Größter Cyber-Bankraub Der Meisterhacker will heim

Der Hacker Ercan Findikoglu soll einen Cyber-Bankraub historischen Ausmaßes organisiert haben und sitzt in Frankfurt in Haft. Die Türkei und die USA konkurrieren derzeit um seine Auslieferung - die deutsche Justiz wartet ab.

Von , Düsseldorf

Mutmaßlicher Cyber-Bankräuber Findikoglu: In den USA drohen ihm 250 Jahre Gefängnis
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Mutmaßlicher Cyber-Bankräuber Findikoglu: In den USA drohen ihm 250 Jahre Gefängnis


Im Netz hatte er viele Identitäten, er nannte sich "Predator", "Segate" und "Amonyak". Sein richtiger Name aber lautet Ercan Findikoglu, geboren 1982 im türkischen Devrekani, einem Nest im Norden des Landes. Inzwischen sitzt der 32-Jährige in Frankfurt am Main in Auslieferungshaft. Deutschen und amerikanischen Behörden gilt der Meisterhacker als Drahtzieher eines historischen Verbrechens, des wohl größten Cyber-Bankraubs.

In einer Februarnacht 2013 hatte eine Bande von Kriminellen mit einer manipulierten Kreditkarte knapp 40 Millionen Dollar erbeutet. Zuvor hackten sich Täter in das IT-System eines Bank-Dienstleisters, stahlen und manipulierten wichtige Daten. Es sei ein "epochaler" Coup gewesen, befand der Düsseldorfer Staatsanwalt Murat Ayilmaz, der die Tat in Deutschland aufarbeitet. (Die ganze Geschichte lesen Sie hier im aktuellen SPIEGEL.)

Schließlich kam der amerikanische Secret Service, der für Finanzermittlungen zuständig ist, nach SPIEGEL-Informationen durch einen Kronzeugen dem mutmaßlichen Rädelsführer Findikoglu auf die Spur. Im Dezember 2013 wurde er - unbemerkt von der Öffentlichkeit - während einer Reise nach Frankfurt am Main gefasst. Weil er über das W-Lan-Netz seines Hotels Mails abrief, konnten US-Dienste ihn lokalisieren. 41 Minuten später nahmen deutsche Kriminalbeamte ihn fest. In seinem Zimmer fanden die Polizisten unter anderem einen Laptop von Dell, mehrere Telefone, noch mehr Sim-Karten und 14.000 Euro in überwiegend großen Scheinen.

Anwalt will Auslieferung in die USA verhindern

Bislang ist jedoch vollkommen ungeklärt, wo der Meisterhacker, dem die amerikanischen Behörden noch zwei weitere Fischzüge gleichen Musters (Beute: 19 Millionen Dollar) vorwerfen, der Prozess gemacht wird. Sowohl die Türkei als auch die USA begehren seine Auslieferung. Findikoglus Frankfurter Anwalt Oliver Wallasch will eine Überstellung seines Mandanten in die Vereinigten Staaten jedoch unbedingt verhindern.

Wallaschs Argumente sind durchaus bedenkenswert: Nach seiner Auffassung ist die in den Vereinigten Staaten drohende Höchststrafe von fast 250 Jahren unverhältnismäßig, ein Verstoß gegen die Menschenwürde und de facto eine lebenslange Inhaftierung ohne Aussicht, wieder in Freiheit zu gelangen. In Deutschland drohten seinem Mandanten, der auch Familienvater sei, höchstens 15 Jahre Haft, so der Rechtsanwalt.

Hinzu komme, dass die US-Behörden Findikoglu unter anderem wegen einer "Verschwörung" anklagen wollten, wegen eines Deliktes also, das das deutsche Strafrecht nicht kenne. "Hier wird der Grundsatz der doppelten Strafbarkeit verletzt", so Wallasch im Interview mit SPIEGEL ONLINE. Sollte das Bundesverfassungsgericht die Rechtsauffassung des Frankfurter Oberlandesgerichts (OLG) bestätigen, werde er den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte anrufen, kündigt der Anwalt an.

"Unerträglich hart"

Das OLG hatte Anfang August beschlossen, dass eine Überstellung Findikoglus in die USA rechtmäßig ist. Es sei nicht ersichtlich, dass die dort drohende Strafe "unerträglich hart" oder sogar "unangemessen" sein könnte, entschied der 2. Strafsenat und wischte damit jegliche Bedenken kurzerhand vom Tisch. Weil aber auch eine Auslieferung in die Türkei zulässig ist, muss nun das Bonner Bundesamt für Justiz entscheiden, in welches Land der Meisterhacker denn gebracht werden soll. Findikoglu selbst präferiert - wenig überraschend - nach Angaben seines Anwalts eine Auslieferung in seine Heimat.

