"Crowdsourcing": Zwei Cent für den Schafzeichner

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Das Internet entwickelt sich zum Arbeitsmarkt für Mikrojobber und Minutenlöhner. Amateure stellen billigst ihre Arbeitskraft zur Verfügung - und kritzeln online zum Beispiel Schafe, für zwei Cent pro Stück. Im Netz wächst ein globales Proletariat heran.

Ich war viel verlassener als ein Schiffbrüchiger auf einem Floß mitten im Ozean. Ihr könnt euch daher meine Überraschung vorstellen, als bei Tagesanbruch eine seltsame kleine Stimme mich weckte: "Bitte... zeichne mir ein Schaf!"

Antoine de Saint-Exupéry, Der kleine Prinz

Aaron Koblin besitzt 10.000 Schafe. Digitale Schafe, geschaffen von Tausenden von einsamen Arbeitern irgendwo auf dem Globus, die bereit waren, an ihrem Computerarbeitsplatz für Koblin zu zeichnen - für zwei US-Cent pro Schaf. Heute sind manche von ihnen sauer auf Koblin. Andere haben begonnen, Schafe auf Papier zu kritzeln und sie per Post an ihn zu schicken. Ein gewisser "Jeff", bei Amazon.com für "Webservices" zuständig, lobte ihn öffentlich mit den Worten: "Was für ein cooles Beispiel für kollaborative Kunst!"

"The Sheepmarket": 10.000 Schafe für 2 Cent pro Stück

"The Sheepmarket": 10.000 Schafe für 2 Cent pro Stück

Jeff hat ein ganz besonderes Interesse an Koblins seltsamem Projekt: Es wurde durch einen Amazon-Dienst erst möglich. Obwohl Koblin sein Kunstprojekt " The Sheepmarket" durchaus als kritische Auseinandersetzung mit der Arbeitswelt von morgen meint, ist man beim Internet-Buchändler begeistert. Denn "The Sheepmarket" demonstriert die Möglichkeiten, die Amazons Minutenlöhner-Vermittlung "Mechanical Turk" schafft. Jeff: "Betrachten Sie es als Beispiel dafür, wie schnell, einfach und billig sie 10.000 Leute dazu bringen können, etwas für Sie zu tun." Internet-Guru Tim O'Reilly nannte "The Sheepmarket" "die vielleicht interessanteste Anwendung für den Mechanical Turk".

Der Mechanische Türke war eine berühmte Illusion aus dem 19. Jahrhundert: Eine mechanische Figur, die angeblich Schach spielen, konnte – Deep Fritz Mk. I gewissermaßen, der erste Schachautomat. In Wahrheit jedoch steckte im Gebälk der talentierten Figur ein Schach-Könner, der die Hände des mechanischen Türken über Hebel und Rädchen steuerte. Genau das will Amazon mit Mechanical Turk auch: Menschen in Maschinen stecken, weil Maschinen manches nicht so gut können wie Menschen. "Künstliche künstliche Intelligenz" nennt man den Dienst bei Amazon denn auch.

Wir sind alle in die Matrix eingestöpselt

Andere sprechen von "Crowdsourcing" – und dieser Begriff trifft es vielleicht noch besser: Es geht um Outsourcing. Nicht an eine Firma sondern an die Masse, die Crowd der Netznutzer. Wer eine simple Aufgabe zu erledigen hat, etwa das Überprüfen schlecht lesbarer Zahlenkolonnen, kann sie beim Mechanical Turk ins Netz stellen – und einen Stücklohn für jede bewältigte Aufgabe ausloben. Wer einen zehnsekündigen Interview-Schnipsel abtippt, bekommt dafür 10 US-Cent, 4 Cent gibt es für Informationen über bestimmte Bands.

Amazon selbst beschreibt das Modell so: "Erledigen Sie einfache Aufgaben, die Menschen besser beherrschen als Computer. Werden Sie dafür bezahlt. Wählen Sie aus Tausenden von Aufgaben aus, legen Sie selbst fest, wann Sie arbeiten und wie viel Sie verdienen." Bezahlt wird über Amazon-interne Konten. Mit dem Geld können Produkte bezahlt werden. Amerikaner können es sich aber auch aufs Bankkonto überweisen lassen.

