Conficker-Countdown Alles nur April, April?

Der Conficker-Wurm ist enorm verbreitet, hat die IT-Security-Szene in Aufruhr versetzt, neue Branchen-Allianzen initiiert und gilt als potentiell enorm gefährlich. Auf seine Schöpfer sind Kopfgelder ausgesetzt und - am 1. April wird er aktiv. Oder sollte das nur ein Scherz sein?

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Drei Generationen in sechs Monaten, in der Welt der PC-Würmer und Viren ist das nicht viel. Seit seinem ersten Auftreten im Oktober 2008 haben die unbekannten Programmierer des Conficker- oder auch Downadup-Wurms diesen nur zweimal grundlegend überarbeitet. Zu viel mehr hatten sie kaum einen Grund: Der Schädling verbreitet sich weiterhin ungewöhnlich erfolgreich.

Computerviren: Das Dauerproblem PC-Virus schien lange unter Kontrolle - bis Conficker kam
Corbis

Computerviren: Das Dauerproblem PC-Virus schien lange unter Kontrolle - bis Conficker kam

Das IT-Security-Unternehmen BitDefender sah ihn - alle seine Varianten zusammengenommen - im März an Platz 3 der erfolgreichsten Viren und Würmer. Über vier Prozent aller gefundenen Schadprogramm-Infektionen gehen angeblich auf Conficker zurück. Das ist eine Menge.

Auf der anderen Seite scheint Conficker bisher wenig Erfolg gehabt zu haben: Zwar vermehrt und verbreitet er sich mit kaninchenhafter Geschwindigkeit, ansonsten ist er aber ein ganz kuscheliger Wurm. So richtig Beißen scheint er bisher nicht zu können, was all das mediale "Warnung!"-Geschrei ad absurdum zu führen scheint. Seit Jahresbeginn verbreiten wir Medien mit jeder neuen, kraftvollen Variante die Warnung der Sicherheitsfirmen vor der potentiell heftigsten Schadprogramm-Attacke aller Zeiten. Wenn das so weitergeht, hört bald niemand mehr hin.

Selbst die Security-Firmen trauen sich nicht mehr so richtig. Sie sind sich einig, dass Conficker C, die neueste Generation des Wurms, erheblich mehr Schadpotential hat als seine Vorgänger. Die vergangenen Updates zielten unter anderem darauf ab, das Netzwerk aus gekaperten Rechnern zu stabilisieren.

Man weiß: Er wird aktiv. Wie genau, weiß keiner

Die Experten wissen auch, dass Conficker C darauf programmiert ist, am 1. April 2009 aktiv zu werden. Seine Programmierung sieht vor, dass er dann wieder einmal seine Fühler ins Netz ausstreckt und neue Befehle erhält, neue Schadprogramme nachlädt. Das, sagt Graham Cluley, Sprecher der IT-Sicherheitsfirma Sophos und inzwischen auffällig zurückhaltend, könne bedeuten, dass etwas passiert. Vielleicht aber auch nicht.

