Community als Markt Facebook verschenkt sich selbst

Facebook ist eines der weltweit erfolgreichsten Web-Angebote - jetzt kündigt die Studenten-Community einen radikalen Schritt an. Sie verschenkt ihr wertvollstes Gut: ihr Netzwerk. Externe Entwickler können künftig auf Nutzerdaten zugreifen.

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Auf den ersten Blick klingt die Ankündigung wie ein alter Hut: Dass externe Anwendungen in die Profilseiten sozialer Netzwerke eingebunden werden, ist längst gang und gäbe. In MySpace-Seiten werden Videos und Sounddateien eingebettet, Blog-Plattformen erlauben das Einbinden von Fotos von Flickr oder Nachrichten-Feeds. "Widgets" heißen die kleinen Kästchen bislang, in denen gewissermaßen Anwendungen laufen, die eigentlich anderswo zu Hause sind, und nur auf einer Profilseite oder innerhalb eines Blogs erscheinen.

Facebook-Gründer Marc Zuckerberg (auf dem World Economic Forum in Davos): Mit 23 Jahren einer der einflussreichsten Manager des Web 2.0
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Facebook-Gründer Marc Zuckerberg (auf dem World Economic Forum in Davos): Mit 23 Jahren einer der einflussreichsten Manager des Web 2.0

Was Facebook-Gründer Mark Zuckerberg gestern in San Francisco ankündigte, geht allerdings deutlich weiter - und es dürfte neben Begeisterung auch für viel Kritik hervorrufen. Facebook wird weit geöffnet: Externe Anbieter können Anwendungen entwickeln, die dann in die Menüs und Profilelemente von Facebook selbst integriert werden. Zuckerberg demonstrierte das am Beispiel einer Menüleiste, die vom oberen Bildschirmrand eines Facebook-Profils aus aufgeklappt wird - dort könnten künftig neben den Funktionen, die Facebook selbst bietet, auch Befehle zum Start ganz anderer Dienste stehen - etwa für ein Webradio oder einen Musik-Empfehlungsdienst.

Virales Marketing gratis

Der eigentliche Nutzen entsteht für Dienst-Anbieter nicht nur durch diese Integrierbarkeit in ein Netzwerk mit geschätzten 23 Millionen aktiven Nutzern. Eine weitere, durchaus umstrittene Facebook-Funktion wird gewissermaßen das virale Marketing für solche neuen Applikationen selbst besorgen. Installiert sich ein Nutzer zum Beispiel die besagte Musikempfehlungs-Software (die ihn etwa darauf aufmerksam macht, wenn seine Lieblingsband in der Nähe ein Konzert gibt), dann wird das auch allen seinen Facebook-"Freunden", den Menschen in seiner Netzwerk-Liste, mitgeteilt. Freundesnetze werden zu Werbenetzen.

Jede neue Anwendung vermarktet sich auf diese Weise innerhalb von Facebook selbst - mit einem Klick auf einen Link kann Student B die Anwendung ebenfalls installieren, die sein Freund Student A gerade in sein Profil integriert hat. Tut er das, wird auch dies wiederum an all seine "Freunde" weitergemeldet und so weiter: Vermarkter bekommen bei solchen Vorstellungen weiche Knie - das eigene Produkt bewirbt sich selbst, dynamisch, netzwerkgetrieben, potentiell exponentiell und mit der unerreichten Glaubwürdigkeit persönlicher Kontakte aufgewertet.

Um Entwicklern die Teilnahme am gigantischen Netzwerk-Marktplatz Facebook schmackhaft zu machen, gehen die Betreiber noch weiter: Umsätze aus in den extern zugelieferten Applikationen geschalteter Werbung und anderen Geschäften, die darüber abgewickelt werden, sollen den externen Anbietern zu 100 Prozent zufallen - etwa, wenn Student A mit einem Klick schließlich eine Karte für das empfohlene Konzert kauft und der Empfehlungsdienst dafür eine Provision kassiert. Beim Riesenkonkurrenten MySpace wäre das undenkbar - dort verkauft nur MySpace Werbung und sonst niemand.

Vergleich mit der Geburtsstunde von Bill Gates' Erfolg

Zuckerberg verglich den Schritt mit Microsofts Entscheidung, externe Anbieter Softwareprodukte für seine Betriebsystem-Plattformen entwickeln zu lassen. Verdienen will man nicht an den Erlösen der externen Entwickler, sondern an dem Mehrwert, der durch die externen Anwendungen für Facebook selbst entsteht. "Bis jetzt waren soziale Netzwerke geschlossene Plattformen", sagte Zuckerberg, "wir werden das ändern". 750 Programmierter lauschten andächtig und applaudierten, als der gerade mal 23-jährige diesen Satz sagte.

Bislang sind 65 Unternehmen rekrutiert worden, um an dem unter der Bezeichnung f8 gestarteten Projekt teilzunehmen. Der bekannteste Name darunter ist Amazon: Die E-Commerce-Pioniere wollen Facebook-Nutzern erlauben, ihre Amazon-Buchkritiken bei Facebook einzubinden. Auch Microsoft soll bereits Interesse angemeldet haben. Andere in den Startlöchern stehende Dienste sind eine Diashow-Funktion namens Slide, der besagte Musik-Empfehlungsdienst mit dem Namen iLike und ein Musikplayer namens Uber. Eine Video-Anwendung soll Facebook-Nutzern zudem erlauben, einander kurze Filmbotschaften zu schicken.

Mit fremder Hilfe klebriger werden

Für Facebook könnten die neuen Dienste eben jene "Stickiness" erhöhen, die Anzeigenverkäufer sich wünschen - die "Klebrigkeit" einer Seite, die dazu führt, dass die Nutzer dort mehr Zeit verbringen und damit auch mehr und länger Werbung betrachten. Gerade in diesem Bereich hinkte Facebook MySpace hinterher, finden Analysten. "Facebook versucht, technologisch aufzuholen", sagte Emily Riley von JupiterResearch "Cnet". Facebooks 23 Millionen monatlichen Nutzern stehen 66 Millionen monatliche Besucher bei MySpace gegenüber. Dennoch steht Facebook inzwischen auf Platz sechs der populärsten US-Webseiten - Ebay hat das Studentennetzwerk gerade überholt. In Großbritannien ist Facebook laut dem "Guardian" seit Oktober 2006 um über 1600 Prozent gewachsen, auf jetzt knapp 3,7 Millionen Nutzer - obwohl die absoluten Zahlen dort noch weit hinter denen von MySpace und Beebo liegen.

Ob die Facebook-Gemeinde allerdings von der neuen Idee so begeistert ist wie die Betreiber und externe Entwickler, bleibt abzuwarten. Kern des Projektes ist das sogenannte Facebook News Feed, das Freunde aus der eigenen Freundesliste über alle Veränderungen am eigenen Profil auf dem Laufenden hält - sei es ein neues Foto oder ein Wechsel der eingetragenen Lieblingsband. Nun soll es auch das Anwendungs-Marketing übernehmen. Als der Newsfeed vergangenes Jahr eingeführt wurde, hagelte es Proteste - von "Stalking" und "beschädigter Privatsphäre" war die Rede. Dass die Freundesnetzwerke nun zu Vermarktungsnetzen werden sollen, wird noch für viel Diskussionsstoff sorgen.



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