Community-Millionendeal Holtzbrinck schnappt sich StudiVZ

Jetzt hat das Community-Fieber Deutschland erreicht: Das größte deutsche Online-Studentennetzwerk StudiVZ hat den Besitzer gewechselt. Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE ging das Community-Angebot für bis zu 100 Millionen Euro an die Holtzbrinck-Gruppe - trotz der Kritik, die StudiVZ in den vergangenen Monaten abbekommen hatte.

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Hamburg - Mindestens ein weiterer Bieter war in dem Verkaufsverfahren unterlegen, am Ende erhielt Holtzbrinck den Zuschlag: StudiVZ, die Studenten-Community mit mehr als einer Million Mitglieder, ging nach Informationen aus Branchenkreisen für rund 100 Millionen Euro an die Verlagsgruppe, der unter anderem auch das "Handelsblatt" und "Die Zeit" gehören. Offiziell wollte Holtzbrinck den Kaufpreis nicht bestätigen. StudiVZ-Sprecher Tilo Bonow sagte zu SPIEGEL ONLINE jedoch, der Preis habe "deutlich unter 100 Millionen Euro" gelegen. Der Holtzbrinck-Verlag war vorher bereits als Minderheitseigner bei StudiVZ engagiert.

Der gestern vollzogene Verkauf ist der erste große Abschluss im Geschäft mit dem sogenannten Web 2.0 in Europa - und das trotz aller Kritik, der sich StudiVZ im letzten halben Jahr ausgesetzt sah.

Für die jungen Firmengründer ist der Verkauf das Geschäft ihres Lebens - für die Venture-Capital-Firmen, die ins Studentennetzwerk investiert hatten, hat sich die Einlage gelohnt. Neben den Samwer-Brüdern, die ebenfalls mit dem Verkauf eines Web-Unternehmens ihre ersten Millionen machten, gehört auch Holtzbrinck Ventures zu den Kapitalgebern von StudiVZ. Ein Teil des Erlöses fließt also gewissermaßen ins eigene Unternehmen zurück. Die Samwers sind auch die Gründer des Klingeltonanbieters Jamba, den sie vor zwei Jahren für 273 Millionen Euro verkauft haben. Zuvor hatten sie eine Auktionsplattform namens Alando gegründet und kurze Zeit später an das US-Unternehmen eBay verkauft.

In den USA hat man sich an die großen Zahlen im Geschäft mit dem neuen Community-Netz inzwischen fast gewöhnt: Die 580 Millionen Dollar, die Rupert Murdochs News Corp. für das Community-Angebot MySpace bezahlte, waren der Anfang. Den bisherigen Rekord im Geschäft mit den Netz-Communities hält der Verkauf der Videoplattform YouTube. 1,35 Milliarden Dollar in Aktien bezahlte Google für das Webangebot, in dem vor allem Teenager mit selbstgedrehten und geklauten Filmschnipseln Häppchen-Fernsehen für die Netzgemeinschaft produzieren.

Plagiatsvorwürfe und der große Bruder aus den USA

StudiVZ ist in Struktur und Funktionalität an ein anderes großes US-Vorbild angelehnt: das Studentennetzwerk Facebook. Böse Zungen warfen dem deutschen Angebot sogar vor, selbst Design und Layout von Facebook abgekupfert zu haben. Über einen möglichen Verkauf des deutschen Pendants an den großen Bruder aus den USA war in den vergangenen Monaten immer wieder gemunkelt worden, es fanden Gespräche zwischen den Facebook-Betreibern und StudiVZ statt. Nun aber bleibt StudiVZ ein deutsches Unternehmen.

Verdient werden soll nun wohl in erster Linie mit Werbung - die in einem solchen Angebot besonders zielgerichtet geschaltet werden kann, weil die Nutzer in ihren Selbstbeschreibungen viel über sich preisgeben, von Hobbys bis hin zu musikalischen Vorlieben. Für Vermarkter sind solche Netzwerke ein echter Glücksfall. Das zeigt auch die Bewertung am Kapitalmarkt: Das Business-Netzwerk OpenBC/Xing, das vor einigen Wochen an die Börse ging, hat mit seinen Aktien zum Emissionszeitpunkt bei einem Preis von 30 Euro pro Aktie etwa 75 Millionen Euro erlöst. Heute liegt der Kurs etwa einen Euro über dem Startpreis, die Marktkapitalisierung bei über 160 Millionen Euro. Xing verdient bislang aber nicht an Werbung, sondern an kostenpflichtigen Premiumdiensten.

StudiVZ war in den vergangenen Monaten durchaus umstritten. Es gab Berichte über Sicherheitslücken und Serverprobleme, teilweise war das Netzwerk für seine Nutzer über längere Zeiträume nicht erreichbar.

Vor allem deutsche Blogger schossen sich auf das Unternehmen ein. Sie entdeckten innerhalb der Community Diskussionsgruppen mit seltsamen Themen - von Nazi-Verdächtigem bis hin zu einer Stalker-Gruppe mit über 700 männlichen Mitglieden, die sich zur Aufgabe gemacht hatten, innerhalb des Angebotes Fotos von attraktiven Frauen zu finden und diese dann gemeinschaftlich zu "gruscheln". Der StudiVZ-interne Begriff steht für einen flirt-artigen elektronischen Kontaktversuch.

Wie geht es mit den Gründern weiter?

Für Unmut sorgte auch, dass sich die Gründer in einer frühen Phase zu Konkurrenzangeboten wie StudyLounge und Unister passende Domainnamen im benachbarten Ausland gesichert hatten - das gilt im Netz als äußerst schlechter Stil.

In die Kritik gerieten auch die Gründer des Unternehmens. Einer von ihnen, der 26-jährige Ehssan Dariani, filmte in der U-Bahn und auch auf Toiletten bei Partys junge Frauen und stellte die mehr oder minder freiwilligen Interviews anschließend ins Netz. Er verärgerte Nutzer und Geldgeber mit allzu selbstbewussten Interviews und einer Geburtstagseinladung, die im Stil des nationalsozialistischen Kampfblattes "Völkischer Beobachter" aufgemacht war. Anschließend rechtfertigte er sich in einem online publizierten Essay, in dem er den Deutschen einen problematischen Umgang mit der eigenen Geschichte vorwarf. Ein weiterer Gründer sorgte für Negativschlagzeilen, weil er um Aufnahme in die genannte Stalker-Gruppe im eigenen Angebot bat.

Welche Rolle die Unternehmensgründer weiterhin spielen werden, ist bislang unklar. Nach den peinlichen PR-Pannen und einer öffentlichen Entschuldigung im Unternehmens-Weblog war es vor allem um Ehssan Dariani deutlich stiller geworden - man kann wohl davon ausgehen, dass die Kapitalgeber ihren Einfluss geltend gemacht hatten.

Nachtrag: Laut der nun veröffentlichten offiziellen Mitteilung zum Verkauf von StudiVZ bleiben die Gründer des Netzwerkes "weiter im Management". Konstantin Urban, Geschäftsführer von Holtzbrinck Networks, sagte demnach, die Community verdanke ihren Erfolg den Gründern und allen Mitarbeitern. "Wir freuen uns deshalb, dass das bewährte Team an Bord bleibt", so Urban.



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