende Bild von Alex Tew würde als Anzeige auf seiner Webseite 32.400 Dollar kosten. Für die potenziellen Werbekunden soll sich das lohnen, weil Tew sich einen Mechanismus ausgedacht hat, der ihnen tatsächlich potenzielle Kunden zuführen soll. Denn so originell Tews erste Million-Dollar-Homepage anzuschauen war, hatte sie doch einen Schönheitsfehler: Es gab keinen Anreiz, die mikroskopischen Anzeigen auch wirklich anzuklicken.

Diesmal ist das anders, denn Tew verknüpft das Ganze mit einer Lotterie: Eine Million Dollar will er unter den Web-Nutzern verlosen, die sich bei ihm registrieren und fleißig auf die Mini-Werbeanzeigen klicken. Ein Deal, der zum allseitigen Vorteil zu sein scheint: Die Werbekunden bekommen potenzielle Kunden zugeführt, die Web-Nutzer eine Gewinnchance auf eine Million Dollar - und Alex Tew mehr Publicity und im günstigsten Fall ebenfalls eine Million.

Im ungünstigsten Fall würde die Sache dagegen floppen und die Verlosung der Million nie stattfinden, denn natürlich ist die an das Aufgehen des Konzeptes gebunden. Dann würde sich die Zahl der Gewinner auf einen reduzieren, denn die eingestrichenen Werbegelder verblieben auf Tews Konto. Nach gut drei Wochen steht das bei bisher 144.500 Dollar. So etwas nennt man dann wohl eine Win-Win-Situation - eine Lage, in der man scheinbar nicht verlieren kann.



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