Copyright-Verletzungen Musikfirma verklagt MySpace

MySpace, behauptet das Musikunternehmen Universal, sei ein "williger Partner" seiner Nutzer bei der fortgesetzten Verletzung von Urheberrechten - und reichte Klage in nicht definierter Gesamthöhe ein. Um Peanuts geht es dabei nicht: Universal will bis zu 150.000 Dollar pro Song.

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In der Welt des Internet spielt MySpace spätestens seit diesem Sommer nur noch die zweite Geige hinter YouTube, doch was Musik angeht, hat die Social-Networking-Seite klar die Nase vorn: Mehr als 106 Millionen Nutzerseiten zählt der Dienst, der im Juli 2005 von Rupert Murdochs News Corp für stolze 580 Millionen Dollar aufgekauft wurde. Kaum eine nennenswerte Gruppe in der Welt, die nicht auch eine MySpace-Seite unterhielte, doch das ist längst nicht alles: Es gibt überhaupt kaum eine MySpace-Seite, auf der nicht Musik oder Videos gespielt oder zum Download angeboten würden.

Verhandlung mit Peitsche

MySpace: Zugleich größte Promotion-Plattform der Musikindustrie und einer ihrer größten Kannibalen

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Den Vertretern der Musikindustrie ist das ein Dorn im Auge, weil man getrost davon ausgehen kann, dass ein großer Teil dieser Musikalia schlicht Diebesgut ist. Dabei sind auch die Plattenfirmen nicht prinzipiell gegen MySpace, im Gegenteil: Die Plattform gilt längst als größte Werbe- und Promotionplattform der Musikbranche. Nur mitverdienen wollen die Firmen - und keine Verluste durch das erleiden, was sie als Piraterie bezeichnen.

Wie groß dieser Anteil von im Internet weggefundener, illegal kopierter, gesampleter oder schlicht plagiierter Musikstücke bei MySpace tatsächlich ist, dürfte bald vor Gericht für Streit sorgen. Das Musikunternehmen Universal Music Group reichte am Freitag in Los Angeles Klage in nicht spezifizierter Gesamthöhe gegen MySpace ein. Für die pro Song angesetzte Schadenssumme von 150.000 Dollar könnte sich Universal im Extremfall aber wohl das eine oder andere kleine Land kaufen, während News Corp sich vergessen könnte: Im Ernstfall ginge es hier um zig Milliarden.

Soweit zur Drohung, denn natürlich werden solche Summen nicht fließen. MySpace verhandelt seit geraumer Zeit mit den verschiedenen Musikunternehmen und ihren Lobbyorganisationen. Der Firma ist klar, dass sie - unter dem Dach eines finanzkräftigen Medienunternehmens - der ungezügelten Musikverteilung durch ihre Mitglieder einen Riegel vorschieben muss. Dazu gehören zum einen Maßnahmen zur Unterbindung von Copyright-Verstößen, zum anderen Verhandlungen mit den Rechteinhabern über Lizenzen.

Aus Perspektive von Universal dürfte die potenzielle Milliardenklage nicht zuletzt als Motivationshilfe in den laufenden Verhandlungen gemeint sein. In den meisten Fällen enden solche Dinge in den USA mit außergerichtlichen Einigungen, bei denen eine Seite mit einem tiefblauen Auge davon kommt, die andere aber finanziell zufrieden gestellt wird. MySpace versucht seit langem, so ein worst-case-Szenario durch publikumswirksam präsentierte eigene Maßnahmen abzuwenden.

Die Crux: Für die User ist Rechtstreue Zensur

Kurz nach YouTube verkündete MySpace vor wenigen Wochen, dass man künftig auf Filtersoftware setzen wolle, die copyright-geschützte Musik erkennen und löschen könne. Am grundlegenden Problem solcher "digital fingerprinting"- Programme hat sich aber nichts geändert, seit die damals unter Bertelsmann-Kontrolle stehende P2P-Firma Napster vor fünf Jahren scheiterte, weil sie Ähnliches versprach aber nicht halten konnte: Solche Filter sind weit davon entfernt, wirklich zuverlässig zu sein.

MySpace weist all das weit von sich. In einer ersten Reaktion auf die Klage heißt es: "Wir haben die Universal Music Group ständig über unsere branchenweit vorbildlichen Maßnahmen zum Schutz von Urheber- und Verwerterrechten auf dem Laufenden gehalten. Es ist bedauerlich, dass sich Universal zu dieser unnötigen wie haltlosen Klage entschlossen hat. Wir stellen unseren Nutzern Mittel zur Veröffentlichung ihrer eigenen Arbeiten zur Verfügung. Wir fordern nicht zur Verletzung von Copyrights auf, wir ermutigen nicht dazu und wir erklären uns nicht damit einverstanden."

Genau das aber ist der Vorwurf von Universal: MySpace sei ein "williger Partner" seiner Nutzer bei deren fortgesetzten Urheberrechtsverletzungen. Davon versucht sich MySpace durch seine Geschäftsbedingungen freizusprechen, indem der Dienst die Verantwortung für solche Rechtsverstöße an seine Nutzer delegiert - eine verständliche Perspektive, denn wie wollte man 106 Millionen Menschen und deren MySpace-Seiten kontrollieren?

Das aber ist ein Grundproblem aller Web-Dienste, die ihren Nutzern Raum für so genannten user generated contend bieten.

Bis vor circa drei Jahren folgten in den meisten Fällen auch amerikanische Gerichte dieser Argumentation. Inzwischen aber scheint sich beispielsweise in Bezug auf P2P-Dienste das Prinzip der Veranstalterhaftung durchgesetzt zu haben - was die Szene der KaZaAs und Co gerade in Dienste scheidet, die entweder kollabieren oder sich legalisieren.

Für Angebote wie MySpace oder YouTube ist das ein riesiges Problem, das in den nächsten Monaten für einige Unruhe sorgen dürfte. Entweder, sie finden gütliche (und für beide Seiten profitable) Einigungen, oder es wird zur Sache gehen. Dann aber haben MySpace und Co eher schlechte Karten: Schuldsprüche könnten sie ruinieren, eine als Zensur empfundene Beschneidung der Publikationsfreiheit ihrer Nutzer aber kollabieren lassen. Die potenziellen Erben warten nur darauf.



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