"Computers" Das Buch zur Maschine

Nein, was war das schön, als Festplatten noch eine Tonne wogen. Christian Wursters "illustrierte Geschichte" des Computers ist ein Buch für Nerds - und alle, die es werden wollen.

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Elegant: Anfang der Siebziger Jahre mutieren Großrechner zum vorzeigbaren Büro-Interieur (IBM-Anzeigenfoto)

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Sara versteht das nicht. "Den ganzen Tag hockst du vor dem Rechner", sagt sie, "wie kannst du dich dann abends hinsetzen, und über Rechner lesen?"

Eigentlich hat sie recht.

Schreiberlinge lesen ganztägig, schmurgeln darum in ihrer stets relativ monothematischen Suppe: Die aktuellen Nachrichten und Tickermeldungen sind Pflicht, Fachlektüre sowieso. So ein Netzweltler kommt an "c't", "Internet Professionell", an "New Scientist" und "Wired", an Technology Reviews und diversen Diensten von Slashdot bis zu den aktuellen Selbstbejubelungs-Seiten der Unternehmen kaum vorbei.

Echt spacig: 1969 brachte der spätere Atari-Gründer Norman Bushnell seinen ersten Videospiel-Automaten in die Spielhallen

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Abends sollte da Grass auf dem Programm stehen, oder leichtere Ausgleichs-Kost, von Wally Lamb über Franquin-Comics bis hin zur exotischen Idee, gelegentlich Außenluft zu inhalieren.

Stattdessen begleitet mich seit etlichen Tagen ein Blätter-, Guck- und Lesebuch, das man eigentlich bequem innerhalb von zwei Tagen ausgelesen haben könnte: "Computers" von Christian Wurster. "Eine illustrierte Geschichte" heißt das Machwerk im Untertitel passend wie nur selten und entwickelt sich zurzeit trotz seines Themas zu einem kleinen Bestseller.

Sara, siehe oben, versteht das nicht - aber ich.

Denn dem Wurster ist da wirklich was gelungen.

Fast wie am Muttertag: Werbeplakat für Tulip-Computer, Holland 1984

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Formalia: Gestalt, Gehalt, Gewicht

"Form follows function", weiß der Designer, und tatsächlich ist "Computers" in dieser Hinsicht ein ungewöhnliches Buch.

Metallisch kommt es daher, mit seinem dicken, silbrigen Einband. Und da es um Rechner geht, verblüfft der Band zunächst durch sein Format: Diesen Schmöker legt man quer vor sich hin, blättert sich also von "oben" hinab in die Tiefen seiner Inhalte. Monitor-Feeling soll das wohl sein, wenn man das so sehen will. Alle anderen sehen nur, das so viel Platz für große Bilder gewonnen wird - und "Computers" erzählt nicht nur eine Geschichte, es ist auch ein Bilderbuch.

Die rund 330 Seiten mit dem Subnotebook-Gewicht von exakt 1000 Gramm brauchen auch Lesemuffel nicht zu schrecken, denn mehr als die Hälfte der Seiten sind mit Bildern gefüllt - und mit was für welchen!

Großvater Radar: Der Computer-Monitor begann als runde Sache ("SAGE"-Überwachungsprogramm 1955)

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Neben Produkt-Fotos und Schnappschüssen aus den Labors der Entwickler sind da immer wieder auch Werbeanzeigen für Rechner und Peripheriegeräte aus allen Epochen zu sehen. Schön ist das, wie grazile Models in abstrusen Siebziger-Jahre-Fummeln mit turmhoch toupierten Frisuren Rechner anpreisen, die nur noch 400 Kilo wiegen.

Lustig auch die Zitate prognosefreudiger Experten vergangener Tage, locker eingestreut: "There is no reason anyone would want a computer in the home", meinte etwa Kenneth Olsen von Digital. 1977 war das, und längst löteten Steve Jobs und Steve Wozniak am zweiten Apple.

Der Text: Tacheles und Nostalgie

Das ist die zweite Ebene des Buches: Wurster rollt die Geschichte des digitalen Rechenknechtes auf, vom Koloss in Wissenschaftlers Händen hin zum PC. Seine Sprache konterkariert die Witzigkeit der Abbildungen durch Sachlichkeit, was dem Buch bestens bekommt: Bei aller Knappheit kann man den Kapiteln die Ernsthaftigkeit kaum absprechen. Ja, "Computers" liest sich mitunter wie ein richtiges Geschichtsbuch.

Wozu noch Möbel: ...wenn man einen Univac 1100 hat, der das Büro so schön füllt? (1972)

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Wer darüber die Nase rümpft, hat noch nicht begriffen, dass die Historie des Computers nicht nur ein Stück Technik- und Wissenschaftsgeschichte ist, sondern auch Kultur- und Pop-Geschichte.

Denn auch hier bleibt Wurster völlig auf dem Boden: Er versucht erst gar nicht, den ersten "Kisten" postum viel Sinn anzudichten. Computer, lernt man, zelebrierten die Faszination des Machbaren. Besonders sinnvoll oder nützlich waren sie anfänglich nicht - es sei denn, man sieht "Pong!" als sinnvolle Beschäftigung, in die auch ein exorbitant hohes Investment lohnte.

Der Rechner, ein Hightech-Requisit: Modefotos des Kleidungsherstellers Bleyle, Deutschland 1965

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So richtig schwelgen können in dem Wälzer all die, die tatsächlich ihre ersten digitalen Erfahrungen mit ZX 80, C64, Pet 1 und Co machten. Nostalgie pur ist das, und damit auch die Jüngeren davon was haben, lud Wurster eine Reihe hochkarätiger Gastautoren der digital kompetenten Schreibtisch-Liga ein, ihre Initiationen mit der Welt der Platinen zu schildern: Von Boris Gröndahl bis Klemens Polatschek erfahren wir, wie mühselig, aber auch schön es war, sich eine damals völlig neue Lern-, Spiel-, Lebens- und Arbeitswelt zu erschließen.

Da stimmt es fast schon traurig, wenn man sich gegen Ende des Buches den Neutechnologien von Aibo über TFT-Display bis hin zu UMTS-Eiern und iMode-Handys nähert. Doch dieser Ausflug in die Jetztzeit bleibt knapp, und das ist auch gut so. Man ahnt, dass irgendwann auf diese Geschichte der

Computer-Jugendzeit ein zweiter Teil folgen könnte, wenn all diese heutigen Technologien so überholt und darum nostalgisch-lustig sind, wie wir heute 500-Gramm-Mäuse oder 40-Kilo-Laptops empfinden. Da darf man doch schon heute gespannt sein, über welchen Hightech-Hype von heute man morgen wird wirklich laut lachen können.

Christian Wurster: "Computers - Eine illustrierte Geschichte". Taschen-Verlag, Köln; 336 Seiten; 24 Euro.

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