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Community-Fieber: IT-Giganten stricken am Menschen-Netz

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Großes geschieht im Community-Netz. Microsoft will Hunderte von Millionen für einen Anteil an Facebook ausgeben - und Google plant ein eigenes Supernetz. Die Giganten der Branche basteln an globalen sozialen Plattformen der Zukunft. Und an einer völlig neuen Form von Marketing.

Ein Begriff treibt Kapitalgeber und Netz-Unternehmer in den USA derzeit um - und den Wert von Unternehmen wie Facebook in schwindelnde Höhen: "social graph". Diesen sozialen Graphen muss man sich wie ein feines Netz von Linien vorstellen: Verbindungen, die den Globus umspannen. Information huscht diese Verbindungen entlang wie Aktionspotentiale die Nervenfasern. Nur dass die Knotenpunkte keine Nervenzellen sind, sondern Menschen.

Weltumspannender Freundeskreis: Das globale Sozialnetz soll die Marketingplattform der Zukunft werden
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Weltumspannender Freundeskreis: Das globale Sozialnetz soll die Marketingplattform der Zukunft werden

Das klingt schön, macht aber noch nicht reich. Nun aber entwickelt sich eine Idee, wie die Netzwerk-Effekte endlich auch Geld einbringen sollen: Das Marketing der Zukunft, davon träumt im Augenblick eine globale Business-Elite, verläuft entlang dieser Verbindungslinien von Mensch zu Mensch.

Werbebotschaften sollen wie Funken durch das globale Menschen-Netzwerk rasen und sich an den Knoten festsetzen - weil eine Empfehlung durch einen Freund oder Bekannten tausendmal mehr wiegt als ein Fernsehspot oder eine Anzeige.

Microsoft und Google setzen alles daran, dabei vorne mitzuspielen. Der Suchmaschinengigant will dieses Netz offenbar weit aufreißen - und es außerdem um eine Art globales "Second Life" erweitern.

Microsoft hat einem Bericht des "Wall Street Journal" zufolge 500 Millionen US-Dollar für fünf Prozent von Facebook geboten - man hat den Gesamtwert der einstigen Studenten-Community somit auf zehn Milliarden Dollar angesetzt. Vermutlich ein gutes Investment, denn Facebook hat das Huschen der Funken durchs Netzwerk zum Prinzip gemacht: Jedes Mal, wenn ein Benutzer der Plattform dort irgendetwas tut, wird das all seinen Kontakten mitgeteilt.

Das gilt auch für die Installation neuer Anwendungen: Wenn Nutzer A in sein Facebook-Profil ein von der Firma Red Bull gesponsortes "Stein-Schere-Papier"-Spielchen einbaut, wird das allen anderen Nutzern in seiner Kontaktliste automatisch mitgeteilt. Facebook hat damit die Mundpropaganda automatisiert.

Addiert man die Möglichkeit, auf Profilseiten durch neue Marktforschungs-Methoden immer gezielter zum Nutzer passende Werbung zu schalten, wird Facebook zur Marktetingplattform der Zukunft. Die Nutzer wiederum goutieren die automatischen Updates über den Freundeskreis durchaus - kein Netzwerk wächst derzeit so schnell wie Facebook. "Im Moment liegt das Wachstum bei drei Prozent pro Woche", sagte Gründer Mark Zuckerberg vor kurzem bei einer Konferenz. Microsofts eigenes Community-Angebot "Wallop" kann da nicht mithalten. Es ist seit einem Jahr in der geschlossenen Erprobungsphase - Launchdatum offen.

"Die globale Kartierung aller Menschen"

Googles eigenes Netzwerk Orkut läuft auch nicht so toll - außer in Brasilien und Iran, wo Orkut allen Mitbewerbern den Rang abläuft. Nun hat sich der Netzgigant Fachkräfte aus der Community-Wirtschaft zusammengekauft, namentlich den ehemaligen Chefarchitekten des Blognetzwerkes SixApart, Brad Fitzpatrick. Der schrieb im August einen vielbeachteten Blogeintrag mit dem Titel "Thoughts on the social graph", der sich als Prophezeiung dessen lesen lässt, was Google nun vorhat - und was Facebook möglicherweise noch fehlt. Fitzpatrick will, dass sich alle Netzwerke füreinander öffnen. Er will, dass die vielen einzelnen Communitys zu einem großen Ganzen verschmelzen, einem globalen Graphen.

"Was ich mit 'social graph' meine", schrieb Fitzpatrick, "ist die globale Kartierung aller Menschen und ihrer Verbindungen untereinander." Er schlägt ein System vor, das "die Graphen aller anderen Social Network Sites sammelt, verknüpft und in Form eines globalen aggregierten Netzwerks wiedergibt". Das solle niemandem gehören, sondern "open source" sein, offen für alle. Fitzpatricks alter Arbeitgeber hat genau diese Öffnung eben zum Programm erhoben.

Für die Nutzer soll das den Vorteil bringen, dass sie sich nicht ständig bei neuen Netzwerken anmelden müssen - das Über-Netzwerk soll sie erkennen, wenn sie in einer neuen Community auftauchen und beispielsweise anbieten, ihre Freundeslisten von anderen Netzwerk-Seiten zu übertragen.