Rein praktisch ist das System einerseits eine Methode, Menschen für minimalste Summen zum Arbeiten zu bringen – vielleicht, wie im Falle der Schafe von Aaron Koblin, aus Langeweile oder purem Schaffensdrang. Andererseits schafft "Crowdsourcing" echten Mehrwert - auf Kosten all dessen, was man in einem Sozialstaat so mit bezahlter Arbeit assoziiert. Freie Software und Wikipedia waren gestern, jetzt wird Geld gemacht.

Der freiwillige Fleiß entwertet die Arbeit der Profis

Michael Arrington, Gründer des Weblogs "TechCrunch", etwa, findet den Mechanical Turk "ein bisschen furchteinflößend, weil ich die Vision von der Matrix - wir sind alle in eine Maschine eingestöpselt - nicht aus meinem Kopf kriege". "Wired" formulierte: "Verteilte Arbeits-Netzwerke benutzen das Internet, um die überschüssige Rechenleistung Millionen menschlicher Hirne auszubeuten."

Koblins Schafzeichner verdienten im Schnitt 69 Cent pro Stunde - reich wird mit dem Mechanical Turk vorerst keiner. Außer denen, die Crowdsourcing betreiben. Nicht nur über Amazon - Konzerne kaufen billigst Amateurfotos an bei iStockphoto oder lassen über innocentive technologische Probleme von den Massen da draußen lösen. Selbst die Agentur Reuters kauft inzwischen offiziell Amateur-Nachrichtenfotos an. Für freiberufliche Profis und ungelernte Arbeitskräfte in vielen Bereichen wird das Leben in den kommenden Jahren härter. Für die Auftraggeber bedeutet der globale Markt für Kurzzeitjobber Flexibilität - und er generiert Geld.

Die Lust am Machen, am Senden, am Erschaffen

Auch dieses Konzept demonstrierte Koblin im Rahmen seines Projektes. Zunächst wurden die von Hobbykünstlern erschaffenen Schaf-Massen in Ausstellungen gezeigt: mal auf einem Laufband, um die Parallele zum Akkord-Kapitalismus zu verdeutlichen, mal auf Briefmarken-Bögen á 20 Stück, zum Abtrennen und Aufkleben. Inzwischen verkauft Koblin diese Bögen für 20 Dollar pro Stück. Wie viele er davon losgeworden ist, ist unklar - aber auch völlig irrelevant. Denn er hat gezeigt, was zu zeigen war.

Plötzlich fühlten sich einige der Freizeitkünstler enteignet. "Die verkaufen unsere Schafe!", zeterte einer im offiziellen Forum des Mechanical Turk. Sogar über eine Klage gegen den Ausbeuter wurde laut nachgedacht. Die 2-Cent-Arbeiter fühlten sich ihres schöpferischen Outputs beraubt. Und begriffen vielleicht zum ersten Mal, was es heißt, im Netz seine Arbeitskraft zu verkaufen.

Dabei schätzt Koblin die Leistung seiner "Arbeiter" durchaus - man kann sich jeden einzelnen Schaffensprozess bis heute auf der Webseite thesheepmarket.com vorführen lassen. Was ihn am meisten erstaunte: dass manche das Schafzeichnen offenbar genossen hatten. Die schiere Lust am Machen, am Senden, am Erschaffen, die der Brennstoff all der neuen Mitmach-Modelle im Netz ist, ist auch der Kern des Schafsmarktes: "Seit dem Projektstart habe ich per Post handgezeichnete Schafe bekommen und Anfragen, der Sammlung neue Schafe hinzuzufügen", sagt Koblin. "Die Annahme, dass die Arbeiter von etwas anderem als Geld angetrieben wurden, scheint offiziell verifiziert."

