Cookie-Richtlinie Wie die EU Internet-Nutzer nerven will

Die EU-Ratspräsidentschaft versucht, ein Zustimmungsverfahren zu Cookies einzuführen. Das klingt zunächst nach einer langweiligen Marginalie. Bis man begreift, dass Sie mehrere Einverständniserklärungen hätten unterzeichnen müssen, um auch nur diese Zeilen zu lesen.

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Über Cookies kann man geteilter Meinung sein. Die kleinen Textdateien machen Notizen über Ihr Surfverhalten, über Ihre auf bestimmten Web-Seiten gewählten Einstellungen und Präferenzen und darüber, welchen Funktionalitäten einer Seite Sie zugestimmt und welche Sie abgelehnt haben.

Betreiber von Web-Seiten nutzen Cookies, um Ihnen zum Beispiel ein bequemes Einkaufen zu ermöglichen. Sie sorgen dafür, dass Sie beim Einloggen in Ihren Instant Messenger nicht jedesmal Nutzernamen und Passwort eingeben müssen. Wir bei SPIEGEL ONLINE setzen sie unter anderem ein, um - anonymisiert - zu registrieren, wie viele Menschen welche Werbung zu sehen bekamen.

Für Nutzer sind Cookies wichtig, weil sie viele Dinge bequemer machen. Für uns Web-Unternehmen sind sie wichtig, weil die über Cookies erhobenen Daten eine essentielle Grundlage für unsere Refinanzierung darstellen. SPIEGEL ONLINE wäre nicht bezahlbar, wenn es gegenüber Werbekunden nicht ausweisen könnte, wie viele Leser es hat. Wenn Sie so wollen, werde auch ich mit Keksen bezahlt.

So weit, so gut. Aber Cookies sind auch Protokolle über Dinge, die Sie im Netz getan haben. Und natürlich gibt es Unternehmen, die mit solchen Informationen Schindluder treiben.

Ich persönlich habe meinen Browser deshalb so eingestellt, dass er sie bei jedem Schließen des Programms komplett löscht. Jeder Browser ermöglicht auch, nur sogenannte Session Cookies anzunehmen - Cookies, die nach Beendigung einer Internet-Nutzung wieder verschwinden. Sehr viele Nutzer machen das so und jeder kann es: Es dauert nur ein paar Sekunden, das entsprechend einzustellen (siehe Bildergalerie).

Sind Sie einverstanden? Wirklich? Ganz sicher? Hm?

Der EU ist das nicht genug. Sie berät zurzeit über eine Neufassung des Artikels 5 der Richtlinie zur Privatsphäre und Elektronischen Kommunikation (kurz "ePrivacy-Richtlinie"), die Gutes will und Brachiales verursachen könnte. Der seit Freitag vorliegende, nicht öffentliche Textvorschlag der EU-Ratspräsidentschaft läuft informierten Kreisen zufolge angeblich darauf hinaus, den Einsatz von Cookies an ein Opt-in-Verfahren zu koppeln. Das heißt, dass jedesmal, wenn Ihrem Browser ein Cookie gesetzt werden soll, Sie ein Pop-up-Fenster oder eine "Vertragsseite" präsentiert bekämen, und Sie zuerst Ihr ausdrückliches Einverständnis erklären müssten. Nach Meinung der Befürworter dient diese Cookie-Ergänzung der Datensicherheit der Nutzer.

Denn Cookies, das haben die EU-Parlamentarier durch die Diskussionen um Google, vor allem aber um den britischen Datenkraken Phorm gelernt, können dazu dienen, das Konsumverhalten von EU-Bürgern auszuspionieren. Es gäbe wohl wichtigere Datenschutzthemen, die eine Hinterfragung lohnen würden - von Ursula von der Leyens abstrusen Internet-Sperr-Plänen über Wolfgang Schäubles Überwachungsphantasien bis hin zur Bürgerdaten-Tombola im internationalen Sicherheitsbehörden-Club und zur leidigen Vorratsdatenspeicherung. Sei's drum: Die EU-Parlamentarier finden es okay, wenn unsere Vorstrafen zwecks Terrorrabwehr an US-Behörden vermailt werden und unsere ganze Kommunikation auf Monate dokumentiert wird. Hauptsache, niemand bekommt ohne ausdrückliches Einverständnis einen Cookie.

Die klammheimlichen Verordnungspläne gehen zahlreichen Medien-, Werber- und Händlerverbänden dagegen ganz schön auf den Keks.

Bürger, duck' Dich: Man hält Dich für nicht mündig

Kein Wunder, denn in der Praxis würde die Ergänzung zur ePrivacy-Richtlinie bedeuten, dass Sie auf jeder besuchten Web-Seite mit ganzen Kaskaden von Pop-up-Verträgen belästigt würden.

