Computer-Wurm Experten warten auf die Conficker-Attacke

Keine Panik! Die Urheber des Computer-Wurms Conficker planen angeblich einen neuen Großangriff. Doch Experten für IT-Sicherheit erwarten keinen Netzkollaps am Mittwoch. Was aber später droht, weiß niemand. SPIEGEL ONLINE erklärt, wie man sich vor Conficker schützt.


Mindestens drei Millionen Windows-Computer sind mit dem Wurm Conficker infiziert. Nach einigen Schätzungen von Herstellern für Sicherheitssoftware sollen es sogar zehn bis zwölf Millionen oder noch mehr sein. Bisher ist nichts Dramatisches passiert. Am morgigen Mittwoch aber wollen die unbekannten Urheber von Conficker offenbar zuschlagen. Sie sind in der Lage, die befallenen Rechner fernzusteuern - mit welcher Absicht, ist unbekannt.

Conficker-Wurm: Wer diesen Schädling endgültig loswerden will, muss womöglich das Betriebssystem neu installieren
Corbis

Conficker-Wurm: Wer diesen Schädling endgültig loswerden will, muss womöglich das Betriebssystem neu installieren

Die infizierten Rechner bilden ein Botnetz, das dazu verwendet werden kann, massenhaft Spam-Mails zu versenden, weitere Schad-Software zu verbreiten oder Internet-Angebote zu blockieren. Mit Denial-of-Service-Attacken (DDoS) könnte eine Flut von Anfragen auf beliebte Web-Angebote gestartet werden, dass deren Server unter der plötzlichen Belastung zusammenbrechen. Denkbar ist auch eine Cyberattacke auf Regierungsbehörden - zu den Angriffszielen von Conficker gehörten unter anderem die Bundeswehr und das britische Verteidigungsministerium. Am wahrscheinlichsten aber ist, dass sich der Wurm am Mittwoch lediglich ein neues Update holt, um sich im Wettbewerb mit den Sicherheitsexperten zumindest für kurze Zeit einen Vorsprung zu verschaffen.

Experten, die seit Wochen das Conficker-Treiben mit seinen verschiedenen in Umlauf gebrachten Versionen beobachten, sind allerdings relativ gelassen.

"Ich glaube nicht, dass es zu verhängnisvollen Ereignissen im Netz kommen wird", sagt Richard Wang, der in den USA die Forschungsabteilung des Software-Herstellers Sophos leitet. "Für die Leute hinter Conficker ist es nicht sinnvoll, das Netz vor größere Probleme zu stellen, weil sie kein Geld machen können, wenn sie einen Teil des Internets zum Zusammenbruch bringen."

Jeden Tag werden 250 Domains aufgesucht

In der Vergangenheit richteten ähnliche Bedrohungen ein eher planlos wirkendes Zerstörungswerk an. Im Jahr 2003 verstopfte der Wurm Slammer Internet-Verbindungen mit derart zahlreichen Datenpaketen, dass Netze von Unternehmen und Behörden abstürzten. Betroffen waren auch Geldautomaten von mehreren Banken. Inzwischen aber geht es den Computerkriminellen vor allem ums Geld. Die Kontrolle von zahllosen infizierten PCs wird auf dem Schwarzen Markt gehandelt und als Spam-Schleuder genutzt oder zur Suche nach Sicherheitslücken von Websites, die sich ausnutzen lassen, um etwa an die Daten von Kunden zu gelangen. Das Botnetz der infizierten Rechner ist wie ein gewaltiger Supercomputer, der die Ressourcen der angeschlossenen Rechner bündelt. Um aktiviert zu werden, müssen die entsprechenden Anweisungen losgeschickt werden.