Schad- und Spähsoftware
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Trojaner
Wie das Trojanische Pferd in der griechischen Mythologie verbergen Computer-Trojaner ihre eigentliche Aufgabe (und Schädlichkeit!) hinter einer Verkleidung. Meist treten sie als harmlose Software auf: Bildschirmschoner, Videodatei, Zugangsprogramm. Sie werden zum Beispiel als E-Mail-Anhang verbreitet. Wer das Programm startet, setzt damit immer eine verborgene Schadfunktion ein: Meist besteht diese aus der Öffnung einer sogenannten Backdoor , einer Hintertür, die das Computersystem gegenüber dem Internet öffnet und durch die weitere Schadprogramme nachgeladen werden.
Virus
Computerviren befallen vorhandene Dateien auf den Computern ihrer Opfer. Die Wirtsdateien funktionieren – zumindest eine Zeit lang - weiterhin wie zuvor. Denn Viren sollen nicht entdeckt werden. Sie verbreiten sich nicht selbständig, sondern sind darauf angewiesen, dass Computernutzer infizierte Dateien weitergeben, sie per E-Mail verschicken, auf USB-Sticks kopieren oder in Tauschbörsen einstellen. Von den anderen Schad- und Spähprogrammen unterscheidet sich ein Virus allein durch die Verbreitungsmethode. Welche Schäden er anrichtet, hängt allein vom Willen seiner Schöpfer ab.
Rootkit
Das kleine Kompositum führt die Worte "Wurzel" und "Bausatz" zusammen: "Root" ist bei Unix-Systemen der Benutzer mit den Administratorenrechten, der auch in die Tiefen des Systems eingreifen darf. Ein "Kit" ist eine Zusammenstellung von Werkzeugen. Ein Rootkit ist folglich ein Satz von Programmen, die mit vollem Zugriff auf das System eines Computers ausgestattet sind. Das ermöglicht dem Rootkit weitgehende Manipulationen, ohne dass diese beispielsweise von Virenscannern noch wahrgenommen werden können. Entweder das Rootkit enthält Software, die beispielsweise Sicherheitsscanner deaktiviert, oder es baut eine sogenannte Shell auf, die als eine Art Mini-Betriebssystem im Betriebssystem alle verdächtigen Vorgänge vor dem Rechner verbirgt. Das Gros der im Umlauf befindlichen Rootkits wird genutzt, um Trojaner , Viren und andere zusätzliche Schadsoftware über das Internet nachzuladen. Rootkits gehören zu den am schwersten aufspürbaren Kompromittierungen eines Rechners.
Wurm
Computerwürmer sind in der Praxis die getunte, tiefergelegte Variante der Viren und Trojaner. Im strengen Sinn wird mit dem Begriff nur ein Programm beschrieben, das für seine eigene Verbreitung sorgt - und der Programme, die es transportiert. Würmer enthalten als Kern ein Schadprogramm , das beispielsweise durch Initiierung eines eigenen E-Mail-Programms für die Weiterverbreitung von einem befallenen Rechner aus sorgt. Ihr Hauptverbreitungsweg sind folglich die kommunikativen Wege des Webs: E-Mails, Chats, AIMs , P2P-Börsen und andere. In der Praxis werden sie oft als Vehikel für die Verbreitung verschiedener anderer Schadprogramme genutzt.
Drive-by
Unter einem Drive-by versteht man die Beeinflussung eines Rechners oder sogar die Infizierung des PC durch den bloßen Besuch einer verseuchten Web-Seite. Die Methode liegt seit einigen Jahren sehr im Trend: Unter Ausnutzung aktueller Sicherheitslücken in Browsern und unter Einsatz von Scripten nimmt ein auf einer Web-Seite hinterlegter Schadcode Einfluss auf einen Rechner. So werden zum Beispiel Viren verbreitet, Schnüffelprogramme installiert, Browseranfragen zu Web-Seiten umgelenkt, die dafür bezahlen und anderes. Drive-bys sind besonders perfide, weil sie vom PC-Nutzer keine Aktivität (wie das Öffnen einer E-Mail) verlangen, sondern nur Unvorsichtigkeit. Opfer sind zumeist Nutzer, die ihre Software nicht durch regelmäßige Updates aktuell halten - also potenziell so gut wie jeder.
Botnetz
Botnets sind Netzwerke gekidnappter Rechner - den Bots. Mit Hilfe von Trojaner-Programmen, die sie beispielsweise durch manipulierte Web-Seiten oder fingierte E-Mails auf die Rechner einschleusen, erlangen die Botnet-Betreiber Zugriff auf die fremden PC und können sie via Web steuern. Solche Botnets zu vermieten, kann ein einträgliches Geschäft sein. Die Zombiearmeen werden unter anderem genutzt, um millionenfache Spam-Mails zu versenden, durch eine Vielzahl gleichzeitiger Anfragen Web-Seiten in die Knie zu zwingen oder in großem Stile Passwörter abzugrasen. (mehr bei SPIEGEL ONLINE)
Fakeware, Ransomware
Das Wort setzt sich aus "Fake", also "Fälschung", und "Ware", der Kurzform für Software zusammen: Es geht also um "falsche Software" . Gemeint sind Programme, die vorgeben, eine bestimmte Leistung zu erbringen, in Wahrheit aber etwas ganz anderes tun. Häufigste Form: angebliche IT-Sicherheitsprogramme oder Virenscanner. In ihrer harmlosesten Variante sind sie nutzlos, aber nervig: Sie warnen ständig vor irgendwelchen nicht existenten Viren und versuchen, den PC-Nutzer zu einem Kauf zu bewegen. Als Adware-Programme belästigen sie den Nutzer mit Werbung.