Eine Grundrechteerklärung für die Profil-Junkies

So mancher Profil-Junkie hüpft heute von MySpace zu Facebook, von StudiVZ zu Xing, um überall nach neuen Nachrichten, Gästebucheinträgen oder Profiländerungen von Freunden zu suchen. Wer ein neues Netz betritt, kann Tage damit verbringen, alle Kontakte aus dem alten Netz wiederzufinden, indem er Namen für Namen in ein Suchfenster tippt. Das will Fitzpatrick künftig überflüssig machen. Daten sollen aus den Netzen heraus und in andere hineinverfrachtet werden können. In den Tagen, nachdem die ersten Spekulationen über Googles Community-Pläne bekanntgeworden waren, stieg der Börsenkurs der Suchmaschine auf ein neues Allzeithoch.

Vier Silicon-Valley-Berühmtheiten haben kürzlich eine " Bill of Rights für Nutzer des sozialen Webs" veröffentlicht, in der sie Dinge fordern, die Fitzpatricks Ideen ziemlich nahe kommen - und den User ins Zentrum stellen: Der soll Eigentumsreche für persönliche Information wie Profildaten, Freundeslisten und Aktivitätsprotokolle bekommen. Damit könne er einerseits kontrollieren, wer diese Informationen einsehen kann und andererseits die Möglichkeit bekommen, diese Information überall zu verwenden, wo er möchte. Also auch sein Aktivitäts-Logbuch von Facebook in seine MySpace-Seite einbinden. Die sozialen Plattformen sollen sich dem digitalen Sozialleben der Netznutzerschaft unterordnen, nicht umgekehrt.

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Forum - Brauchen wir ein Über-Netz?
insgesamt 12 Beiträge
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1. offline
atu, 25.09.2007
Nun wie bei allen Produkten die Abnehmer suchen wird solange auf den potentiellen Kunden eingedrescht bis er tatsächlich der Überzeugung ist, dass er nicht mehr ohne leben kann. Vielleicht brauchen wir das alles nicht und einige verdienen sich nur eine goldene Nase damit. Aber versuchen wir es doch mal mit folgendem Szenario: Stecker raus, Fenster auf und raus mit der Kiste.
2.
M@ESW, 25.09.2007
Ich glaube irgendwie das die Werbeleute mal wieder den Wert dieser automatischen Weiterleitung jedes Fliegenschiss den einer User tut an alle seine Kontakte maßlos übertreiben. Wenn ich also 100 Kontakte habe und jeder macht am Tag 3 Sachen bekomme ich also 300 Hinweise? Die liest sich doch keiner mehr durch und daher landen die doch bei 99% sofort ungelesen im Papierkorb. Das ist Spam der übelsten Sorte, soviel hält doch gar keine Inbox mehr aus.
3. Personen Daten
Fanuta 25.09.2007
Oh Mann was bin ich froh, dass ich mich nie da angemeldet habe und werde es wohl auch nie tun ich hatte mich mal bei Stayfriends angemeldet, aber nach dem ich meine kompletten Daten im Netz bei google wiederfand habe ich meine Account sofort gelöscht. Es macht den Anschein, dass junge Menschen die mit dem Netz aufgewachsen sind immer naiver werden auch wenn sie studiert haben, ihre Daten so einfach preisgeben ohne zu wissen was damit geschieht. Es ist ja kaum zu glauben wie dumm solche Leute sind, mit den persönlichen Daten werden Seiten wie Facebook reichgemacht die werden dann superereich nur weil so stupide Studenten und anderes Volk ihre Daten da einspeisen. Wie kann man nur so dumm und so primitiv naiv sein. Nun kann ich den Leuten sagen die sich dort eingetragen haben bei Facebook die machen mit euren Daten Geld und veröffentlichen diese bei der Google Spy Hexe fragt doch ob die euch an dem Gewinn beteiligen, es sind ja eure guten Daten die ihr dummerweise in Hände von Datenvergewaltigern preis gegeben habt. Wirklich sehr naiv die jungen Leute von heute.
4. Bündelung
Eiermann 25.09.2007
Die Verknüpfung und Bündelung der Profile der unzähligen Communities auf einer oder mehreren zentralen Plattformen halte ich geradezu für eine Notwendigkeit. Dabei handelt es sich um eines der nächsten "großen Dinger". Das dürfte das Stöbern in Communities wie einst Google die Websuche enorm erleichtern.
5. Wer braucht sowas?
Thommy1979 25.09.2007
Zitat von sysopNetz-Aktivisten fordern es, Google arbeitet angeblich daran - sollen persönliche Informationen aus den Communities befreit und allgemein zugänglich werden? Oder droht Missbrauch?
Missbrauch droht immer. Die Frage ist, wer braucht denn schon Communities? Wenn man ehrlich ist und auf sinnlose Spielereien verzichten kann, erkennt man, dass Communities und dergleichen völlig frei von Nutzen sind. Ich, im Netz unterwegs seit ca.1997, bin jedenfalls froh, dass mein Name bzw. private Daten, niemals bei irgendwelchen Suchmaschinen auftauch(t)en und das bleibt auch so. Wer sich mit echten Daten irgendwo anmeldet, dem ist eh nicht mehr zu helfen.
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