Schad- und Spähsoftware
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Trojaner
Wie das Trojanische Pferd in der griechischen Mythologie verbergen Computer-Trojaner ihre eigentliche Aufgabe (und Schädlichkeit!) hinter einer Verkleidung. Meist treten sie als harmlose Software auf: Bildschirmschoner, Videodatei, Zugangsprogramm. Sie werden zum Beispiel als E-Mail-Anhang verbreitet. Wer das Programm startet, setzt damit immer eine verborgene Schadfunktion ein: Meist besteht diese aus der Öffnung einer sogenannten Backdoor , einer Hintertür, die das Computersystem gegenüber dem Internet öffnet und durch die weitere Schadprogramme nachgeladen werden.
Virus
Computerviren befallen vorhandene Dateien auf den Computern ihrer Opfer. Die Wirtsdateien funktionieren – zumindest eine Zeit lang - weiterhin wie zuvor. Denn Viren sollen nicht entdeckt werden. Sie verbreiten sich nicht selbständig, sondern sind darauf angewiesen, dass Computernutzer infizierte Dateien weitergeben, sie per E-Mail verschicken, auf USB-Sticks kopieren oder in Tauschbörsen einstellen. Von den anderen Schad- und Spähprogrammen unterscheidet sich ein Virus allein durch die Verbreitungsmethode. Welche Schäden er anrichtet, hängt allein vom Willen seiner Schöpfer ab.
Rootkit
Das kleine Kompositum führt die Worte "Wurzel" und "Bausatz" zusammen: "Root" ist bei Unix-Systemen der Benutzer mit den Administratorenrechten, der auch in die Tiefen des Systems eingreifen darf. Ein "Kit" ist eine Zusammenstellung von Werkzeugen. Ein Rootkit ist folglich ein Satz von Programmen, die mit vollem Zugriff auf das System eines Computers ausgestattet sind. Das ermöglicht dem Rootkit weitgehende Manipulationen, ohne dass diese beispielsweise von Virenscannern noch wahrgenommen werden können. Entweder das Rootkit enthält Software, die beispielsweise Sicherheitsscanner deaktiviert, oder es baut eine sogenannte Shell auf, die als eine Art Mini-Betriebssystem im Betriebssystem alle verdächtigen Vorgänge vor dem Rechner verbirgt. Das Gros der im Umlauf befindlichen Rootkits wird genutzt, um Trojaner , Viren und andere zusätzliche Schadsoftware über das Internet nachzuladen. Rootkits gehören zu den am schwersten aufspürbaren Kompromittierungen eines Rechners.
Wurm
Computerwürmer sind in der Praxis die getunte, tiefergelegte Variante der Viren und Trojaner. Im strengen Sinn wird mit dem Begriff nur ein Programm beschrieben, das für seine eigene Verbreitung sorgt - und der Programme, die es transportiert. Würmer enthalten als Kern ein Schadprogramm , das beispielsweise durch Initiierung eines eigenen E-Mail-Programms für die Weiterverbreitung von einem befallenen Rechner aus sorgt. Ihr Hauptverbreitungsweg sind folglich die kommunikativen Wege des Webs: E-Mails, Chats, AIMs , P2P-Börsen und andere. In der Praxis werden sie oft als Vehikel für die Verbreitung verschiedener anderer Schadprogramme genutzt.
Drive-by
Unter einem Drive-by versteht man die Beeinflussung eines Rechners oder sogar die Infizierung des PC durch den bloßen Besuch einer verseuchten Web-Seite. Die Methode liegt seit einigen Jahren sehr im Trend: Unter Ausnutzung aktueller Sicherheitslücken in Browsern und unter Einsatz von Scripten nimmt ein auf einer Web-Seite hinterlegter Schadcode Einfluss auf einen Rechner. So werden zum Beispiel Viren verbreitet, Schnüffelprogramme installiert, Browseranfragen zu Web-Seiten umgelenkt, die dafür bezahlen und anderes. Drive-bys sind besonders perfide, weil sie vom PC-Nutzer keine Aktivität (wie das Öffnen einer E-Mail) verlangen, sondern nur Unvorsichtigkeit. Opfer sind zumeist Nutzer, die ihre Software nicht durch regelmäßige Updates aktuell halten - also potenziell so gut wie jeder.
Botnetz
Botnets sind Netzwerke gekidnappter Rechner - den Bots. Mit Hilfe von Trojaner-Programmen, die sie beispielsweise durch manipulierte Web-Seiten oder fingierte E-Mails auf die Rechner einschleusen, erlangen die Botnet-Betreiber Zugriff auf die fremden PC und können sie via Web steuern. Solche Botnets zu vermieten, kann ein einträgliches Geschäft sein. Die Zombiearmeen werden unter anderem genutzt, um millionenfache Spam-Mails zu versenden, durch eine Vielzahl gleichzeitiger Anfragen Web-Seiten in die Knie zu zwingen oder in großem Stile Passwörter abzugrasen. (mehr bei SPIEGEL ONLINE)
Fakeware, Ransomware
Das Wort setzt sich aus "Fake", also "Fälschung", und "Ware", der Kurzform für Software zusammen: Es geht also um "falsche Software" . Gemeint sind Programme, die vorgeben, eine bestimmte Leistung zu erbringen, in Wahrheit aber etwas ganz anderes tun. Häufigste Form: angebliche IT-Sicherheitsprogramme oder Virenscanner. In ihrer harmlosesten Variante sind sie nutzlos, aber nervig: Sie warnen ständig vor irgendwelchen nicht existenten Viren und versuchen, den PC-Nutzer zu einem Kauf zu bewegen. Als Adware-Programme belästigen sie den Nutzer mit Werbung.

