Cryptonomicon Neues von Neal

Neal Stephenson legt mit "Crypronomicon" einen Roman vor, dessen "Hauptdarsteller" die Kryptografie ist. Das klingt trocken, ist aber voller Blut, Schweiß und Tränen. Und noch nicht einmal schlecht.


Neal Stephenson ist kein Schwergewicht. Schlank, fast dürr schaut er aus auf dem kleinen obligatorischen Foto auf der hinteren Buchklappe seines neuen Wälzers "Cryptonomicon". Denn der dünne Neal mag dicke Bücher: Erstmals zeigte er das mit "Snow Crash", mit dem er 1991 seinen Ruhm begründete - und mit "Cryptonomicon" setzt er da noch einen drauf.

Doch nicht genug damit, dass Stephensons neuestes Werk satte 1181 Seiten lang ist: Auch er selbst, versichert werbend der Buchklappentext, sei ein literarisches Schwergewicht. Mehr noch: Stephenson sei "eines der größten Genies in der amerikanischen Literatur".

Das ist ein schwer wiegender Vorwurf, der bei vielen Lesern dazu führen mag, vielleicht doch lieber einen Bogen um sein Buch zu machen. Ist das Etikett "Genie" nicht zu oft eine Entschuldigung für "schwere" Literatur, der sich Sinn und Verstand nur mühselig abtrotzen lassen?

Wenn dem so ist, dann ist Stephenson sicherlich kein Genie (die bekanntlich ja auch eher rar gesät sind).

Was der Kultautor hier vorlegt, ist jedoch trotz alledem beachtlich: Ein Buch, in dem es vordergründig zumindest ab und zu darum geht, dass ein zusammengewürfelter Haufen von Menschen irgendwann im Hier und Jetzt versucht, Nazi- und Japanergold dem Boden des philippinischen Urwalds zu entreißen. Der andere große Handlungsstrang wiederum erzählt - ebenso vordergründig - die Geschichte, wie dieses Gold überhaupt hineinkam in den Boden.

Vordergründig, denn eigentlich geht es im "Cryptonomicon" um Kryptografie

Jetzt stelle man sich einmal vor, ein Bestsellerautor lege einen 1200-Seiten-Schinken über Mathematik und die Kunst der Verschlüsselung vor. Das geht natürlich nicht, denn das klingt doch zu sehr nach Einschlafhilfe (oder "Genialität").

Doch Stephenson lässt keine Müdigkeit aufkommen: Er erzählt und erklärt dabei das Konzept der Kryptografie und ganz nebenbei auch die Entstehungsgeschichte des Computers und der NSA in zahlreichen Handlungssträngen, angesiedelt im pazifischen Raum, im Silicon Valley, im umkämpften WWII-Europa (wie ein Amerikaner sagen würde), in U-Booten, an Stränden, wo Echsen sterbende Japaner anfressen, und überhaupt überall da, wo geschossen und gestorben und gequält und gefoltert und vergewaltigt und gedacht und konstruiert und kopuliert wird - prall ist das, manchmal zu prall.

"Publishers Weekly" nannte "Cryptonomicon" das "aufwendigste literarische Projekt der Jahrtausendwende", die "New York Times" lobte das "lebenspralle Epos", und auch die "Washington Post" bezeichnete den Wälzer immerhin als "kühn und respektlos". "Cryptonomicon", das in den USA bereits 1999 erschienen, ist ein Kultbuch der Geeks, weil alle Helden irgendwie Hacker sind.

Stephenson, dem man nach "Snow Crash" noch vorwarf, er sei ein zu spät gekommener Visionär, da William Gibson alles ja schon sechs Jahre vor ihm ercybert habe (was sagt man dann noch zum Trittbrettfahrer Tad Williams mit seinen aufgewärmten "Otherland"-Utopien?), erschließt hier völlig eigenen Boden.

