Projekt CrowdSound Hier komponiert der Schwarm

Sie wollten schon immer einmal ein Musikstück komponieren? Beim Onlineprojekt Crowdsound können Sie zumindest über den jeweils nächsten Ton abstimmen. Es ist nicht das erste Mal, dass ein Künstler die Massen um Mithilfe bittet.

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Einfach und übersichtlich: Die Website zum Mitkomponieren.

Einfach und übersichtlich: Die Website zum Mitkomponieren.


18 Mal dieselbe Akkordfolge. C G Am F. Dazu die Noten eines Songs, der hier abgespielt werden kann, ein Klick auf die Pfeiltaste genügt. Beim Abspielen kann jeder auswählen, ob er die Melodie als Klavierstück oder mit Gitarren-Sound anhören möchte.

So weit, so unspektakulär. Doch irgendwann bricht die Musik ab und es erscheint ein Fenster mit der Frage, welcher Ton als nächstes erklingen soll.

Alles, was man bis dato gehört hat, war das Ergebnis einer Komposition per Crowdsourcing. Für jeden gehörten Ton hatten sich einige von Hunderten Nutzern entschieden, der Ton mit den meisten Stimmen wurde jeweils gespielt.

Die große Frage: Welcher Ton soll es denn sein?

Die große Frage: Welcher Ton soll es denn sein?

Über 40.000 Musikinteressenten aus mehr als 140 Ländern haben sich seit August an der Internet-Komposition beteiligt, das Projekt namens Crowdsound ist gerade in der Schlussphase - es muss nur noch das Ende des Songs ausdiskutiert werden.

Etwas für die Masse

Für Crowdsound ließ sich der in der Dominikanischen Republik lebende Programmierer Brendon Ferris vom Kooperationskonzept der Wikipedia inspirieren. Dem "New Scientist" erklärte er seine Idee so: "Ich dachte mir, wenn die Masse über die nächste Note entscheidet, dann muss etwas herauskommen, das den meisten Leuten gefällt."

Das Angebot richtet sich explizit nicht an ausgebildete Musiker und Komponisten, sondern an alle, die sich für Melodien interessieren. Derzeit, heißt es auf der Website, sei der Song nicht viel mehr als ein "Skelett". Wenn er aufgeführt werde, hätten die Musiker natürlich alle künstlerischen Freiheiten, was ihre Interpretation angeht.

Damit Musik-Laien nicht Kraut und Rüben zusammenstoppeln, ist nicht nur die Akkord-Struktur vorgegeben. Ferris entschied sich auch für einen üblichen Song-Aufbau mit Strophen, Refrains und einer Auflösung.

Der Song ist bald zu Ende, noch kann man aber über Töne abstimmen

Der Song ist bald zu Ende, noch kann man aber über Töne abstimmen

Es folgt noch der Text

Mit der Musik allein ist das Experiment aber noch nicht an seinem Ende. Ein guter Song braucht einen guten Text, also soll das Kollektiv in einem nächsten Schritt auf ähnliche Weise einen Liedtext verfassen.

Das seit einiger Zeit laufende Projekt ist natürlich längst Diskussionsthema bei Musik-Nerds. Auf Reddit sind die Wertungen unterschiedlich. Während einige Nutzer von Teilen des bisher Erreichten schwärmen, bemängeln andere zu viele Wiederholungen. Wiederum andere stellen die Frage, wem überhaupt das Copyright an dem Song gehöre.

Brendon Ferris' Kollektivkunst-Projekt ist nicht das einzige seiner Art. Auch andere Musiker haben beim Komponieren auf den Geschmack der Vielen gesetzt. So veröffentlichte etwa der schwedische DJ und Musikproduzent Avicii mit "X You" einen Titel, für den Interessierte zuvor Notenfolgen einreichen konnten.

Bitte Geräusche einschicken

2013 gab es auch noch ein Projekt des städtischen Orchesters Toronto mit dem Komponisten und MIT-Forscher Tod Machover. Dabei waren die Einwohner der Stadt aufgefordert, Geräusche jeder Art einzureichen - von Straßenlärm über Kindergeschrei bis zum Vogelgezwitscher. Diese Sound-Fetzen wurden dann in ein Musikstück eingearbeitet, das für klassische Orchester komponiert wurde. Interessenten konnten sich mittels einer App am Auswahlprozess beteiligen und sogar über das Ende des Stückes mitbestimmen.

Das gleiche Konzept verfolgt Machover derzeit mit dem Detroit Symphony Orchestra, wo Interessenten noch bis zum 20. November beim Entstehen einer "Sinfonie in D" mithelfen können.

Auch auf anderen Feldern gibt es Versuche, die Weisheit oder Kreativität des Schwarms für künstlerische Vorhaben zu nutzen. Der Schriftsteller Joshua Cohen zum Beispiel arbeitete vergangenen Woche an einer Art Neuinterpretation von Charles Dickens' Roman "Die Pickwickier" - live im Internet. Interessenten konnten dem Autor beim Schreiben seines Textes zusehen und die jeweiligen Arbeitsschritte kommentieren. Als Cohen mit seiner Arbeit endgültig fertig war, wurde die Website am Dienstag vom Netz genommen.

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spon-facebook-10000344324 26.10.2015
1. Schwarm-Kreativität? Nein danke!
Was für eine seltsame Idee ist das?! Ich glaube kaum, dass man individuelle Schöpferkraft angemessen ersetzen kann durch die Kreativität einer "Crowd". Es mag ja "Schwarmintelligenz" geben, wo es um Optimierung von technischen oder ökonomischen Prozessen geht, aber "Schwarmkreativität" erscheint wir als Widerspruch in sich selbst - es sei denn, man reduzierte das Ganze auf die kommerzielle Optimierung von Musik im Sinne von Massentauglichkeit. Dann aber wäre zu fragen: Wozu brauchen wir noch die verkaufsoptimierende Kreativität des Schwarms, wenn es Helene Fischer längst gibt?
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