Song-Wettbewerb: Stoppt "Happy Birthday"!

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Jeder kennt es, jeder singt es: "Happy Birthday to You" ist das wohl bekannteste Lied in englischer Sprache. Daran verdienen die Rechteinhaber prächtig. Im Web wird jetzt nach einem alternativen Ständchen gesucht, das dann jeder kostenlos singen dürfte.

Geburtstagsfeier: In der Öffentlichkeit kann das Ständchen teuer werden Zur Großansicht
Corbis

Geburtstagsfeier: In der Öffentlichkeit kann das Ständchen teuer werden

"Happy birthday to you, happy birthday to you, happy birthday, liebe nuschelnuschel, happy birthday to you." Es dürfte in Deutschland nur wenige Menschen geben, die dieses Lied noch nicht geschmettert hätten - oder zumindest irgendwann einmal verschämt mitgebrummt. Für viele dürften "Häppi" und "Börsday" wegen dieses Liedes sogar die ersten englischen Wörter sein, mit denen sie als Kind Bekanntschaft gemacht haben. Über die Rechte an dem Lied hat sich beim Singen, Summen oder Brummen allerdings wohl kaum jemand Gedanken gemacht.

Wenn es nach dem Free Music Archive (FMA) geht, soll sich das jetzt ändern: Die Organisation sucht im Netz nach einem Ersatz für das berühmte Ständchen - um den hohen Nutzungsgebühren ein Ende zu setzen. Denn an dem regen Gebrauch des Liedes verdient vor allem einer: Warner Music, die das Copyright an Text und Musik hält.

Dabei ist das Lied tatsächlich uralt: Die Melodie erreichte die Öffentlichkeit erstmals im Jahr 1893. Erdacht hatten sie die Kindergärtnerinnen Mildred J. Hill und Patty Smith Hill aus Kentucky. Mit der eingängigen Tonfolge wollten sie die Kinder zum Start in den Tag begrüßen. Der Text lautete damals "Good Morning to All".

Erst später wurde eine zweite Geburtstagsstrophe mit dem bis heute bekannten, recht überschaubaren Text dazugedichtet, der anschließend in viele Sprachen übersetzt wurde. In Deutschland wird bekanntlich hin und wieder auch "Zum Geburtstag viel Glück" angestimmt.

Komponieren gegen die geburtstägliche Urheberrechtsverletzung

Derartige Fakten über das wohl bekannteste englischsprachige Lied sind schon länger nachzulesen, zum Beispiel auf der Seite unhappybirthday.com, betrieben angeblich von US-Bürgern, die auf die skurrile geburtstägliche Urheberrechtsverletzung aufmerksam machen wollen - und zwar satirisch: "Wenn Sie jemanden gesehen haben, der 'Happy Birthday' gesungen hat, in einem Restaurant, einem Park oder in einer Schule, sollten sie das der ASCAP melden", heißt es zum Beispiel auf der Seite.

ASCAP ist die Abkürzung für die American Society of Composers, Authors and Publishers, also - grob - so etwas wie die amerikanische GEMA. Dort ist das Lied "Happy Birthday to You" ganz normal verzeichnet, schon seit 1935 ist das Copyright dort registriert, für Musik und Gratulationstext.

Als Komponistinnen werden nach wie vor die beiden Kindergärtnerinnen vermerkt, doch unter dem Feld "Publishers/Administrators" steht etwas anderes. Der Musikverlag Chappell Music Publishing nämlich hat die Rechte an dem oft gesungenen Lied erworben. Und da die Firma dann selbst aufgekauft wurde, heißt der Rechteinhaber jetzt: Warner/Chappell, ein Teil der Warner Music Group (WMG). Wegen einer Fristverlängerung bleibt das auch vorerst so. Bis 2030 gilt das Copyright in den USA, in der EU immerhin noch bis 2016, weil Patty Smith Hill im Jahr 1946 verstorben ist. 70 Jahre nach dem Tod des Autors dauert die hiesige Schutzfrist für solche Werke.

Trällern ohne Gebühren

Wer das Lied in einem Film verwendet, öffentlich singt, zum Beispiel in der Schule, auf einer Bühne aufführt oder in eine Musikgrußkarte einbaut, muss also - zumindest theoretisch - zahlen. "Es ist eines der wertvollsten Copyrights, die es gibt", schreibt die ASCAP zu den Rechten am Geburtstagslied in einer Broschüre (PDF). "Diese kleinen Zahlungen summieren sich wirklich", heißt es weiter, allein in den USA bringe das Lied zwei Millionen Dollar jedes Jahr.