Er tut dies, indem er seine eigentliche Intention - die Kryptografie selbst zur Hauptsache des Buches zu machen - in saftige Action mit oft satirischen Anklängen verpackt. Das hat tatsächlich einen genialischen Touch, auch wenn die Personen, die Stephenson malt, samt und sonders auf Klischees beruhen und ohne viel Worte im Kopf des Lesers entstehen. Man kennt sich, auch aus Film und Fernsehen.

Packend ist die Sache trotzdem, weil Stephenson es versteht, diese Klischeetypen in entsprechend pralle Szenen zu setzen: Zwischen Humor und Horror ist es schwer, sich der Handlung zu entziehen. So leben und sterben sich Stephensons "Helden" als funktionstragende Abziehbilder durch die Handlung - außer, sie sind "echt", denn keck lässt Stephenson auch Typen wie Ronald Reagan (als Kriegsberichterstatter, der in dieser Rolle auch nicht besser war als als Schauspieler oder Präsident) oder Alan Turing, einen der Väter des Computers, mitwirken.

Flache Charaktere, tiefe Themen

Doch selbst hier baut der Autor nicht an den Charakteren, deutet sie nicht, stützt sich vielmehr wieder auf Klischees: Wozu sollte man den jungen Kriegsreporter Reagan beschreiben, wenn ihn doch sowieso jeder als schlechten Schauspieler in billigsten Western vor Augen hat?

In dieser Hinsicht kommt "Cryptonomicon" nicht über den Anspruch eines soliden Stückes Unterhaltungsliteratur hinaus. Das ist auch für Tom-Clancy-affine Freizeitleser gut goutierbar.

Was nichts schlechtes ist. Originell und gut ist das Buch dagegen immer dann, wenn sich der Erzähler auf die verschroben "digitale" Denkweise seiner Mathematiker-Helden einlässt. Wenn er fühlbar macht, dass eine Enigma auch nur eine Kirchenorgel ist (oder umgekehrt) und dass es, wie es im Nachwort von Bruce Schneier heißt, Spaß macht, "sich mit Kryptografie zu beschäftigen".

Das ist die eigentliche Entdeckung des Buches - und es scheidet den vermeintlich ewig Zweitplatzierten von seinen Utopisten-Konkurrenten in der Gegenwartsliteratur: Anders als so mancher Effekthascher beschäftigt sich Stephenson nämlich ganz und gar nicht mit hippen In-Technologien. In einer Szene heißt es, einer der Helden könne sich jetzt etwas in der optischen Übersetzung einer "virtuellen Realität" ansehen, "wenn ihn das interessieren würde".

Das tut es aber nicht. Stephensons Interesse liegt bei der Rolle und der Relevanz von Techniken im und für das Leben von Menschen: Die geht bei virtueller Realität (siehe Tad Williams) tatsächlich gegen Null.

Und weil das so ist, "erklärt" Stephenson nicht nur hoch komplexe Konzepte in sehr unterhaltsamer Form, sondern gibt ihnen damit auch den nötigen Kontext. Letztlich sagt der Kriegs- und Schatzsuche-, Krimi- und Love-Story-, Zeitsatire-, Dschungelabenteuer- und Technokult-Schinken "Cryptonomicon" mehr über Kryptografie und die Geschichte des Computers aus als so manches "Fachbuch". Und darüber, was all dieses komplizierte Zeug für uns, unsere Wirtschaft, die Politik bedeutet oder einmal bedeuten wird: Insofern steht der Nicht-Science-Fiction-Roman "Cryptonomicon" in bester Tradition der utopischen Literatur.

Wer darauf keine Lust hat, greife zu "Cryptonomicon" und halte ein gutes Stück Unterhaltungsliteratur in den Händen. Sicherlich nicht das "aufwendigste literarische Projekt der Jahrtausendwende", aber auch nicht schlecht. Pfiffig, und bisher Stephensons bestes Buch.

Neal Stephenson: "Cryptonomicon". Aus dem Amerikanischen von Juliane Gräbener-Müller und Nikolaus Stingl; Goldmann Verlag, München, 1181 Seiten; 58 Mark.

Frank Patalong

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2001
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.