Computer Stickzauber für Nadelhexchen

Computertechnik ersetzt Handarbeit: Luxus-Nähmaschinen mit Knopflochsensoren und Stickprogrammen betören immer mehr Frauen ­ und Männer.


Die Frau von heute nimmt, wenn sie sticken will, vorm Bildschirm Platz. Sie tippt auf das Bärchenmotiv, dann sucht sie in den Tiefen der Untermenüs nach passenden Blümchenbuchstaben. Und wenig später stichelt die Nähmaschine das Bärchen mitsamt einem flotten Spruch auf die Baseballkappe.

Solche Wunder bewirken die Nähmaschinen der jüngsten Generation. Die teuersten Modelle haben einen großen Farbmonitor; im Laden werden sie oft als "Nähcomputer" verkauft. Sie kosten mehrere tausend Euro. Dafür nähen und sticken sie jegliches Muster mit digitaler Finesse.

Vorbei die Zeiten, da das Sticken eine liebe Mühe war, gepflogen an endlosen Winterabenden. Heute genügt es, eine Bärchen-Vorlage per Diskette in den Nähcomputer einzuspeisen, und die Nadel rattert los. Der Mensch schaut zu und wechselt nur ab und zu die Garnrolle.

Im Internet diskutieren die Stickmamsellen der Moderne über Dateiformate und Vektorgrafiken. Sie nennen sich traulich "Stickeule" oder "Nadelhexchen", aber sie gebieten über mächtige Maschinen, die zum Beispiel "Super Galaxie 3000" heißen ­ das ist das Spitzenmodell der Firma Brother (Kaufpreis rund 4000 Euro). Es zaubert auf Kommando vielerlei Zierstiche, Hohlsäume und rankenreiche Bordüren.

Auch Buchstabensortimente stehen den Nadelhexchen zu Gebot. Ganze Liebesbriefe könnten sie am Monitor zusammentippen in elferlei Schrifttypen. Und es gibt einen reichen Fundus von nähfertigen Bildmotiven: Elefanten und Mickymäuse, Obstschalen und Segelschiffe.

Dies alles stichelt der Nähcomputer mit beängstigender Schnelligkeit auf jedwedes Textil. Früher waren die Stickerinnen auf das Handstickrähmchen beschränkt, heute dringen sie in die Fläche vor ­ mit 800 Stichen pro Minute und mehr. Bestickt wird alles, was nicht nadelfest ist: Vorhänge, Nackenrollen, Diskettenhalter aus Stoff.

"Es gibt nichts mehr, vor dem wir Halt machen", sagt Anne Liebler, Hobbyschneiderin aus Stralsund. "Das ist wie ein Virus. Manche Frauen sind regelrecht besessen. Sie müssen die Software an den Rand ihrer Möglichkeiten bringen."

Liebler selbst wirft den Nähcomputer vor allem für ihre vier Kinder an: "Die finden das cool." In der Schule trumpfen sie auf mit superindividuell bestickten Jeans oder einer Teletubby-Jacke, die es nur einmal gibt auf der Welt.

Auch das bloße Nähen geht mit Computerhilfe perfekt vonstatten bis hin zum Knopfloch. Gerade am Knopfloch erkannten die Eingeweihten bislang untrüglich die Heimschneiderei. Nun aber, dank "Knopfloch-Sensormatik", sehen die Sachen aus wie gekauft, wenn nicht besser. Der Rechner schneidet sogar am Ende automatisch den Faden ab.

Früher oder später verfallen die meisten Näherinnen jedoch den Reizen des Kunststickens. Sie können ihre Motive sogar am PC selbst entwerfen. Die Vorlagen speisen sie einfach auf Diskette oder Speicherkarte in die Nähmaschine ein. Selbst aus Fotografien errechnet der Computer nähfertige Stickbilder, die sich aufs Sofakissen nadeln lassen ­ sei es der Schnappschuss vom geliebten Dobermann oder ein grienender Dieter Bohlen (die fertige Vorlage gibt es gratis im Internet).

Das Internet ist ein unerschöpflicher Speicher für Bärchen und Bordüren. Zehntausende von Stickmotiven sind dort frei verfügbar; sie lassen sich in jeden gängigen Nähcomputer laden. Das Weltzentrum der Nadelkunst hat die Amerikanerin Ann Cobb unter www.annthegran.com aufgebaut. Dort wimmelt es von blühenden Buchstaben und schnäbelnden Vöglein, von Schmetterlingen, Elfen und anderem Zierrat. Jüngster Trend: Stickvorlagen mit US-Flaggen und patriotischen Parolen.

Das Web: Größte Stickvorlagen-Bibliothek der Welt

In diesem Online-Paradies hat Sabine Pothmann aus Grünendeich bei Hamburg viele malerische Blumen abgegrast für den Quilt, an dem sie gerade stickt. Sonst schneidert Pothmann gern Kostüme nach historischen Vorlagen. Im Internet bietet sie eine Kollektion von Prunkkleidern aus dem "Titanic"-Film feil; bis nach Japan, sagt sie, fänden sich Abnehmer.

Für die erlesenen Stickereien benutzt Pothmann ihre Nähmaschine als eine Art Textilkopierer: Sie scannt die Bildvorlagen, der Computer übersetzt die Muster in Stichfolgen, und die Nähmaschine überträgt die ganze Pracht mit farbigem Garn auf den Kleiderstoff.

Wo so viel Wundertechnik wirkt, können Frauen nicht unter sich bleiben. In den Diskussionsforen drücken sich bereits etliche Männer herum ­ gern unter dem Vorwand, sie suchten nur Software für die Gattin. Andere steuern beiläufig selbst gemachte Stickmotive bei und sehen zu, wie diese sich über die Damenwelt verbreiten. Und der deutsche Programmierer Uli Tessel wird bewundert für eine Software, die jede beliebige Vorlage in ein Kreuzstichmuster für den Nähcomputer verwandelt.

Die ersten Pioniere wagen sich sogar schon selber ans Textil: Almut Bree, Autorin mehrerer Fachbücher zum Computersticken, zählt in den Kursen, die sie gibt, mehr und mehr Männer. Der Bäcker will mit Brot und Ähren die Kittel des Ladenpersonals veredeln, der Schreiner träumt von einer Kreissäge als Logo auf seiner Mütze. "Es kommen aber auch Leute vom Kirchenchor", sagt Sticklehrerin Bree, "vom Anglerverein, vom Foxterrierverband mit ihren Emblemen."

Die Industrie wittert einen Zukunftsmarkt. In Deutschland werden, trotz gesalzener Preise, schon jedes Jahr mehr als 10 000 computergesteuerte Maschinen verkauft; jeder große Hersteller hat mehrere Modelle im Sortiment. Die Super Galaxie 3000 von Brother führe die Liga an, sagt Almut Bree; aber im kommenden Frühjahr will die Firma Pfaff mit dem neuen Spitzenmodell Creative 2140 gleichziehen.

Brother nimmt unterdessen die nächste Generation in Angriff. Sprecher Matthias Kohlstrung: "Das Einfädeln wird ganz neu angedacht." Die Maschine der Zukunft könnte sich das Garnende selbst ins Öhr holen. Dann entfällt womöglich auch noch dieser Handgriff. Und als letztes Handarbeitsgerät bleibt die Computermaus.

MANFRED DWORSCHAK



© SPIEGEL ONLINE 2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.