Dabei beobachten deutsche und amerikanische Ermittler das Ansinnen Ankaras mit einigem Unbehagen. Sie fürchten, dass der Hacker in der Türkei ziemlich schnell auf freien Fuß gelangen könnte. Immerhin durfte er sich dort in den vergangenen Jahren frei bewegen, obwohl er wegen Computersabotage und Betrugs eigentlich zu 22 Jahren Gefängnis verurteilt worden war. Ganz offensichtlich reiste Findikoglu in dieser Zeit sogar ins Ausland.

Sollte also eine Auslieferung in die Türkei beschlossen werden, könnte sich die deutsche Justiz doch noch einmal ins Spiel bringen und das derzeit ruhende Ermittlungsverfahren erneut mit Leben füllen. Wahrscheinlich umgehend würde die Staatsanwaltschaft Düsseldorf einen Haftbefehl gegen den Verdächtigen beantragen. Sollte die Reise Findikoglu indes in die USA führen, ließen die Deutschen ihn wohl ziehen.

Eine Entscheidung darüber wird in den nächsten Wochen erwartet.

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insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
ofelas 19.08.2014
1.
egal der hat in beiden Laendern nichts zu lachen
Ex-Kölner 19.08.2014
2. Gewissen Leuten...
Zitat von sysopSPIEGEL ONLINEDer Hacker Ercan Findikoglu soll einen Cyber-Bankraub historischen Ausmaßes organisiert haben und sitzt derzeit in Frankfurt in Haft. Die Türkei und die USA streiten derzeit um seine Auslieferung - die deutsche Justiz wartet ab. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/cyber-bankraub-tuerkei-und-usa-streiten-um-auslieferung-a-986763.html
...wünscht man doch sehr einen Einwegflug ins "Land of the free"...
conocedor 19.08.2014
3. selbst schuld
Zitat von sysopSPIEGEL ONLINEDer Hacker Ercan Findikoglu soll einen Cyber-Bankraub historischen Ausmaßes organisiert haben und sitzt derzeit in Frankfurt in Haft. Die Türkei und die USA streiten derzeit um seine Auslieferung - die deutsche Justiz wartet ab. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/cyber-bankraub-tuerkei-und-usa-streiten-um-auslieferung-a-986763.html
Nach einer Verurteilung zu 22 Jahren Haft wegen des gleichen oder eines ähnlichen Delikts ein solches noch einmal zu planen, auszuführen und dabei einen Schaden von vierzig Millionen Dollar anzurichten- dazu gehört neben der kriminellen Energie auch eine Menge Dreistigkeit und Überheblichkeit. Motto: Die Strafverfolgungsbehörden können mir gar nichts. Auch wenn ich das in den USA drohende Strafmaß für unverhältnismäßig halte- eine Auslieferung und Verurteilung hätte sich Herr Findikoglu mit seinem kriminellen Verhalten ja regelrecht erbettelt. Mein Mitleid hält sich in Grenzen.
pauschaltourist 19.08.2014
4.
Falsch. Ich befürchte, in der Türkei würde er sich nicht lange in Haft befinden. Deutsche Behörden sollten mit den Amis aushandeln, dass ihm maximal sagen wir 30 Jahre Haft dort drohen und somit den Vorwurf der angeblichen Unverhältnismäßigkeit (vielleicht hätte der Täter vor dem Angriff auf US-Amerikanische Banken einen Blick in US-Amerikanische Strafgesetzbücher werfen sollen) entkräften und dann sofort dort hin abschieben.
Schlangenzung 19.08.2014
5. Haarspalterei
---Zitat--- Hinzu komme, dass die US-Behörden Findikoglu unter anderem wegen einer "Verschwörung" anklagen wollten, wegen eines Deliktes also, das das deutsche Strafrecht nicht kenne. ---Zitatende--- Der Anwalt tut ja gerade so, als ob er weder Deutsch noch Jura gelernt hat. Ich denke mal, dass "Verschwörung" das ist, was bei uns "Bildung einer kriminellen Vereinigung" genannt wird. Ist strafbar (§ 129 StGB)
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