Jedesmal, wenn Sie einen Artikel aufriefen, eine Seite weiterblätterten, der Ad-Server, der die Werbung einspielt, eine Anzeige wechselte; wenn Sie sich bei Amazon einen Artikel ansähen, wenn Sie versuchen würden, die Artikel-Merkfunktion bei Ebay zu nutzen; wenn Sie Benutzereinstellungen in Ihrem Facebook-, MySpace- oder StudiVZ-Account vornähmen; wenn Sie sich in Ihr E-Mail-Konto einloggten, bei jedem Schritt in Ihrem Online-Banking würde Ihnen ein Pop-up serviert, in dem Sie erst einmal bestätigen müssten, dass Sie wirklich wollen, was Sie da gerade tun und damit einverstanden sind, dass Ihnen auch ermöglicht wird, was Sie wollen: umzublättern, Artikel aufzurufen, einzukaufen, Post zu lesen, Social Networks zu nutzen. Herr, wirf Hirn vom Himmel!

Europa, die Nervzone des Webs?

Man muss sich das einmal vorstellen. Mit der bequemen Nutzung des Webs wäre es vorbei, sobald man sich auf Web-Seiten bewegt, die in der Europäischen Union hinterlegt sind - denn natürlich würde all das für außereuropäische Seiten nicht gelten. SPIEGEL ONLINE unterschiede sich vom "Sydney Morning Herald online" nicht nur in Sprache, Design und geografischem Fokus, sondern auch dadurch, dass es seine Nutzer gesetzlich verordnet dauernerven müsste - denn EU-Direktiven sind nach dem Subsidiaritätsprinzip in Landesgesetze umzusetzen.

Dabei kommt viel Sinnvolles heraus, leider zu oft aber auch geballter Schwachsinn. Das Problem dabei: Oft erfahren wir zu spät davon, weil EU-Themen in der Öffentlichkeit selten diskutiert werden. Vieles, was dort in der Mache ist, erscheint als bürokratisch und sehr weit weg - bis es uns in Form gültiger Gesetze serviert wird mit dem Argument, EU-Richtlinien müssten halt umgesetzt werden.

Im Fall Cookies steht zu befürchten, dass viele der Leute, die möglicherweise schon am 5. Mai darüber abzustimmen haben, nicht den geringsten Schimmer haben, worüber sie da eigentlich abstimmen. Es einfach nicht begreifen, sich nicht vorstellen können. Das Thema nicht erfassen, weil sie es nicht kennen. Das Internet nicht nutzen, sondern nutzen lassen, aber durchaus darüber entscheiden. In informierten Kreisen nennt man solche einflussreichen Menschen auch "Internet-Ausdrucker". Man kann nur hoffen, dass von denen wenige beteiligt sind; dass auch unsere deutschen Abgeordneten die Wichtigkeit des vermeintlich technischen Themas begreifen.

Denn man kann leider nicht davon ausgehen, dass das Thema vor der Abstimmung wirklich vertieft, erklärt und beredet würde. Es ist eine kleine, scheinbar marginale Änderung von vielen in einer Richtlinie, die nur einige wenige wirklich lesen werden. Erheblich größer wird die Zahl der Betroffenen ausfallen: Aktuellen Schätzungen zufolge gibt es davon allein in Deutschland rund 55 Millionen. Gemeint sind alle Internet-Nutzer, vor allem aber die, die dort versuchen, ihr Geld zu verdienen.

Verordneter Wettbewerbsnachteil

Ingo Notthoff, Sprecher des Bundesverbands Digitale Wirtschaft BVDW, entdeckt in den wohlmeinenden Plänen einen "Rückschlag für Internet-Nutzer und die Online-Wirtschaft". Er ist damit nicht allein: Wenn eine EU-Richtlinie die Nutzung europäischer Web-Seiten verkomplizieren würde, liefe das auf eine verordnete Wettbewerbsverzerrung hinaus. "Die Einführung eines Opt-in-Systems würde die Nutzung des Internets für den einzelnen Nutzer durch zahlreiche Zustimmungserfordernisse verlangsamen und den Zugang zu Online-Services und -Inhalten verkomplizieren", heißt es auch in einem Brief der Verlegerverbände an die deutschen Europa-Abgeordneten. "Eine einfache und verbraucherfreundliche Nutzung von Web-Seiten wäre dann nicht mehr möglich."

Es ist sogar noch schlimmer: Die Regelung ist schlicht kontraproduktiv. Sie schützt die Daten der Nutzer nicht, sondern nervt sie nur unnötig. Wenn ich mit meiner Browsereinstellung, die alle Cookies und Verlaufsdaten nach jeder Sitzung löscht, solch eine EU-kompatible Seite besuche, werde ich jedes Mal aufs Neue mit diversen "Sind Sie einverstanden, dass ..."-Fenstern genervt. Mein Kollege, der auf Datenschutz pfeift und alle Cookies und Verlaufsdaten bis zum Jüngsten Gericht speichert, wird damit nur ein einziges Mal konfrontiert: Sein einmal gegebenes Einverständnis bleibt archiviert.