Die perfideste Form aber ist Ransomware : Sie kidnappt den Rechner regelrecht, macht ihn zur Geisel. Sie behindert oder verhindert das normale Arbeiten, lädt Viren aus dem Netz und stellt Forderungen auf eine "Reinigungsgebühr" oder Freigabegebühr, die nichts anderes ist als ein Lösegeld: Erst, wenn man zahlt, kann man mit dem Rechner wieder arbeiten. War 2006/2007 häufig, ist seitdem aber zurückgegangen.
Zero-Day-Exploits
Ein Zero-Day-Exploit nutzt eine Software-Sicherheitslücke bereits an dem Tag aus, an dem das Risiko überhaupt bemerkt wird. Normalerweise liefern sich Hersteller von Schutzsoftware und die Autoren von Schadprogrammen ein Kopf-an-Kopf-Rennen beim Stopfen, Abdichten und Ausnutzen bekanntgewordener Lücken.
Risiko Nummer eins: Nutzer
Das größte Sicherheitsrisiko in der Welt der Computer sitzt vor dem Rechner. Nicht nur mangelnde Disziplin bei nötigen Software-Updates machen den Nutzer gefährlich: Er hat auch eine große Vorliebe für kostenlose Musik aus obskuren Quellen, lustige Datei-Anhänge in E-Mails und eine große Kommunikationsfreude im ach so informellen Plauderraum des Webs. Die meisten Schäden in der IT dürften von Nutzer-Fingern auf Maustasten verursacht werden.
DDoS-Attacken
Sogenannte distribuierte Denial-of-Service-Attacken (DDoS) sind Angriffe, bei denen einzelne Server oder Netzwerke mit einer Flut von Anfragen anderer Rechner so lange überlastet werden, bis sie nicht mehr erreichbar sind. Üblicherweise werden für solche verteilten Attacken heutzutage sogenannte Botnetze verwendet, zusammengeschaltete Rechner, oft Tausende oder gar Zehntausende, die von einem Hacker oder einer Organisation ferngesteuert werden.
Der Wurm erzeugt mit einem inzwischen bekannten Algorithmus wahllos Internet-Adressen, die dann vom infizierten Rechner aufgerufen werden. So hat Conficker bislang jeden Tag versucht, Verbindung zu etwa 250 tatsächlich bestehenden Internet-Domains aufzunehmen - der Name des Wurms resultiert aus einer der Adressen, die zuerst aufgesucht wurden. Die Cyberkriminellen müssen nur eine dieser Sites unter ihre Kontrolle bringen, um Anweisungen an das Botnetz zu schicken. Allerdings ist Conficker in gewisser Weise ein Opfer des eigenen Erfolgs: Wegen der raschen Verbreitung haben die Internet-Sicherheitsfirmen Kontakt mit den Domain-Registrierungsstellen aufgenommen, um eine Domain zeitweise abzuschalten und so deren Übernahme zu verhindern.

"Conficker Cabal" jagt die Urheber

Am 1. April soll sich die Zahl der attackierten Domains auf 500 verdoppeln. "Wir erwarten, dass dann irgendetwas passieren wird, wissen aber noch nicht genau, wie das aussehen wird", sagt Jose Nazario von Arbor Networks, einer von mehreren Sicherheitsfirmen, die sich zum Abwehrverbund der "Conficker Cabal" zusammengeschlossen haben und die Urheber des Wurms jagen.

"Mit jedem Schritt, den sie unternehmen, gibt es die Möglichkeit, dass wir sie identifizieren", sagt Nazario. Die große Herausforderung aber bestehe in der globalen Koordination der Abwehr. "Das ist kein technisches Problem, aber eine logistische Schwierigkeit."

Die Autoren von Conficker haben den Wurm inzwischen so verändert, dass die infizierten Maschinen neue Möglichkeiten haben, um miteinander zu kommunizieren. Sie können jetzt Anweisungen untereinander austauschen und müssen nicht unbedingt eine gehackte Website kontaktieren. Damit sei es den Urhebern von Conficker gelungen, die Kontrolle über ihr Botnetz zu behaupten, sagt Michael La Pilla von der Abteilung iDefense der Internet-Firma VeriSign.

Die Conficker-Seuche demonstriert einmal mehr, wie wichtig es ist, stets die aktuellsten Sicherheits-Updates zu installieren. Der Wurm nutzt eine Lücke im RPC-Dienst (Remote Procedure Call) von Windows, die Microsoft bereits im Oktober vergangenen Jahres geschlossen hat. Gleichwohl zogen sich danach noch zahllose Rechner den Wurm zu, weil das Update nicht rechtzeitig vorgenommen wurde.

Conficker hat sich auch deshalb so schnell verbreitet, weil es die Computer mit der Sicherheitslücke von selbst findet. Einmal angekommen, setzt sich der Wurm fest: Er richtet einen HTTP-Server ein, über den er sich selbst weiterverbreitet, und versucht unter anderem, das Passwort des Administrators auszuspionieren, Sicherheitsprogramme zu deaktivieren, den Zugang zu den Websites von Sicherheitssoftware zu blockieren und weitere Einfallstore zu öffnen. Der sicherste Weg, Conficker wirklich loszuwerden, besteht darin, Windows neu zu installieren.

Jordan Robertson/AP



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