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Craigslist-Gründer Newmark: "Martin Luther war ein Blogger"

Sein Kleinanzeigendienst Craigslist kostet die US-Presse viele Millionen Dollar im Jahr. Trotzdem sorgt sich Craig Newmark um den Journalismus und fordert mehr Jobs für Reporter. Außerdem verrät er im SPIEGEL-ONLINE-Interview, wie man mit dem Internet Gutes schaffen kann.

SPIEGEL ONLINE: Ist es ihnen peinlich, Vertreter der US-Tagespresse zu treffen?

Craig Newmark: Nein, das macht mir Spaß! Ich spreche gerne mit Verlegern und Redakteuren. Ich weiß aber, dass einige der Manager, die für Kleinanzeigen zuständig sind, nicht so ganz glücklich über uns sind. Aber denen gefällt im Grunde schon, was wir machen – sie wären bloß froh, wenn sie es selbst gemacht hätten.

SPIEGEL ONLINE: Tageszeitungen in den USA sind durch Craigslist.org deutlich dünner geworden …

Newmark: … die Anzeigenteile sind geschrumpft, das ist richtig. Aber die Online-Ausgaben laufen dafür immer besser.

SPIEGEL ONLINE: Was zeichnet Craigslist aus? Warum sind Sie so erfolgreich mit ihrem Kleinanzeigen-Angebot?

Newmark: Weil es ein Community-Angebot ist, eine einfache Plattform, mit der man alltägliche Bedürfnisse befriedigen kann – einen Arbeitsplatz zu finden zum Beispiel, oder eine Wohnung. Wir sind eine schlichte Kleinanzeigen-Seite, die auf einer Kultur des Vertrauens aufbaut. Das funktioniert sehr gut, bringt Menschen zusammen. Deshalb bin ich selbst auch Kundendienst-Mitarbeiter – kein Manager. Ich beantworte viele E-Mails, direkt nach diesem Interview hier werde ich vermutlich auch noch ein bisschen Kundendienst machen in meinem Hotelzimmer. Ich habe sehr merkwürdige Arbeitszeiten.

SPIEGEL ONLINE: Das Internet als Ganzes scheint sich im Augenblick in eine gigantische Operation zum Sammeln von Nutzerdaten zu verwandeln – wenn man sich erfolgreiche Seiten wie MySpace ansieht. Die Informationen, die Craigslist hervorbringt, wären vermutlich der Traum eines jeden Vermarkters …

Newmark: Wir sammeln ganz bewusst keine Daten – weil sich das nicht richtig anfühlt. Wir entscheiden oft danach, wie sich etwas anfühlt. Wir haben keinen Business-Plan – wir sind Techniker.

SPIEGEL ONLINE: Trotz ihrer Bemühungen ums Vertrauen der Nutzer – verliert das Netz nicht gerade die letzten Reste seiner Unschuld an den Kommerz?

Newmark: Verloren haben wir sie noch nicht. Aber es gibt viel kommerzielles Zeug, und so kann man die Dinge übersehen, die weniger kommerziell sind. Aspekte wie Freiheit und der Schutz der Privatsphäre sind immer noch da – und werden womöglich wieder mehr in den Vordergrund treten, wenn den Menschen klar wird, dass Privatsphäre ein hohes Gut ist.

SPIEGEL ONLINE: Muss man die Menschen stärker dazu erziehen, sich vor den Gefahren aus dem Netz zu schützen?

Newmark: Die meisten Menschen sind vertrauenswürdig und gut. Es gibt Bösewichter da draußen, die Menschen im Netz abzocken wollen. Man muss den Nutzern aber nur Werkzeuge an die Hand geben, mit denen fertig zu werden. Bei uns gibt es einen Mechanismus, den wir flagging nennen: Wenn etwas nicht in Ordnung zu sein scheint, kann man es "flaggen", zur Überwachung markieren. Wenn andere Menschen auch finden, dass da etwas nicht stimmt, wird es automatisch entfernt. Und wir haben gerade die Werkzeuge verbessert, die Zusammenhänge zwischen solchen markierten Einträgen erkennen können. Zum Beispiel, wenn jemand immer wieder iPods oder Plasma-Fernseher anbietet, die gar nicht existieren. Ein anderes Problem sind betrügerische Immobilienmakler …

SPIEGEL ONLINE: … was tun die?