Die perfideste Form aber ist Ransomware : Sie kidnappt den Rechner regelrecht, macht ihn zur Geisel. Sie behindert oder verhindert das normale Arbeiten, lädt Viren aus dem Netz und stellt Forderungen auf eine "Reinigungsgebühr" oder Freigabegebühr, die nichts anderes ist als ein Lösegeld: Erst, wenn man zahlt, kann man mit dem Rechner wieder arbeiten. War 2006/2007 häufig, ist seitdem aber zurückgegangen.
Zero-Day-Exploits
Ein Zero-Day-Exploit nutzt eine Software-Sicherheitslücke bereits an dem Tag aus, an dem das Risiko überhaupt bemerkt wird. Normalerweise liefern sich Hersteller von Schutzsoftware und die Autoren von Schadprogrammen ein Kopf-an-Kopf-Rennen beim Stopfen, Abdichten und Ausnutzen bekanntgewordener Lücken.
Risiko Nummer eins: Nutzer
Das größte Sicherheitsrisiko in der Welt der Computer sitzt vor dem Rechner. Nicht nur mangelnde Disziplin bei nötigen Software-Updates machen den Nutzer gefährlich: Er hat auch eine große Vorliebe für kostenlose Musik aus obskuren Quellen, lustige Datei-Anhänge in E-Mails und eine große Kommunikationsfreude im ach so informellen Plauderraum des Webs. Die meisten Schäden in der IT dürften von Nutzer-Fingern auf Maustasten verursacht werden.
DDoS-Attacken
Sogenannte distribuierte Denial-of-Service-Attacken (DDoS) sind Angriffe, bei denen einzelne Server oder Netzwerke mit einer Flut von Anfragen anderer Rechner so lange überlastet werden, bis sie nicht mehr erreichbar sind. Üblicherweise werden für solche verteilten Attacken heutzutage sogenannte Botnetze verwendet, zusammengeschaltete Rechner, oft Tausende oder gar Zehntausende, die von einem Hacker oder einer Organisation ferngesteuert werden.

Denn ob und was der Wurm unternimmt, wird man erst wissen, wenn er versucht, mit dem Download seiner neuen Befehle und Funktionen zu beginnen. Das Ganze ist ein Katz-und-Maus-Spiel. Wir PC-Nutzer werden Zeuge einer Pokerpartie von Virenschreibern und Virenbekämpfern, mit allem, was dazu gehört - Bluffs inklusive. Noch immer ist noch nicht einmal klar, was die Virenautoren überhaupt wollen.

Abgesehen davon, dass sich ihr Wurm massenhaft verbreiten soll, und das vorzugsweise innerhalb von Netzwerken. Das ist der Grund, warum es Anfang des Jahres so spektakulär Regierungsbehörden erwischte, dazu ausgerechnet das Militär: Bundeswehr, französische und britische Streitkräfte brauchten teils Wochen, Conficker wieder loszuwerden. Das klingt unheilschwangerer, als es ist: Es ist unwahrscheinlich, dass dies gezielte Attacken waren.

"Betroffen von dem Wurm sind viele", meint dazu Dirk Kollberg von der IT-Sicherheitsfirma McAfee. "Behörden ebenso wie Unternehmen oder Privatleute. Generell denke ich, dass es keinen guten Eindruck macht, wenn eine Firma ein internes Sicherheitsproblem bekannt macht. Behörden unterliegen vielleicht nicht diesem Druck und können so offener darüber sprechen."

So zählt auch Kollbergs Kollege Christoph Hardy von der britischen Firma Sophos die "Verluste durch Imageschäden" mit in die bisherige Schadensbilanz von Conficker. Hardy: "Conficker zerstört keine Hardware. Er ist eine Malware der neuen Generation, die es ermöglicht, infizierte PC zu übernehmen und diese zum Beispiel zu Botnetz-Zwecken fernzusteuern. Daher sind finanzielle Schäden schwer zu beziffern."

