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Computersüchtige Kinder: Reset in Boltenhagen

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Eine ganze Generation von Jugendlichen sitzt vor dem Computer. Doch nur eine Institution kümmert sich um die Nebenwirkungen: das Wichernhaus in Boltenhagen. Dort üben Jugendliche, die ohne Videospiele nicht mehr leben können, den Kontakt mit der realen Welt.

Therapie am Strand: Erster Computer mit elf
Petra Kohl

Therapie am Strand: Erster Computer mit elf

Nicht viel los am Strand von Boltenhagen, einem kleinen Kurort an der Küste von Mecklenburg. Einige Rentnerpärchen mit Hut und Mantel. Hundebesitzer in Windbreakern. Ein trüber Aprilmorgen, der Horizont versumpft in einem farblosen Mischmasch, Wolken und Ostsee bilden eine graue Wand direkt hinter dem Ufer. Eine Gruppe von Kindern und Jugendlichen stapft mit hochkrempelten Hosenbeinen und zusammengebissenen Zähnen durch die frühlingskalte See. "Wassertreten" nennt sich das und ist Teil einer Therapie gegen Computerspielsucht.

Am Strand warten bunte Handtücher mit Comicfiguren und Pferdeköpfen und eine Betreuerin vom Wichernhaus. Das Wichernhaus ist ein unscheinbares, rotes Backsteingebäude, einen Steinwurf vom Strand entfernt. Es ist ein Kurheim für Kinder und Jugendliche. Das einzige in ganz Deutschland, das unter anderem auch ein spezielles Kurkonzept für ein weit verbreitetes Phänomen anbietet: Medienabhängigkeit.

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Entzug: Therapie gegen Medienabhängigkeit

Der 15-jährige Christopher ist seit zwei Wochen hier. Der schlaksige Junge lässt sich in den Sand plumpsen und trocknet sich mit einem Simpsons-Handtuch die vom kalten Wasser roten Beine ab. Seinen ersten Computer hat Christopher zum elften Geburtstag von seinen Eltern bekommen - damit er später bessere Chancen im Beruf hat. Anfänglich konnten ihm die Eltern noch Sachen erklären, setzten sich mit ihm vor den Computer und lernten gemeinsam. Doch schnell wurde Christopher zu einem regelrechten PC-Profi, die Eltern konnten da nicht mithalten. Und so verbrachte er immer mehr Zeit allein vor dem Bildschirm, am Ende bis zu 15 Stunden am Tag.

Essen und Schlafen wurden dem PC untergeordnet. Freunde traf er schon lange nicht mehr und sogar zur Schule ging Christopher wochenlang nicht. "Meine Eltern arbeiten beide den ganzen Tag und haben nichts mitgekriegt." Dann vor einigen Wochen kam der Brief von der Schulleitung und damit der große Knall. Christophers Mutter wusste sich nicht mehr zu helfen und warf den Computer aus dem Fenster.

Nun ist Christopher im Wichernhaus und lernt vier Wochen lang, wie man seine Tage anders gestalten kann. Statt heruntergeladene Zeichentrickserien zu gucken, hilft er den Jüngeren beim Malen und Basteln. Statt Videospielen zockt er "Runde" an der Tischtennisplatte oder geht mit anderen aus der Gruppe an den Strand; statt sich vor dem Bildschirm eine Tüte Chips und Cola reinzudrücken, lernt er selber zu kochen und sich ausgewogen zu ernähren.

Eine pragmatische Revolution

Entwickelt wurde das Therapieprogramm von der Psychologin Simone Trautsch. Sie sitzt in einem der Korbstühle in ihrem Gesprächsraum. Mit ihrem rosaroten Jäckchen und ihrer perfekt sitzenden Frisur sieht sie gar nicht aus wie eine Revolutionärin. Ist sie aber. Wo Professoren Jahre an der Entwicklung und Forschung einer streng wissenschaftlichen Therapiemethode herumdoktern würden, entwickelte sie in wenigen Monaten ein schlüssiges Therapieprogramm für medienabhängige Kids.

Sie ist Pragmatikerin, durch und durch. "Ich war ein bisschen blauäugig und habe einfach mal im Internet nachgeschaut, was an Ideen da ist." Aber da war nichts, nirgendwo. Denn vor zwei Jahren gab es auf der ganzen Welt kein auf dieses Problem zugeschnittenes Therapiekonzept. Deswegen ist das Wichernhaus heute auch eine Sensation, über die Medien auf der ganzen Welt berichteten. Zur Therapie gehören neben den Sport und Ernährungslehre auch Projekte wie die Theater-AG. "Das Kernstück der Therapie ist es, die Kinder und Jugendlichen wieder zu den Angeboten des realen Lebens zurückzuführen", erklärt Frau Trautsch, "in der Theater-AG zum Beispiel geht es darum, sie selbstständig ihre Interessen und ihren Platz in einer Gruppe entdecken zu lassen. Bin ich eher der Regisseur, der Schauspieler oder macht es mir am meisten Spaß, im Hintergrund zu arbeiten und Kostüme und Bühnenbild zu gestalten?"

Außerdem haben viele der kleinen Patienten durch das ständige Starren auf den Schirm das Gefühl für ihren Körper verloren. Im Wichernhaus sollen sie es zurückgewinnen. Zum Beispiel durch das Wassertreten am Morgen oder einem Fühlpfad hinter dem Haus, bei dem man barfuß und mit verbundenen Augen über Steine, Sand und Gras stolpern kann. Dort gibt es auch einen Therapiegarten, den die Kinder selbst gestalten können.

Nicht mal Videospiele sind ganz verboten

Allerdings wirken die Beete zurzeit etwas verwaist. Wahrscheinlich, weil Christopher und die anderen in ihrer spärlichen Freizeit lieber das Dorf und besonders den Supermarkt um die Ecke unsicher machen. Sogar ein Computer zur gemeinsamen Nutzung ist Teil der Therapie. Und nicht mal Videospiele sind ganz verboten. Wer einen Gameboy mitgebracht hat, darf eine halbe Stunde am Tag damit spielen. Frau Trautsch erklärt: "Ich habe für die Therapie Erfahrungen aus meiner langjährigen Arbeit mit essgestörten Kindern verwertet, weil das eine verwandte Problematik ist. Man kann in beiden Bereichen nicht mit Abstinenz arbeiten. Denn wie das Essen gehört die Nutzung von Medien zu unserem beruflichen und privaten Alltag dazu."

Vielmehr geht es darum, den Computer-Kids einen gesunden Umgang mit dem PC zu vermitteln. "Ein Maß zu finden, mit dem sich der Jugendliche gut fühlt", sagt Frau Trautsch. Denn die meisten Kinder leiden auch extrem unter dem übermäßigen Computerkonsum. Das beginnt bei körperlichen Beschwerden wie Kopfschmerzen, Haltungsschäden, Konzentrationsschwäche, Fettleibigkeit und manchmal auch Unterernährung, wenn die Spieler vor dem Computer schlichtweg das Essen vergessen. Weitere Nebenwirkungen: Konzentrationsschwächen, gestörter Schlaf-Wach-Rhythmus und Albträume. Irgendwann kommen dann schulische und familiäre Probleme hinzu, wenn die Leistungen im Unterricht abfallen oder der Jugendliche, wie im Fall von Christopher, einfach gar nicht mehr zur Schule geht.

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