Newmark: In Manattan gibt es seit Jahren Probleme mit Maklern. Sie praktizieren Tricks wie "Ködern und Tauschen" – sie machen Werbung für eine bestimmte Wohnung, zeigen den Interessenten dann aber eine ganz andere. Oder sie sagen, eine Wohnung kostet keine Courtage – und wenn einem die Wohnung dann gefällt und man sie mieten möchte, verlangen sie plötzlich eine Gebühr. Wir arbeiten mit der Regierung von New York zusammen. Die sind jetzt dabei, sich diese Kerle vorzunehmen.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Nutzer beschweren sich, und sie verfolgen dann die Betrüger?

Newmark: Craigslist selbst hat natürlich keine Möglichkeit zur Strafverfolgung. Die Stadt New York aber schon. Wenn etwas Falsches passiert, versuchen wir zuerst, die jeweilige Person mit Argumenten zu überzeugen, dann blockieren wir ihren Zugang zu unserem Angebot – und manchmal muss es eben noch weiter gehen. Wir nehmen dann zum Beispiel Kontakt mit dem Internet-Provider der Betreffenden auf.

SPIEGEL ONLINE: All das geht weit über die Verantwortung hinaus, die etwa eine Zeitung für dort veröffentlichte Anzeigen übernehmen würde. Sie mischen sich in die Transaktionen selbst ein. Craigslist scheint insgesamt auf einem ziemlich idealistischen Ansatz zu basieren …

Newmark: Das ist nicht idealistisch. Der Ansatz beruht einfach darauf, andere so zu behandeln, wie man selbst behandelt werden möchte. Eine unserer Botschaften ist: Die Menschen in Amerika sind immer noch ziemlich vertrauenswürdig – trotz der Handlungen unserer Regierung. Aber als Volk sind wir jetzt dabei, auch diese Probleme zu lösen – auch mit Hilfe des Internets. Die jüngsten Ereignisse im Kongress waren sehr dramatisch, und von dieser Sorte kommt noch mehr.

SPIEGEL ONLINE: Kann das Internet Gutes schaffen und fördern?

Newmark: Das passiert bereits. Die Menschen sind gut. Wenn man ihnen eine Möglichkeit gibt, sich für gute Zwecke zusammenzuschließen, wird das auch geschehen.

SPIEGEL ONLINE: Viele betrachten das Netz eher als eine Gefahrenquelle. Was kann man denn konkret tun, um gerade das Gute damit zu fördern?

Newmark: Man kann die Leute zum Beispiel abstimmen lassen. Man kann ihnen eine Stimme geben, so dass sie ihre Meinung sagen können. Blogging-Technologie zum Beispiel stellt heute jedermann eine Druckerpresse zur Verfügung. Es gibt Leute, die haben gute Meinungen und sind sehr eloquent, und die können oft einen großen Einfluss ausüben. Meines Wissens gab es zum Beispiel in Deutschland einen sehr guten Blogger, so vor 500 oder 600 Jahren, Martin Luther hieß er. Der war sehr einflussreich, mit Hilfe einer früheren Version des Internets.

SPIEGEL ONLINE: Sie meinen Kirchentüren?

Newmark: Ja. Ein paar Jahre später verschaffte John Locke in Großbritannien sich Gehör, indem er bloggte, also seine persönliche Meinung publizierte, und er half so, die "Glorious Revolution" zu schaffen und zu rechtfertigen – die zu einer gleichmäßigeren Verteilung politischer Macht führte. Das Gleiche gilt für Thomas Paine, der sich in Pamphleten für die Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten von England aussprach. Das Internet fördert heute genau solche Entwicklungen. Das ist längst im Gange.

SPIEGEL ONLINE: Werden die US-amerikanischen und die internationalen Medien schwächer, weil sie zu langsam auf die Veränderungen und Herausforderungen durch das Netz reagieren?

Newmark: Es sind eine Menge Gelegenheiten verpasst worden. Wichtig ist jetzt, dass die Redaktionen effektiv ins Netz gebracht werden. Wir brauchen Journalisten, die den Mächtigen die Wahrheit ins Gesicht sagen, vor allem in den USA. Und wir müssen Arbeitsplätze im Journalismus erhalten – gerade jetzt, in dieser Übergangsphase, gehen zu viele verloren. In den USA haben die großen Zeitungsketten in den letzten zehn Jahren viele investigative Reporter gefeuert. Aber gerade die sind für den Journalismus enorm wichtig. Wir brauchen mehr, nicht weniger. Es gibt ja eine große Begeisterung für Bürgerjournalismus im Moment – und das ist durchaus gut, denn gerade Bürgerjournalisten sagen den Mächtigen ungeschminkt die Wahrheit. Aber sie haben auch die Tendenz, zuerst zu publizieren und dann die Fakten zu überprüfen.

Die Fragen stellte Christian Stöcker

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