Ein Pokerspiel, bei dem der Nutzer als Verlierer feststeht

Die, sagt Hardy, entstünden zurzeit vor allem dadurch, dass der Wurm in befallenen Netzwerken Mail-Gateways belaste, freigegebene Ordner auf Computern infiziere und herkömmliche Virenscanner umgehe, die auf einen reinen Update-Mechanismus zur Aktualisierung setzten. "Die größten Schäden" sekundiert Kollberg, "dürfte der Wurm bei der Bereinigung verursachen."

Bis jetzt. Denn dass Conficker geeignet und wohl auch dafür gedacht ist, ein Botnet aufzubauen, gilt als ausgemachte Sache. Eric Chien von der IT-Sicherheitsfirma Symantec glaubt, dass man aus einer der bisherigen Adressen, über die Conficker versucht hat, Schad-Code nachzuladen, Rückschlüsse über die Absichten der Virenprogrammierer ziehen könnte: Die Betreiber der betreffenden Seite seien "schwer involviert gewesen" in den Vertrieb von Adware und Fake-Virenschutzprogrammen, auch als Fakeware oder Erpressungs-Software bekannt.

Solche Programme täuschen einen Virenbefall vor, blockieren oder behindern Funktionen des Rechners und verlangen die Überweisung eines Preises für ein Reinigungsprogramm, um den Rechner wieder frei zu bekommen. Das ist nichts anderes als Schutzgelderpressung in bester Mafia-Tradition und inzwischen Alltag im Netz.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 13 Beiträge
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Pascal32 27.03.2009
1. Schon merkwürdig...
Ich sehe da eine 50/50-Chance, dass das nur ein dummer Scherz ist. Denn dass der Wurm ausgerechnet am 1. April tätig wird, ist schon reichlich verdächtig. Auf der anderen Seite: Wenn sich der oder die Programmierer solche Aufwände betreiben den Wurm bis in die dritte Generation zu entwickeln und eine beträchtliche Sättigung auf der Welt (und sogar in Militärische und Behördliche Netze) erreichen, dann glaube ich nicht, dass sich die Verantwortlichen diese Chance entgehen lassen werden. (Es währe vergleichbar, wenn ich bei einem 6er im Lotto rufen würde "Ha! Ha! Reingefallen! Ich brauch' das Geld nicht!") Egal wie das ausgeht - ich blicke da optimistisch in die Zukunft - hoffe ich, dass dadurch eben Firmen/Behörden klar wird, wie wichtig korrekte IT-Sicherheit bedeutet. Und besonders, dass die größte Sicherheitslücke nicht virtueller, sondern menschlicher Natur ist: Der Nutzer!
dawi 27.03.2009
2. grummel
Ohne jetzt hier große Flamewars anzetteln zu wollen, die in anderen Teilen dieses Forums schon genügend abgedeckt wurden, möchte ich betonen: Das sind nicht Computer-Viren, sondern Windows-Viren. Dies ärgert mich etwas an der Berichterstattung. Grüße und schönes Wochenende DaWi
federbirn 27.03.2009
3. Warum wird hier immer vom 'PC' gesprochen wenn...
Warum wird hier immer vom 'PC' gesprochen wenn doch nur Produkte von Microsoft betroffen sind?
avollmer 27.03.2009
4. Strategie? Absichtliches Abwarten?
Warum ist inzwischen kein Reengineering des Wurms erfolgt und an den Update-Adressen nach Umlenkung ein Self-Destruct-Update bereitgelegt? Eigentlich wäre dies Aufgabe der staatlichen Stellen zum Schutz der Allgemeinheit hier entsprechende Kapazität in den Cyber-War zu investieren. Der Cyber-Terrorismus ist gefährlicher als Al Quaida und Nordkoreas Atombomben zusammen.
Tertinator, 27.03.2009
5. Skynet
Das Ding ist hundertprozentig das gute alte Skynet ! Wurden wir nicht schon 1984 vorgewarnt? ;)
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