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Community-Portal MySpace: Kinderschänder im Freundesland

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Das Kumpel-Portal MySpace ist populärer als Friendster, persönlicher als OpenBC und erfolgreicher als Google. Jetzt gerät das Angebot, das Menschen miteinander verbinden soll, in die Kritik - als Jagdrevier für Pädophile.

In Europa fast unbemerkt ist MySpace.com zu einer Sensation im Web aufgestiegen. Das Webcommunity-Angebot ist gerade mal zwei Jahre alt, bekommt aber, laut Nielsen NetRatings, doppelt so viel Traffic ab wie Google und hat den Branchenveteranen Friendster längst als Marktführer abgelöst. Das Konzept der Seite ist nicht neu - aber eine gekonnte Verknüpfung verschiedener Elemente, die für einzelne Nutzergruppen attraktiv sind. Rupert Murdochs News Corp. bezahlte im vergangenen Jahr 580 Millionen Dollar für MySpace.

MySpace-Nutzerfotos: "Goldmine für Pädophile"

MySpace-Nutzerfotos: "Goldmine für Pädophile"

So reagierte MySpace auf vermehrte Nutzung durch Musiker und Musikfans mit speziellen Funktionen. Studenten können Professoren oder Kommilitonen beurteilen. Man kann Spiele spielen, Kleinanzeigen aufgeben und ansehen, Fotos online stellen oder andere nach deren Attraktivität bewerten, Kontakte knüpfen und die Seiten anderer kommentieren. Das alles ist kostenlos, die Seite finanziert sich über Werbung. 56 Millionen registrierte Mitglieder hat sie bis heute - ein Fünftel davon ist laut dem "Wall Street Journal" unter 17 Jahre alt.

Tom Anderson, Präsident von MySpace, sagte der Agentur AP: "Wir wollen, dass die Leute auf MySpace bleiben. Wir geben ihnen, was immer sie tun wollen." Dazu gehört seit neuestem beispielsweise auch die Möglichkeit, Videos auf die Seite zu stellen. Ähnliches scheinen im Augenblick alle zu wollen: Google mit seinem Dienst "Base", Yahoo, indem es Community-Dienste wie die Fotobörse Flickr aufkauft, AOL will seinen Instant Messenger mit Privatwebseiten verknüpfen und mit Foto- und Videosuche kombinieren.

Marktanteil von fast 50 Prozent

Andere Dienste in der Art von MySpace sind ebenfalls höchst populär, etwa LiveJournal, Facebook, ein Angebot, das sich speziell an Highschool-Schüler und College-Studenten wendet, oder stärker Business-orientierte Angebote wie LinkedIn und OpenBC. Laut den Marktbeobachtern von Hitwise hat MySpace allein in den USA jedoch einen Marktanteil von fast 50 Prozent. Das momentan allerorten beschworene soziale Internet ist hier schon Realität - mit allen Licht- und Schattenseiten.

Auch für die anderen Webdienste gilt, was für MySpace jetzt zum Problem wird: Wo persönliche Informationen allzu arglos zur freien Verfügung ins Netz gestellt werden, können sich auch Menschen mit bösen Absichten bedienen. Zwar werden besonders Teenager auch von MySpace gewarnt, zu detaillierte Auskünfte über sich selbst zu geben, und beispielsweise ihren richtigen Namen und ihre Adresse lieber zu verheimlichen - aber die Sorglosigkeit und das Vertrauen in die als erweiterter Freundeskreis begriffene Community scheint oft stärker als die Vorsicht.

Schon seit einiger Zeit ist MySpace immer wieder im Gerede, weil Schulhofschläger und böswillige Klassenkameraden Gemeinheiten über andere verbreiteten oder sie bedrohten, sich minderjährige Witzbolde falsche Identitäten zulegten, um Lehrer und Schulleiter zu verunglimpfen oder über erfundene Abenteuer mit Sex und Alkohol zu berichten.