Was bitte schön soll an dieser Regelung im Sinne des Verbrauchers sein? Wie soll ihn das schützen? Wer sich selbst schützt, indem er Cookies killt, statt sich damit EU-konform einverstanden zu erklären, wird mit endlosen Pop-up-Kaskaden bestraft. Wer seinen Datenschutz vernachlässigt, wird auch mit den EU-Cookie-Pop-ups nicht behelligt.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 187 Beiträge
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Seite 1
Fackus 01.05.2009
1. grundsätzlich richtig
Der Autor hat im Grundsatz recht - v.a. in 2 Punkten: - die Regelung wird in der Praxis kontraproduktiv sein und letzlich diejenigen mit Nervereien bestrafen, die die Kekse immer brav löschen - es ist eine Marginale gegenüber den schleichend durchgesetzten wirklichen Netzschweinereien à la Scheuble und Frau von den Laien. Was aber bleibt: ich sehe keinen Sinn von Cookies für den Nutzer sondern höchstens für die kommerzielle Internet-Szene - und da ist jegliche Bremse angesagt und zu unterstützen. Für die beschriebenen Nutzer-Vorteile gäbe es auch andere Methoden als Cookies. Mit der Cookie-Technik hat sich über die Jahre schleichend eine Technik etabliert, die immer mehr um sich greift: der versteckte Zugriff auf jeden einzelnen Rechner. Dies weitgehend zu unterbinden wäre schon eine Aufgabe für europaweites Vorgehen - auch wenns der Industrie nicht passt.
amw52, 01.05.2009
2. EU ade
Zitat von sysopDie EU-Ratspräsidentschaft versucht, ein Zustimmungsverfahren zu Cookies einzuführen. Das klingt zunächst nach einer langweiligen Marginalie. Bis man begreift, dass Sie mehrere Einverständniserklärungen hätten unterzeichnen müssen, um auch nur diese Zeilen zu lesen. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,622121,00.html
"Mit der bequemen Nutzung des Webs wäre es vorbei, sobald man sich auf Webseiten bewegt, die in der Europäischen Union hinterlegt sind." Da werden sich entsprechende Provider außerhalb der Europäischen Union aber über einen schönen Kundenansturm freuen können.
siedasm0n, 01.05.2009
3. Cookie-Richtlinie: Wie die EU Internet-Nutzer nerven will
Was sie da schreiben ist Quatsch. Ich nutze mehrere Cookieblocker und es herrschen keinerlei Probleme mit Websites. Sollte tatsächlich Mal eine Website (der ich vertraue!) ein Cookie benötigen, dann lasse ich das gerne manuell zu. Aber das Google oder etliche andere Seiten ein Cookie setzen wollen, will ich nicht und daher lasse ich das nicht zu. Dabei geht mir kein Komfort verloren. Firefox hat diese Funktion bereits eingebaut und sie leistet gute Dienste. Also warum keine EU-Richtlinie? Vielleicht merken die Leute dann mal, was so alles im Hintergrund passiert, worauf sie aus Unwissen keinen Zugriff haben.
kein Ideologe 01.05.2009
4. kein Titel
Zitat von sysopDie EU-Ratspräsidentschaft versucht, ein Zustimmungsverfahren zu Cookies einzuführen. Das klingt zunächst nach einer langweiligen Marginalie. Bis man begreift, dass Sie mehrere Einverständniserklärungen hätten unterzeichnen müssen, um auch nur diese Zeilen zu lesen. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,622121,00.html
Danke für diesen sehr leidenschaftlichen Artikel. Wie wäre es, wenn man an jedem Verkehrszeichen an dem man vorbeifährt, anhalten und die Kenntisnahme schriftlich bestätigem muß. Diese Ja-click Orgien-führen nur dazu, daß Nutzer auch irgendwelche problematischen Dinge ungelesen akiv bestätigen. Das entsprechende kriminelle Fachpublikum reibt sich sicher schon die Hände.
avollmer 01.05.2009
5. Cui bono?
Eigentlich gibt der Artikel die Antwort auf den Sinn der Massnahme, aber eben nur indirekt. Es geht genau darum, dass die Nutzer nicht mehr nach jeder Session durch den Privacyfilter alle Cookies in die Tonne werfen. Der Nutzer soll genötigt werden sich gegenüber den Big Playern im Internet dauerhaft zu öffnen. Erste Reaktion wird die Einrichtung zentraler Cookieserver für ganze Websiteverbünde sein, über diese werden alle Links umgeleitet und nach Paybackmuster ein zentrales Profil erstellt werden. Hat der Nutzer einmal zugestimmt wird er immer darüber umgeleitet. Sinnvoll wäre die Richtlinie nur wenn sie stattdessen vorgeschrieben hätte, dass jeder Websiteanbieter, der Cookies verwendet, nach jeder Neueintragung dem Nutzer eine EMail mit dem Status aller Informationen zusenden bzw in einem Pop-Up anzeigen muss, die an das Cookie gekoppelt sind. Das wäre Transparenz gewesen. Dann hätte der Hermann Mustermann sehen können, dass dieses Cookie Auskunft über sein Shopping von Sextoys und Vitaminpulver gibt und gleichzeitig über seine Newsletter- und RSS-Abos und über seine Fernreisebuchungen. So hätte ein kritischer und bewusster Umgang mit Cookies gefördert werden können.
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