Ein Grund zum Feiern also. Das sehen offenbar nicht nur die Betreiber von unhappybirthday.com völlig anders, sondern auch das Free Music Archive. Dort wird jetzt nach einem neuen Geburtstagslied gesucht, das unter einer Creative-Commons-Lizenz veröffentlicht werden soll und dann auch ohne Gebühren jederzeit geträllert werden könnte. Das Gewinnerlied soll dann weltweit bekannt gemacht werden.

"Wir fordern Liedermacher überall auf, 'Happy Birthday to You' von seinem kulturellen Thron zu stoßen und einen möglich Ersatz zu komponieren", heißt es in der Ausschreibung, "mit einer Melodie, die Kinder singen dürfen, ohne Angst zu haben."

Das dürfte eher metaphorisch zu lesen sein, denn bisher ist noch nichts bekannt geworden von Kindern, die beim Ständchen aus Angst vor Urheberrechtsverletzungen nur verhalten mitsingen. Verhalten ist bisher aber die Teilnahme am Wettbewerb: Unter den ersten Einsendungen ist jedenfalls noch kein Hit, der den Geburtstagsgassenhauer ablösen könnte.

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insgesamt 26 Beiträge
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1. Ein ...
Wolfes74 18.12.2012
Zitat von sysopCorbisJeder kennt es, jeder singt es: "Happy Birthday to You" ist das wohl bekannteste Lied in englischer Sprache. Daran verdienen die Rechteinhaber prächtig. Im Web wird jetzt nach einem alternativen Ständchen gesucht, das dann jeder kostenlos singen dürfte. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/creative-commons-wettbewerb-schwarm-sucht-neues-happy-birthday-a-873354.html
wunderbares Beispiel für die Sinnlosigkeit/Absurdität geltenden Urheberrechts. Ich hab dieses Lied noch nie in meinem Leben geträllert (es ist einfach albern - ja sogar peinlich), aber wenn ich damit gegen perverse Gesetzgebungen/Regelungen verstoßen kann bekomm ich richtig Lust es mehrmals täglich anzustimmen. Einzige dumme daran ist daß man dann höchstwahrscheinlich ne Fahrkarte in die Anstalt bekommt.
2.
tubolix 18.12.2012
Zitat von sysopCorbisJeder kennt es, jeder singt es: "Happy Birthday to You" ist das wohl bekannteste Lied in englischer Sprache. Daran verdienen die Rechteinhaber prächtig. Im Web wird jetzt nach einem alternativen Ständchen gesucht, das dann jeder kostenlos singen dürfte. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/creative-commons-wettbewerb-schwarm-sucht-neues-happy-birthday-a-873354.html
guter tipp für abmahnanwälte.
3. Copyright
winston_t_wolf 18.12.2012
Liebe Judith Horchert, auch Sie leben davon, dass der Spiegel Verlag das Nutzungsrecht an Ihren Texten ausbeutet. Das ist die Grundlage der Kreativ-Industrie. Man mag davon halten was man will, aber nur weil jemand an einer Stelle besonders viel verdient, ist dass nicht grundsätzlich verwerflich. Best Winston
4. Ja,
schronzblotzco 18.12.2012
ich bin auch jedesmal zu Tode verängstigt wenn ich dieses Lied singe. Ehrlich, eine reine Zitterpartie. Man kann auch niemandem vertrauen. Meine Nachbarn, Freunde, Mitbewohner - wenn sie mich das Liedchen unter der Dusche trällern hören und mich verraten würden - nicht auszudenken, die Folgen! Was für eine grauenhafte Welt das doch ist. Spendet für die selbstlosen Menschen die versuchen, dies zu unterbinden, und merken: Nur noch "Viel Glück und viel Segen" von jetzt an!
5. Alternative ist mir schon bekannt
selbstdenken 18.12.2012
Als gelernter DDR-Bürger habe ich meinen Erstkontakt mit dem unsäglich Häppi Börsday erst sehr spät gehabt. Ich konnte mich damit nie recht anfreunden. In meinem Umfeld wird "weil heute dein Geburtstag ist" gesungen - drei kurze Strophen und gut ist. Viel schöner und eingänglicher, aber nix für faule nur Erststrophenmerker.
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