Öffentlich-rechtliche Sender CSU-Politikerin Bär kritisiert kurzes Online-Verfallsdatum

Nach sieben Tagen verschwinden Fernsehbeiträge von ARD und ZDF im Online-Nirwana, Sendungen von überschaubarem Niveau bei den Privaten sind wochenlang zugänglich. Das will die CSU-Netzratchefin Dorothee Bär ändern.

CSU-Vizegeneralsekretärin Bär: Will den Rundfunkstaatsvertrag ändern
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CSU-Vizegeneralsekretärin Bär: Will den Rundfunkstaatsvertrag ändern


Hamburg - Überraschend deutlich hat sich die CSU in Person ihrer Netzratsvorsitzenden Dorothee Bär von der bisherigen Praxis abgesetzt, veröffentlichte Online-Inhalte bei ARD und ZDF bereits nach sieben Tagen zu löschen. Im Gegenteil, diese "Inhalte sollten länger im Netz stehen", so die Forderung der Politikerin.

Ihr Vorstoß erfolgte zeitgleich zur Veröffentlichung der Studie "Gesetzliche Regelungen für den Zugang zur Informationsgesellschaft" des Büros für Technikfolgenabschätzung des Deutschen Bundestags. Bär führte weiter aus: "Die Tatsache, dass öffentlich-rechtliche Inhalte nach sieben Tagen wieder aus dem Netz genommen werden müssen, widerspricht allem, was wir über die Informations- und Kommunikationskultur im digitalen Zeitalter wissen."

Ihre Argumentation zielt auf zwei Ebenen ab. Zum einen entferne sich das Zuschauerverhalten immer weiter vom überkommenen Modell des linearen Fernsehens. Auch inhaltlich ergebe die derzeitige Regelung keinen Sinn. Es sei unlogisch, Sendungen wie "We love Lloret" wochenlang auf allen Geräten ansehen zu können, während Reportagen über den US-Wahlkampf oder Bundestagsdebatten nach sieben Tagen verschwunden seien.

"Konterkariert journalistischen Aufwand"

"Das (...) widerspricht nicht nur den Lebensgewohnheiten der Menschen, sondern konterkariert auch den journalistischen Arbeitsaufwand, der hinter jedem einzelnen Beitrag steckt", so Bärs Fazit. Der Rundfunkstaatsvertrag entspreche gegenwärtig nicht dem Transparenzanspruch der Bürger des Landes und müsse daher geändert werden.

Hintergrund ist die seit dem 1. September 2010 laut Rundfunkstaatsvertrag vorgeschriebene Praxis, die Online-Berichterstattung von ARD und ZDF nach einer Frist von einer Woche zu depublizieren. Die Inhalte müssen dabei nicht endgültig gelöscht werden, dürfen aber nicht mehr öffentlich abrufbar sein. Diese Vorschrift ist das Ergebnis der Auseinandersetzungen zwischen den deutschen Verlagen und den öffentlich-rechtlichen Sendern.

Letztere stellen nach Ansicht der Verlage mit ihren digitalen Angeboten eine unzulässige, gebührenfinanzierte Konkurrenz dar. Im September 2012 hatten die Zeitungsverleger gegen die App der Tagesschau geklagt, das Landgericht Köln hatte dieser Klage entsprochen und erklärt, das digitale Nachrichtenprogramm für Smartphones verstoße gegen den Rundfunkstaatsvertrag. Gegen diese Entscheidung hatten ARD und NDR Berufung eingelegt.

NDR-Intendant Lutz Marmor begründete den Schritt mit weiterem Klärungsbedarf: "Nach unserer Auffassung hat die Wettbewerbskammer bei ihrer Definition des Begriffs der Presseähnlichkeit verfassungs- und rundfunkrechtliche Vorgaben nicht ausreichend berücksichtigt." Gleichzeitig sei man aber weiterhin an einem Dialog mit den Verlagen interessiert.

meu



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ralf_gabriel 31.10.2012
1.
Zitat von sysopDPANach sieben Tagen verschwinden Fernsehbeiträge von ARD und ZDF im Online-Nirwana, Sendungen von überschaubarem Niveau bei den Privaten sind wochenlang zugänglich. Das will die CSU-Netzrat-Chefin Dorothee Bär ändern. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/csu-vizegeneralsekretaerin-baer-gegen-depublizieren-von-online-inhalten-a-864431.html
7 Tage sind ein Witz. Ein schlechter noch dazu. Habe nie verstanden, warum das da nicht wenigstens einen Monat, wenn nicht gar ein Jahr abrufbar ist. Theoretisch kann sich jeder das selbst aufnehmen. Die Technologie ist in fast allen Haushalten verfügbar. Mir ist es schnurz, da ich genau das tue, aber die Begründung, warum die Sender das nicht ein Jahr oder von mir aus auch ewig anbieten können, ist mir unverständlich. Es geht ja nicht um geliehene Filme sondern um selbst produziertes.
peter_30201 31.10.2012
2.
---Zitat--- "Die Tatsache, dass öffentlich-rechtliche Inhalte nach sieben Tagen wieder aus dem Netz genommen werden müssen, widerspricht allem, was wir über die Informations- und Kommunikationskultur im digitalen Zeitalter wissen" ---Zitatende--- Ein Glück wissen Sie nicht viel über die Informations- und Kommunikationskultur im digitalen Zeitalter, Frau Bär.
Millitärwissenschaftler 31.10.2012
3. gut für die CSU...
denn das erspart der Partei so manchen Anruf bei unangenehmer Berichterstattung !...andererseits ist die Halbwertzeit von 7 Tagen bei einem großteil aller Programme eher Begüßenswert, wenn man sich die Qualität von einigen Berichten anschaut...investigativer Journalismus findet kaum noch statt...entweder ist diese Art von Journalismus unerwünscht oder man bezeichnet diese Journalisten als Verschwörungstherotiker...es gibt da auch noch die Möglichkeit die Moral / Nationalistische Keule zu schwingen ! Ich bin mir sicher, daß es heute nicht mehr möglich wäre so etwas wie die "Spiegelaffäre" nocheinmal zu wiederholen...unsere Programme sind schon lange zum Opium für's Volk verkommen !
lupenrein 31.10.2012
4. optional
Ja, ja Frau Bär, was Sie anstreben, wird zwar nicht durch Ihren letzten 'Vorstoß', aber sehr deutlich durch das umfangreiche Positionspapier der CSU klar: es ist die absolute Herrschaft der Parteien nun auch über das Internet, nachdem diese sich die ÖR-Rundfunkanstalten schon 'unter den Nagel gerissen' haben. Hier wird wieder einmal das Demokratieverständnis der CSU sichtbar. Die letzten Beispiele im Umgang mit den ÖR untermaueren meine diesbezügliche Meinung..... http://www.csu.de/dateien/partei/dokumente/110131_positionspapier_netzrat.pdf
Layer_8 31.10.2012
5. ähhmm
Zitat von sysopDPANach sieben Tagen verschwinden Fernsehbeiträge von ARD und ZDF im Online-Nirwana, Sendungen von überschaubarem Niveau bei den Privaten sind wochenlang zugänglich. Das will die CSU-Netzrat-Chefin Dorothee Bär ändern. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/csu-vizegeneralsekretaerin-baer-gegen-depublizieren-von-online-inhalten-a-864431.html
"Google" (bitte googeln!) ist ein klasse Wundermittel gegen Online-Nirvana. Wusste gar nicht, dass die CSU DAUs als Netzrats-Chefinnen bevorzugt
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