3D-Künstler Mark Gmehling Albträume aus digitalem Porzellan

Die Bilder von Mark Gmehling sind faszinierend und beunruhigend. Merkwürdige Kreaturen sind da zu sehen, mit glänzenden Oberflächen und verbogenen Gliedmaßen, plastisch und doch unwirklich. Der einstige Graffiti-Sprayer macht 3D-Kunst.

Mark Gmehling/ DOCMA

Von DOCMA-Autor Uli Staiger


Mark Gmehling, Jahrgang 1974, ist so etwas wie ein Übersprungskünstler. In den ersten Jahren seiner jungen Karriere war der gebürtige Dortmunder künstlerisch hauptsächlich mit Sprühdosen unterwegs. Seine Werke waren laut, grellbunt und ebenso subversiv wie der Künstler selbst - eine Mischung aus Cool Kid und Underdog. Doch als er begann, nach dem Studium von seiner Kunst zu leben, erlebte er seine ganz persönliche Wende.

Sprühdosen sind für Mark noch heute ein wichtiges Werkzeug. Seine Werke spiegeln ein absolut planvolles Vorgehen wider und sind durchdrungen von künstlerischer Konzeption und feinsinniger Ästhetik.

Die Streetart alleine hätte die Basis für ein erfülltes Künstlerleben bieten können, doch einem wie Mark reicht diese Ausdrucksform noch nicht aus, um sein ganzes Schaffensspektrum zu zeigen. Während seines Grafikdesign-Studiums in Dortmund entdeckte er ein weiteres Werkzeug, das seine künstlerische Karriere schlagartig erweiterte: Die Umsetzung seiner Sujets mit Cinema 4D. Auch wenn es auf den ersten Blick keinen Zusammenhang zwischen Streetart und 3D-Modellierung gibt, so fällt doch der Versuch vieler Graffiti-Künstler ins Auge, ihre Werke ganz besonders plastisch erscheinen zu lassen.

Schatten, gemalte Extrusionen und eine klar erkennbare Perspektive sind häufig anzutreffende Merkmale vieler Streetart-Werke. Für Mark Gmehling ist das Gestalten seiner Wandmalereien allerdings weit mehr als angewandte Kunst. "Neben der Arbeit am Computer, die geprägt ist von Entscheidungen, die alle drei Sekunden gefällt werden müssen, bedeutet das Gestalten eines Murals (Wandmalerei) für mich eine Art Entspannung und Meditation. Da der Rechner ja nun am Schluss rendert, fehlt mir dieser meditative Vorgang, von dem die analoge Malerei geprägt ist." Der Sprayer war rundum fasziniert von der 3D-Welt, und so verwundert es wenig, dass Mark sich tief in die Materie der 3D-Modellierung stürzte, als er während des Studiums mit unterschiedlichen 3D-Programmen in Kontakt kam.

Beim Austesten jeder verfügbaren Demoversion fand er allerdings heraus, dass es eine Software gibt, die sich deutlich von allen anderen Anbietern unterscheidet: Das Arbeiten mit Cinema 4D erschien ihm am intuitivsten.

Fortan modellierte er in jeder wachen Minute mit der damals legendären Version Rel. 6, um dann doch wieder alles in den Papierkorb zu verschieben. Doch der Grundstein war gelegt, und so entstanden die ersten Werke, die die gesunde Selbstkritik des Künstlers überlebten.

Besonders auffallend beim Betrachten von Marks Arbeiten ist die Formsprache mit ihren sphärischen, weit ausholenden Bewegungen, die jedem seiner Werke einen fast barock wirkenden, wild bewegten Enthusiasmus verleihen.

Selbst und gerade dann, wenn es sich nicht um eine Animation, sondern um das Rendering eines Stilllebens handelt. Man sieht eben, dass seine Formsprache nicht mit Wasserfarben, Pinselchen und A4-Zeichenblock entstanden ist, sondern mit einer Batterie an Sprühdosen und großen, leeren Betonfassaden.

Nach einer kurzen Angestellten-Phase in verschiedenen Hamburger Werbeagenturen machte Mark sich selbständig. Heute ist er nicht nur als 3D-Illustrator und international gefragter Künstler tätig, sondern er gibt sein Wissen auch als Dozent an der Dortmunder Medienakademie WAM (We Are Media) weiter.

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Dieser Artikel stammt aus "DOCMA Doc Baumanns Magazin für Bildbearbeitung" 5/2014

insgesamt 5 Beiträge
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activ8me 07.09.2014
1. Genial & Cool
Gefällt mir sehr!
minsk60 07.09.2014
2. und die anderen
wie kommt ein scheinbar noch recht unbekannter Künstler zu der Ehre einer so breiten Darstellung seiner Arbeit? Dürfen wir jetzt regelmäßig Nachwuchskünstler kennenlernen?
gabor_kreisky 07.09.2014
3. Hmmm... Kunst?
Ist für mich eher Comic Art oder Illustration. Sieht aus wie unter Drogeneinfluss entstanden.
deppenjäger 07.09.2014
4. Orlando
In der Szene ist Herr Gmehling schon lange ein Begriff, ai es für seine Streetart-Werke oder seine digitalen Werke und Werbespots. Einfach nach Gmehling, Snap, Orlando und Pictoplasma suchen. Und ja es ist eine der edleren Aufgaben der Presse nicht nur den arrivierten Künstlern eine Plattform zu geben.
beirette 07.09.2014
5. mmmh...
...wirkt halt trotzdem wie eine kleine Werbeveranstaltung... ;) ...oder der Autor hat erstmals überhaupt in das Feld geschnuppert und dabei war dieser Künstler dann halt der Erste... Nicht falsch verstehen, gute Arbeiten sind das, aber da draussen gibts auch andere hervorragende 3D-Künstler... Und die Überschrift "Cinema 4D: 3D-Objekte aus dem Computer" lässt durchaus das vorstellen mehrerer Künstler zu. Naja, wer halt wen kennt... wie immer, wie überall...
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