Pornografie und pädophile Kinderjäger

Nun muss sich das Angebot in den USA mit Überschriften wie "Mann im Zusammenhang mit MySpace.com Teen-Sex-Fall verhaftet" herumschlagen. Der Generalstaatsanwalt von Connecticut, Richard Blumenthal, hat sich des Themas angenommen und untersucht eine ganze Reihe von Fällen, in denen sexuelle Übergriffe möglicherweise durch Kontakte über die Netz-Gemeinschaft vorbereitet wurden. Blumenthal bemängelt auch fehlenden Kinderschutz in dem Angebot: "Besorgniserregend ist die Pornografie und der Zugang für Kinder", sagte er Reuters.

Nutzer können ihre Seiten dekorieren, wie sie wollen, das ist einer der Anziehungspunkte von MySpace. Dabei geht es gelegentlich ziemlich heftig zu. Und auch die eigenen Fotos vieler Nutzer sind sehr explizit: Wer nackte Haut, einen lasziven Blick oder einen tiefen Ausschnitt als Titelfoto hat, kann auf mehr Besucher auf der mühevoll dekorierten Seite hoffen - da setzen sich die simpelsten Regeln des Web auch im Privatangebot schnell durch. Die Zeitung "The Monitor" aus Texas zitiert einen Polizisten mit den Worten: "MySpace ist für Pädophile wie eine Goldmine."

Die Polizei ermittelt in mehreren Fällen

AP berichtet, in Connecticut gehe die Polizei nun dem Verdacht nach, dass bis zu sieben Mädchen im Teenager-Alter sexuelle Kontakte zu Männern hatten, die sie über die MySpace-Seite kennengelernt hatten - die sich aber als älter herausstellten, als sie angegeben hatten. In New Jersey wurde eine 14-Jährige ermordet aufgefunden. Die Polizei ermittelt offenbar im Zusammenhang mit Berichten von Freundinnen des Mädchens, das Opfer habe zuvor über MySpace einen Mann in den Zwanzigern kennengelernt.

Vergangene Woche wurde in Kalifornien ein 26-Jähriger wegen Kindesmissbrauchs verhaftet, weil er sich über MySpace mit einer 14-Jährigen verabredet hatte. Laut Polizeiangaben hatte er sich in mehreren Kontakten zunächst als 15, dann als 17 Jahre alt ausgegeben und schließlich sein wahres Alter eingestanden. Für Blumenthal ist der Fall typisch: Er zeige, dass besonders die Überprüfung des Alters auf Seiten wie MySpace äußerst schwierig ist.

MySpace reagierte auf die Kritik mit dem Hinweis, dass seine Nutzer mindestens 14 Jahre alt seien und in ihrem Online-Anmeldeformular auch ihr Geburtsdatum angeben müssten. Dabei allerdings die Wahrheit zu sagen, ist nicht erforderlich, um den Dienst nutzen zu können. Das Angebot kann zwar nicht gezielt nach Personen unter 18 durchsucht werden - wer jedoch Minderjährige finden will, braucht sich bloß durch einige der Interessengruppen zu klicken, sei es die Katzen- oder die Pferde-Community.

Kinder allein auf der Autobahn

Laut "Wall Street Journal" will News Corp. nun einen "Sicherheitszar" für MySpace berufen, der sich um die Sorgen von Eltern und Erziehern kümmern soll. Man werde zudem "ein paar ziemlich dramatische Schritte unternehmen", um das Portal zu einem Modell in Sachen Kinderschutz zu machen, kündigte Ross Levinsohn, Präsident des Fox Interactive Media Unit von News Corp., in der Zeitung an.

Eltern in den USA sind wieder einmal beunruhigt über die Gefahren des Netzes - dabei bringen die Community-Portale nur alte Risiken in neuem Gewand mit sich. Auch Chaträume wurden in der Vergangenheit gern von Pädophilen als Jagdrevier missbraucht, auch die sogenannte Webcam-Szene, in der Menschen Videochat miteinander betreiben können, gilt als Gefahrenzone für arglose Kinder. Die "New York Times" berichtete kürzlich ausführlich über die Geschichte eines Teenagers, der sich über Videokontakte im Netz selbst als Lustobjekt vermarktete und schließlich sogar andere Minderjährige zur Pornografie brachte.

Christopher Morano, Oberstaatsanwalt in Connecticut, sagte AP: "Sie würden ihr Kind auch nicht am Rand der Autobahn ohne Aufsicht alleinlassen. Sie sollten sie auch nicht ohne Aufsicht auf die Internetautobahn schicken."

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