39-Millionen-Dollar-Bankraub Spuren führen ins Rockermilieu

Wer steckt hinter dem Super-Coup, mit dem eine Bande von Bankräubern im Februar 39 Millionen Dollar erbeutete? In Düsseldorf hat der Prozess gegen zwei Kleinkriminelle begonnen. Doch die Ermittlungen deuten auf die Motorradgang Satudarah hin.

Von , Düsseldorf

Angeklagter Eduard Z. vor Gericht: Schweigen aus Angst
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Angeklagter Eduard Z. vor Gericht: Schweigen aus Angst


Ein halbes Jahr lang haben sie sich nicht gesehen, nun fallen sich Willemina Z., 56, und ihr Sohn Eduard, 35, in Saal 120 des Düsseldorfer Landgerichts in die Arme. Doch Herzlichkeit zwischen Angeklagten ist nicht vorgesehen in einem deutschen Strafverfahren, weshalb Justizbeamte die beiden sofort trennen. "Sie setzen sich dorthin", sagt ein Wachtmeister scharf.

Die beiden Niederländer müssen sich von Mittwochmorgen an unter anderem wegen Computerbetrugs in einem besonders schweren Fall vor der 4. Großen Strafkammer verantworten. Der zuständige Staatsanwalt Murat Ayilmaz wirft der Kellnerin und dem Tischler vor, an einem gigantischen Bankraub beteiligt gewesen zu sein.

Nachdem Hacker Mitte Februar in das Computersystem eines indischen Kreditkartenherstellers eingedrungen waren, hoben wenige Tage später Hunderte Täter mit manipulierten Mastercard-Kreditkarten in 22 Ländern insgesamt 39 Millionen US-Dollar ab. Willemina Z. und ihr Sohn erbeuteten allein in Düsseldorf 168.000 Euro. Nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen war der virtuelle Angriff auf die Firma Instage Payment Solutions von IP-Adressen aus Deutschland und Russland erfolgt.

In dem Prozess vor dem Landgericht werden sich die Angeklagten nicht äußern, auch zu den Hintermännern des Super-Coups schweigen sie - aus Angst. "Mein Mandant hat die Befürchtung, ansonsten in Gefahr zu geraten", sagt der Verteidiger von Eduard Z., der Düsseldorfer Rechtsanwalt Johannes Pausch. In dem Prepaid-Handy, das Z. bei seiner Festnahme mit sich trug, wurden SMS von einem ominösen "BI2" gefunden: Er könnte der Auftraggeber des Duos sein, das nach Einschätzung der Ermittler nur ausführendes Organ war.

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Cyber-Bankraub: Der Riesen-Coup
Eduard Z., der als Tischler etwa 2000 Euro monatlich verdiente, ist laut Europol zwar bereits wegen Delikten wie Diebstahl, Körperverletzung und Verstößen gegen das Betäubungsmittelgesetz in Erscheinung getreten. Für ein kriminelles Mastermind hält ihn trotzdem niemand. Seine Mutter lebte zuletzt von staatlicher Unterstützung und jobbte als Aushilfskellnerin in einem Café. Gegen sie wurde bereits wegen Diebstahls, Raubes, Urkundenfälschung und Sachbeschädigung ermittelt.

Eine entscheidende Frage der Kriminalisten lautet daher: Welche Organisation ist in der Lage, ein globales Verbrechen von dieser Dimension und in dieser Geschwindigkeit durchzuführen? Dafür müssen nicht nur weltweit Laufburschen wie Eduard und Willemina Z. angeheuert und instruiert werden. Viel schwieriger ist es, diese Kleinkriminellen zu disziplinieren, damit sie die Beute auch abliefern.

Spuren führen zum Satudarah MC

Von besonderem Interesse für die Ermittler sind daher die Niederländer Gunter M., 32, und Petrus T., 51, die derzeit in Holland in Haft sitzen und nach Deutschland ausgeliefert werden sollen. Sie sollen in der Februarnacht als Abheber-Team in Düsseldorf operiert haben.

M. wiederum gehört der international operierenden Motorradgang Satudarah an und ist in seiner Heimat wohl in ein Tötungsdelikt verwickelt. Nach Angaben der Ermittler war er dabei, als der Rocker K. einen Anwärter des eigenen Clubs umbrachte.

Satudarah ist der größte niederländische Motorradclub, mit Niederlassungen von Großbritannien bis Indonesien. Die Polizei bringt die Bande immer wieder mit Organisierter Kriminalität in Verbindung. Nach Erkenntnissen der Behörden expandiert Satudarah derzeit massiv nach Nordrhein-Westfalen. In Duisburg kam es bereits mehrfach zu gewaltsamen Auseinandersetzungen mit verfeindeten Gangs.

"Bei einem Aufeinandertreffen der Rockergruppierung Satudarah und der Hells Angels sind Auseinandersetzungen nicht auszuschließen", heißt es in einem vertraulichen Vermerk der NRW-Polizei. Im vergangenen Jahr detonierten in Duisburg sogar Handgranaten, unter anderem in einem Wettbüro, das den Hells Angels zugeordnet wird. Auch fanden Spezialkräfte der Polizei bei Satudarah-Rockern Kriegswaffen wie Kalaschnikow-Sturmgewehre. "Diese Männer", sagt ein hochrangiger Ermittler, "sind wirklich gefährlich."

Der Prozess gegen Eduard Z. und seine Mutter Willemina wird in der kommenden Woche fortgesetzt.

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