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Forum - Entsteht ein digitales Welt-Proletariat?
insgesamt 6 Beiträge
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1.
MRichter, 11.12.2006
Ich denke schon, dass es zu einem digitalen Proletariat kommen wird. Führende Zeitschriften werben Amateur-Pressefotografen an (u.a. STERN, BILD) und werden dem Pressefotografen das Wasser abgraben, so wie die Stockphotoagenturen den normalen Fotografenmarkt zerstört haben (Getty-Images, Corbis etc). Ich bin mir sicher, dass sich das in andere Bereiche ausweiten wird. Solange die Leute so dumm sind für ein Nichts an Geld zu arbeiten, wird sich diese Masche der Ausbeuterei lohnen. Schön blöd.
2.
echom, 11.12.2006
Ich denke, dass es sich genauso entwickeln wird, wie beim globalen Arbeitsmarkt. Am Anfang denken alle, sie muessten nach China und Indien auslagern und merken dann, dass es vielleicht keine so gute Idee war. Wenn der Markt mit solchen "Mechanical Turk"-Projekten gesaettigt ist, wird sich die Erkenntins breit machen, dass Qualitaet einfach ihren Preis hat. Genau das gleiche ist auch beim Web2.0-Gedanken zu finden. Anfangs war die Wikipedia-Idee der Steind er Weisen, nun melden sich die Weisen des Web und fordern eine neue Wikipedia mit Qualitaetskontrolle. Das wird alles nicht so heiss gegessen wie's auf den Tisch kommt, und fuer Panikmache ist es definitiv zu frueh. Auch Reuters wird auch einsehen muessen, dass man fuer bestimmte Fotos einfach einen geschulten Photografen braucht, mit einer ordentlichen Spiegelreflexkamera und keiner Handykamera. Es ist allerdings eine neue Idee, billig an Arbeitskraft zu kommen und sie wird, wenn sie zu einem generellen Vorteil in der Industrie wird, auch ihren Platz im Arbeitsmarkt einnehmen.
3. Von Proletariat und in Netzwerken agierenden Unternehmern
Openeur, 11.12.2006
Ich meine nicht, dass Tim O`Really sich als Marx des 21. Jahrhunderts verstanden haben will. Ganz im Gegenteil. Das Web ermöglicht es Menschen, ausschließlich Aufgaben auszuführen die ihren individuellen Kompetzenzen entsprechen. Egal ob es nun der Verkauf von Fotos auf istockphoto, Waren auf Ebay oder eben Kreativität und Wissen auf Innocentive ist. Hierdurch entstehen enorme wirtschaftliche Potentiale, die bereits vielversprechend von einigen findigen Unternehmern erkannt wurden. Die klassischen Grenzen zwischen der Arbeiterschaft und den Unternehmen sind fließend geworden, man agiert, verkauft und arbeitet in globalen Netzwerken. Somit ist es zur neuen Kernkompetenz geworden die bestehenden Systeme zu nutzen und mit ihnen zu arbeiten. Hierbei befinden wir uns noch am Anfang einer weitaus größeren Bewegung. Dementsprechend möchte ich auf den Untertitel des Wired-Autoren und Erfinders des Crowdsourcing Begriffs Jeff Howe verweisen. Es geht um den "Aufstieg des Laien". Nach meiner Auffassung wird der Amateur zum Openeur. visit http://www.openeur.com/blog/2006/12/11/spon-crowdsourcing/
4.
Rainer Helmbrecht 12.12.2006
---Zitat von MRichter--- ..... Ich bin mir sicher, dass sich das in andere Bereiche ausweiten wird. Solange die Leute so dumm sind für ein Nichts an Geld zu arbeiten, wird sich diese Masche der Ausbeuterei lohnen. Schön blöd. ---Zitatende--- Sie haben ein wunderbares Menschenbild, unsere Zukunft, getragen von den Blöden dieser Welt. Ich bin beileibe kein Verdachtschöpfer, aber wie kommen Sie auf die Idee, dass die treibende Kraft aus dem Proletariat kommt. Das wird gefördert von großen Wirtschaftsunternehmen, die mit entsprechenden Gesetzen, schon den Weg geebnet haben. Der, der für Wenig, oder Nichts arbeitet versucht, unter schlechten Bedingungen die Sozialhilfe zu vermeiden. Der Staat, unsere Politiker denken, dass ein Staat reich ist wenn er die Armen auspresst und so entsteht ein völlig idiotisches System, welches erst später, durch ein Umsteuern, diese frühkapitalistischen Auswüchse wieder beseitigt. Das wird nicht billig, aber da es die Opfer, die Armen, selber bezahlen müssen, können sich Spitzenbeamte und Politiker diesen Luxus mal leisten. Aber die "schön Blöden" als Opfer, auch noch zu beleidigen, wird nicht zu einer Lösung beitragen.
5.
GJJ, 12.12.2006
---Zitat von sysop--- Entwerten die Möglichkeiten digitalen Outsourcings Arbeitskraft? Oder entsteht ein neuer Arbeitsmarkt im Netz, der Chancen schafft? Der Artikel zum Thema: http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,453450,00.html ---Zitatende--- Wer Menschen immer noch in Klassen einteilt, sollte sich vom Weihnachtsmann eine Zeitmaschine wünschen, damit ins 19. JH reisen und seine Klassenkampfparolen verbreiten.
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